Wer hat wie dirigiert?

Festkonzert unter der Bavaria: Der tz-Takt-Test

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München - Stab hoch, Marsch ab! Zum sonntäglichen Festkonzert der Wiesnkapellen hat die tz ein paar Taktschläger unter die Lupe genommen, die ihre Bewegungen an die 300 Musiker starke Kapelle unter der Bavaria sandten.

Lassen Sie uns heute über schnöde Zahlen sprechen. Na gut, so trocken sind die gar nicht, wir sind ja erstens auf der Wiesn, und zweitens gab’s doppelt zu feiern. Zum einen fand am Sonntag von 11 bis 12 Uhr das 30. Festkonzert der Wiesnkapellen statt, einst ins Leben gerufen von Willy Heide. Zum anderen feierte der oberste Wiesn-Chef, Bürgermeister Josef Schmid, seinen 46. Geburtstag. Einen Tusch brauchte der CSUler freilich nicht, weil er ja selbst dirigieren durfte. 

Der beste Spruch mit Musik drin stammt von Wiesn-Legende Richard Süßmeier: „Ich und Ähnlichkeit mit Napoleon? In Wirklichkeit hat er Ähnlichkeit mit mir!“

Rechts statt links

Bei uns als Erster dran, beim Festkonzert als Letzter: OB Dieter Reiter (57) zeigt beim Bayerischen Defiliermarsch eine ausgesprochene Bevorzugung der rechten Hand, die gen Himmel strebt, während die linke vor sich hindümpelt. Liebe Genossen, keine Angst – es geht ja nur um Musik, nicht um Wahlergebnisse. Reiters Kopf wippt manchmal lustig mit. Ein solider Auftritt. Ein paar schräge Gesten mit der linken Hand – hä, warum?! – bleiben wohl Reiters Geheimnis.

Samtpfote

Voilà, Wiesn-Chef Josef Schmid ist ein ganz ein Geschmeidiger. Er scheint die Musik zu lieben, die er dirigiert. Den Deutschmeister-Regimentsmarsch zelebriert er mit samtpfotenweichen, aber markanten Einsätzen. Rund, weich und souverän sind alle Bewegungen. Den ein oder anderen Pauken-Einsatz lässt er großzügig verstreichen und reicht ihn nach – aber beim kernigen Crescendo ist er voll da. Das Geburtstagskind (46) kredenzt viel musikalisches Gespür.

Fräsend abwärts

Auch für Kreisverwaltungsreferat-Chef Wilfried Blume-Beyerle war’s der letzte Wiesn-Marsch – und den präsentierte der 66-Jährige mit gewohnt bestechender Luft-Akrobatik. Die Rechte fräst durch die Luft – gerne markant von oben nach unten –, holt weit aus, die Linke schaltet er eher auf Beamten-Modus. Den Vortrag durchweht ein hauchzartes Lächeln auf den Lippen. Den Mussinan-Marsch kennt er gut: Eine satte Tuba-Melodie leitet er mit Tiefen­rudern trefflich ein.

Wie Napoleon

„Was ein Wiesnwirt verdient? Das gleicht sich aus: Wenn er weniger verdient, macht’s ihm mehr aus, wenn er mehr verdient, macht’s ihm weniger aus“, sinniert ­Richard Süßmeier (85, Ex-Wiesn-Wirt-Sprecher). Und dann legt er los wie Napoleon: Jeder der nicht zu zahlreichen Zentimeter ist pure Energie. Süßmeier reckt und streckt sich, die Alten Kameraden werden virtuos und mit Finger-Feinheiten aus dem Handgelenk geschleudert. Der Schlussakkord sichelt selbstbewusst durch die Luft. Mon dieu!

Cool gespreizt

Cooler, als die Polizei erlaubt: ­Wolfgang Wenger, Pressechef der Münchner Polizei, geht in den Ruhestand und hebt letztmals den Taktstock zum Wiesn-Konzert. Seine Spezialität bei der Interpretation des ­Laridah-Marschs: Der Zeigefinger der linken, stockfreien Hand bleibt durchgehend gespreizt. Alles andere als gespreizt sind hingegen Körpersprache und Stock-Einsatz: Das schnurrt nüchtern und präzise voran. Nicht gerade virtuos, aber sicher. Als reaktionsschnell bei Hängern erweist er sich auch.

Glück im Gesicht

Manche Dirigenten rudern und stöhnen, manche sind im physischen Perma-Stress – Silja Schrank-Steinberg (40) vom Hofbräu-Zelt zeigt hingegen zackige Eleganz: Alle Kraft geht vom Mienenspiel aus. Und so demonstriert die Wiesn-Wirtin, wie man mit einem durchgängig strahlenden Lächeln die Musik in Schwung bringt. Den Bozener Bergsteigermarsch bezwingt sie manuell etwas mechanisch, aber bei so viel Glück im Gesicht wird der Anstieg spielend schnell bewältigt.

M. Bieber

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