Ihm droht „empfindliche“ Strafe

Fritz muss nach jedem Wiesn-Besuch durch den „Deckel-Check“ seiner Frau

Gast der Rekorde: Fritz Eichinger, 58, hat genau ein Hobby: das Oktoberfest. Er sitzt an jedem einzelnen Tag im Zelt – und das seit Jahrzehnten. Die Erlaubnis hat er noch vor der Hochzeit von seiner Frau bekommen. Heuer ist ein besonderes Jahr: Er plant den 500. Wiesn-Besuch seines Lebens.

München– Der Weg ins Herz der Wiesn führt direkt über Fritz Eichinger, 58. Das merken die drei Schweizer im Zelt blitzschnell. Fritz Eichinger aus Taufkirchen im Kreis München setzt sich zu ihnen an den Tisch, er hat wie immer seine Lederhose an, seinen Hut, und an der Trachtenweste hängen seine Wiesnglupperl, das sind Holzklammern mit aufgebrannten Sprüchen. „Ned oglanga“ steht darauf oder „I nix Preiß“. Das alles zeigt er ihnen. Eh klar. Das zeigt er jedem, den er im Zelt trifft.

Fritz Eichinger hat auch seinen Bierzähldeckel dabei, eine runde Holzscheibe mit Zeiger, auf der die Zahlen 1 bis 10 stehen. Für jedes Getränk, das er trinkt, stellt er den Zeiger eins weiter. „Den Bierzähldeckel muass i nach der Wiesn jedn Abend meiner Frau an der Haustür zeign“, erzählt er, während er im Lindwurmstüberl in München sitzt und ein Weißbier trinkt. „Bis sieben Getränke deaf i im Schlafzimmer schlafen, ab sieben im Gästezimmer.“ Das ist streng, aber gerecht.

Wenn alles gut läuft, dann feiert dieser wunderbare, Zwirbelbart tragende Mann in wenigen Tagen einen märchenhaften Rekord – sein 500. Wiesnbesuch steht an. Dazu muss er heuer jeden Tag auf das Oktoberfest, was er fest vorhat. Am letzten Tag, am 3. Oktober, wird es so weit sein. Er hat extra noch mal nachgerechnet, 500 Mal Oktoberfest kann ja jeder sagen, aber Fritz Eichinger hat Beweise – zum Beispiel sämtliche MVV-Streifenkarten aus den letzten Jahrzehnten, die er auf dem Weg zur Wiesn verfahren hat.

Mit Hut und Zwirbelbart: Wenn er nicht auf die Wiesn geht, dann arbeitet er als Spenglermeister und Trachtenmodel.

Das alleine ist schon eine Schau, der ganze Fritz ist eine Schau, aber das ist es nicht, was die drei Schweizer vor ein paar Jahren ein bisserl aus der Bahn wirft. Fritz Eichinger erzählt ihnen damals, er arbeite für die Erzdiözese München und Freising. Und die drei hübschen, jungen Damen im Dirndl, mit denen er sich grad an den Biertisch gesetzt hat – das sind Novizinnen, die bald schon ins Kloster ziehen werden. „Ich muss davor noch einmal mit ihnen auf die Wiesn“, sagt er, „um zu schauen, ob der Weg, den sie einschlagen, der richtige für sie ist.“ Die drei Frauen nehmen ihre Mass, bekreuzigen sich, schauen nach oben zum lieben Gott. Dann stoßen sie an.

Kurz darauf tritt die Bedienung an den Tisch und beruhigt die Schweizer: „Wundern Sie sich nicht, das macht er jedes Jahr. Wir kennen den Fritz. Er kontrolliert, ob das Kloster der richtige Weg für die Frauen ist.“ Den Schweizern fällt die Mass fast aus den Händen, sie glauben, einen leibhaftigen Nonnen-Tester am Tisch zu haben. So erzählt es Fritz Eichinger im Lindwurmstüberl. Er nimmt noch einen Schluck Weißbier, steht auf, macht die Schweizer nach und zeigt, wie sie ihn angeschaut haben – so als ob sie die Muttergottes persönlich getroffen haben. Dann muss er lachen. War natürlich alles geflunkert: Dieser Fritz Eichinger ist zwar ein gottesfürchtiger Vorzeigebayer, aber beim Erzbistum arbeitet er nicht. Die drei Damen waren schlicht Bekannte, die für jede Gaudi zu haben sind. Sein echter Beruf: Spenglermeister.

