Sur Turhan im tz-Interview

"Mia san mia ist türkisch und bayerisch zugleich"

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Der Schriftsteller und Filmemacher Su Turhan beim Ortstermin auf der Wiesn.

München - Der Autor Sur Turhan ist ein Paradebeispiel für gelebte Integration in Bayern. In seinem neuesten Krimi schickt der seinen Kommissar auf die Wiesn. Die tz traf ihn zum Interview.

Über Integration mögen sich andere die Köpfe heißreden. Su Turhan macht es vor. Der Münchner Türke erhebt in seinen Büchern um den Kommissar Zeki Demirbilek alias Pascha die Multikulti-Realität der bayerischen Landshauptstadt zur Selbstverständlichkeit. Leicht überzeichnet mag sein Kommissar sein, aber in der Tradition der legendären Münchner Geschichten.

Das erste Pascha-Buch wird jetzt verfilmt und kommt 2016 in die Kinos. Pünktlich zum Wiesn-Start erscheint der neue Pascha-Fall: Anstich. Die erste Leiche wird diesmal bei den Wiesn-Aufräumarbeiten von Schweinen angefressen in einem Müllhaufen gefunden. Wir trafen Su Turhan beim Ortstermin auf der Oktoberfestbaustelle, um uns auf das Buch einzustimmen.

Gibt eine besondere Rücksichtnahme beim Schreiben. Nicht zu viel böse Türken, nicht zu viel böse Bayern?

Su Turhan: Solche Überlegungen habe ich mir von Anfang an verboten. Es wird niemand geschont. Letztendlich sind es Figuren, die ich erschaffe und die mir durch eine hoffentlich spannende und unterhaltende Geschichte helfen. Natürlich bediene ich ganz bewusst den Migrationshintergrund, weil mein Kommissar erst auf den Plan gerufen wird, wenn es einen erwischt, der kein Deutscher ist. Man findet bei mir jetzt aber nicht den Türken, der ständig mit Drogen dealt oder Frauen ehrenmordet. Ich habe auf beiden Seiten böse und gute Figuren.

Gibt es den typischen Münchner Türken?

Turhan: Das hat viel mit Sprache zu tun. Menschen mit türkischen Wurzeln, die sich über die Sprache der Stadt und ihren Menschen nähern, die kommen – ähnlich wie mein Kommissar – hier stark an. Die sind Teil der Stadt. Sprache ist eine Form der Heimat. Deshalb zucke ich manchmal zusammen, wenn ich dem Enklavendenken meiner Landsleute begegne. Man kann über Sprache auch Abgrenzung manifestieren. Man will dann einfach nicht hier dazugehören. Das soll natürlich jeder handhaben, wie er will, aber ich finde schon, dass man, wenn man hier lebt, die Sprache einigermaßen beherrschen sollte.

Die beiden Kommissare, der bayerische Leipold und der türkische Demirbilek, sind auf der einen Seite sehr unterschiedlich, dann aber auch sehr ähnlich. Gibt es viele Gemeinsamkeiten zwischen der Türkei und Bayern?

Su Turhan klärt tz-Reporter Antonio Seidemann über bayerisch-türkische Gemeinsamkeiten auf.

Turhan: Ich habe schon das Gefühl. Dieses „laissez faire“, dieses „passt scho“. Das ist sehr türkisch und bayerisch zugleich. Auch dieses „mia san mia“ übrigens. Ein Türke ist wahnsinnig stolz darauf, Türke zu sein. Ohne nationalistischen Überbau. Das hat der Bayer ja auch mitsamt einem leichten überheblichen Ton. Auch dieses Gemütliche und trotzdem Fleißige. Türken und Bayern können sehr produktiv sein, aber gleichzeitig beschließen, jetzt ist Schluss, jetzt trinke ich meine Mass Bier oder meinen Chai.

Beim Alkohol scheiden sich wohl die Geister …

Turhan: Absolut. Zurzeit wird es in der Türkei immer schwieriger, in der Öffentlichkeit Alkohol zu trinken, weil die Regierung mit den Islamisierungstendenzen sagt: Freunde, Alkohol geht nicht. Wenn ich mein Bier oder mein Raki nicht mehr trinken kann … Ich versuche immer, solche Klischees zu nehmen.

Sie spielen in Ihren Büchern auch mit einer gewissen Inkonsequenz.

Turhan: Zeki kann natürlich auch nicht anders. Das spiegelt auch meine Persönlichkeit wieder. Man stellt sich natürlich ein. Eher Türke, wenn er mit seiner Mutter spricht, und wenn er als bayerischer Kriminalbeamter ermittelt, ist er eher der Münchner. Es ist nicht direkt eine Zerrissenheit, eher so ein Vexierbild. Da kommt dann das eine oder andere zum Vorschein.

Welche Reaktionen bekommen Sie aus der türkischen Gemeinde?

Turhan: Eigentlich nur positive. In dem Sinne, dass man endlich als Türke mit allen Facetten gesehen wird. Das Bild des Gastarbeiters stimmt ja nicht mehr. Es gibt Bäcker, Banker, Ärzte ...

Sie überspitzen die Charaktere karikieren sie aber nicht ...

Turhan: Ich überzeichne, bleibe aber authentisch. Mein Kommissar ist gläubig, isst aber trotzdem einen Schweinsbraten. Da bekomme ich oft Mails von Landsleuten, die gestehen, das auch schon gemacht zu haben.

Zeki spricht ja auch mal schnell eine Sure ...

Turhan: Ja. Das kann ja nicht schaden. Bei einer Szene spricht er eine Sure, während seine katholische Kollegin einen Vaterunser betet.

Wie viel Turhan steckt in Zeki?

Turhan: Mittlerweile erschreckend viel. So charakterliche Dinge auf jeden Fall.

Erschrecken Sie beim Schreiben auch mal über Ihre eigenen Fantasien?

Turhan: Wenn ich über den Tathergang nachdenke, kann ich niemand sehen. Das ist manchmal beschämend, was man sich alles überlegen muss.

Interview: Antonio Seidemann

Reingelesen: Darum geht's in "Anstich"

In einem Müllhaufen auf der Wiesn wird eine mit einem Kaftan bekleidete Leiche gefunden. Natürlich wird Zeki Demirbilek auf den Fall angesetzt. So beginnt der neue Fall von Kommissar Pascha. Das Buch Anstich erscheint pünktlich und marketingpraktisch zum Start des Oktoberfestes. Autor Su Turhan, der für seine Pascha-Romane Pause als Filmemacher („Drei Federn“) einlegt, lässt im vierten Buch seinen Helden wieder als Alter Ego zwischen der bayerischen und türkischen Kultur mäandern. Selbst ist Turhan als Zweijähriger nach Deutschland gekommen und findet daher eine authentische und humorvolle Stimme zwischen den Welten. Erschienen bei Knaur (9.90 €).

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