Fritz Eichinger geht jetzt seit 50 Jahren auf die Wiesn, erst an der Hand der Mama, später dann alleine, fast immer nach Feierabend. Die Wiesn ist sein Leben, sein Hobby. „Andere gehen 17 Mal im Jahr zum FC Bayern in die Allianz Arena, ich geh aufs Oktoberfest.“ Preislich nimmt sich das nichts, sagt er. Beides ist teuer, aber Fritz Eichinger hat den Vorteil, dass er nie eine Niederlage gegen Madrid oder Hannover 96 fürchten muss. Jeder Tag auf dem Oktoberfest ist ein Gewinn, so sieht er das. Meistens geht er alleine, kurz vor der Festwiese entscheidet er erst, in welches Zelt er mag. Er kommt überall rein, weil er überall die Securitys und die Bedienungen kennt. Er kann über das Festgelände gehen – wo andere garantiert hängen bleiben, da öffnen sich für ihn Pforten. Aber dafür hat er auch viel getan, jahrzehntelang. Fritz Eichinger ist eine lebende Wiesn-Legende. Eine Bedienung hat mal zu ihm gesagt: „Fritz, jedes Mal, wenn wir dich an einen wildfremden Tisch gesetzt haben, dann waren die Gäste später lustiger und zufriedener als vorher.“ Ein größeres Lob kann man nicht bekommen.

Ein anderes Mal hat eine Frau, die ihm im Zelt gegenübersaß, zu ihm gesagt: „Fritz, du musst nur Ja sagn, dann verlass i mein Mo.“ Der Ehemann war grad auf der Toilette, als der Satz fiel.

Der berühmte Bierzähldeckel: Hier wird jedes einzelne Getränk vermerkt, das Fritz Eichinger im Zelt trinkt.

Aber Fritz ist nicht weiter darauf eingegangen – er ist seiner Ehefrau Monika selbstverständlich treu. Aber eines hat er mit ihr noch vor der Hochzeit im Jahr 1988 geklärt. „Bist du einverstanden mit 50 Wochen Ehe und zwei Wochen Oktoberfest?“ Sie hat mit Ja geantwortet. Und es nicht bereut. Sie hasst zwar Bier und Bierbänke, aber dafür erzählt Fritz ihr jeden Abend, was er auf der Wiesn wieder erlebt hat. Und das sind manchmal die tollsten Sachen. Er saß einmal direkt bei Nationalspieler Miroslav Klose, hat ihn aber stundenlang nicht erkannt. Campino hat er auf dem Klo getroffen und an seinen Tisch geschleppt, wo seine beiden Kinder saßen. Er hat zu dem Sänger davor gesagt: „Campino, mogst ned auch mal a Foto mit einem echten Bayern machen?“ Campino wollte.

Fritz Eichinger hat aber auch seine Prinzipien: Er hat immer seine eigenen Salz- und Pfefferstreuer aus Hirschhorn dabei, er hat eigenes Besteck und er steht nicht auf den Bänken, wenn alle auf den Bänken stehen. Er lässt sich grundsätzlich nicht auf eine Mass einladen, er lädt aber auch keinen ein. Eigenen Berechnungen zufolge hat er im Zelt, weil draußen sitzt er nie, schon mit 20 000 bis 30 000 Menschen gesprochen, das ist eine Kleinstadt.

Braucht er im Wiesn-Zelt beim Essen – und hat er immer dabei: Salz- und Pfefferstreuer aus Hirschhorn.

Denn das ist es, was für ihn dieses weltberühmte Fest ausmacht: Kommunikation. Geschichten hören, Geschichten erzählen und ab und an einen Schluck aus dem Krug nehmen. Das ist für ihn pure Gemütlichkeit, auch wenn um ihn herum gerade ein paar tausend Menschen „Atemlos durch die Nacht“ singen.

Für so einen Wiesn-Marathon braucht man selbstverständlich Ausdauer und Planung, schon Tage vorher richtet er sich daheim seine 18 Hemden und 18 Westen hin, die er an 18 Wiesn-Tagen braucht. „Da ist a Logistik dahinter“, sagt er. Eine Logistik, die sich seit vielen Jahren bewährt hat und die Pünktlichkeit garantiert.

Heute am ersten Wiesntag zum Beispiel wird er um 12 Uhr im Schottenhamel an der Schenke stehen, der Münchner OB wird gerade anzapfen und dem Ministerpräsidenten die allererste Mass reichen. „O’zapft is“ und „Auf eine friedliche Wiesn“ wird Dieter Reiter rufen. In dem Moment wird Fritz Eichinger seine Mass mit einem kleinen Schluck Bier drin schon in der Hand halten. Den Schankkellner kennt er seit Jahren. In der ersten Wiesn-Sekunde stößt er immer mit ihm an, ein Ritual.

Fritz’ Wiesnglupperl – die trägt er stolz. Und die verschenkt er. Heuer hat er 120 Stück machen lassen.

Und während das restliche Zelt noch auf das erste Bier wartet, ist Fritz Eichinger gedanklich schon zehn Schritte weiter. Er überlegt, wo er sich gleich hinsetzen wird und wem er eines seiner Wiesnglupperl schenken könnte. 120 hat er heuer machen lassen. Auf allen steht: „Fritz wa do“. Nie war ein Wiesnglupperl-Satz wahrer.

Lesen Sie hier: Viele Münchner sagen: „Friara war de Wiesn scheena!“ Das sind ihre Gründe. Unser Gastautor Robert versteht diese Nostalgie nicht. Er geht seit 40 Jahren hin und sagt: Früher war nicht alles schöner auf dem Oktoberfest


Rubriklistenbild: © Philipp Guelland

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