Blick hinter die Kulissen

Oktoberfest: Das sind die Wiesn-Neulinge

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Buh! Tristan Herbold (26), Student aus Worms, erschreckt 16 tage lang die Wiesn-Gäste.

München - Die Wiesn hat viele Gesichter, nicht nur feiernde Besucher. Denn Schausteller, Handwerker, Köche und Bedienungen tragen ihren Teil dazu bei, dass das Fest gelingt. Ein Besuch bei drei jungen Leuten, die zum ersten Mal auf dem größten Volksfest der Welt arbeiten.

Tristan Herbold, 26, BWL-Student aus Worms (Rheinland-Pfalz), war bis vor einer Woche noch nie auf der Wiesn. Jetzt arbeitet er dort jeden Tag. Zwischen Kindern, Touristen und Betrunkenen. Tristan schwärmt auch nach knapp einer Woche Arbeiten in der Geisterbahn: „Diese ausgelassene Stimmung, diese Elektrizität in der Luft vorm Anstich – es ist genau so, wie es im Fernsehen immer rüberkommt.“

Ein Freund von Tristan kennt Schausteller Martin Blume, der die Geisterbahn Daemonium betreibt; dieser hatte noch ein paar junge Burschen als „Erschrecker“ – so nennen sie sich tatsächlich selbst – gesucht. Die „Strahlkraft der Wiesn“, sagt Tristan, habe ihn keine Sekunde zögern lassen. Na gut, das Geld trug seinen Teil dazu bei. „Ich hätte meine Freundin und meinen Hund nicht drei Wochen allein gelassen, wenn es sich nicht finanziell lohnen würde“, gesteht Tristan, der momentan Semesterferien hat – und schweigt über die genaue Summe. Eine Art Ehrenkodex unter der arbeitenden Bevölkerung auf dem Oktoberfest.

Bevor der Trubel in der Geisterbahn losgeht, muss Tristan morgens für zwei Stunden in die Maske: denn mit blutigen Narben im Gesicht kann der Student nicht von Natur aus dienen. Fertig geschminkt nehmen meist vier der fünf Erschrecker ihren Platz in der Geisterbahn ein. Tristan stellt sich dann hin wie eine Wachsfigur. Fährt eine Gondel mit Fahrgästen vorbei, taut er auf, schreit, stampft, erschreckt. „Da genieße ich künstlerische Freiheit“, sagt Tristan und lacht. Kleine Kinder, die sich vor Angst die Augen zuhalten, behelligt Tristan nicht. „Die lasse ich in Ruhe und nehme mir lieber die Eltern vor“, erzählt der 26-Jährige. „Es macht am meisten Spaß gestandene Männer zum Schreien zu bringen. Und das passiert öfter, als man denkt.“

Bierkrüge schleppen nach dem Staatsexamen

Im vergangenen Jahr las Peter Schaefer, 25, in der Zeitung, dass ab 2015 das Schützenfestzelt 1000 Plätze mehr erhält. Der gebürtige Münchner bewarb sich bei den Festwirten als Bedienung. „Ich bin ein Wiesnkind“, sagt Peter, der am 24. September geboren ist und seinen Geburtstag jedes Jahr auf dem Oktoberfest feiert, meistens im Schützenfestzelt. Was liegt da näher, als auch einmal dort zu arbeiten, wo man sowieso ständig Zeit verbringt? „Ich wollte die Wiesn von der anderen Seite kennenlernen.“ Der Jurastudent hat fast ein Jahr lang für das erste Staatsexamen gebüffelt – „danach ist körperliche Arbeit auch mal ganz gut“, sagt er.

Im Schützenfestzelt bedienen Peter Schaefer (25) und seine Team-Kollegin Luise (24).

Zusammen mit Kommilitonin Luisa, 24, serviert Peter nun Bier, Hendl und Haxn im Biergarten.„Anfangs wollte ich lieber ins Zelt, aber nun bin ich froh, dass ich im Garten bin“, erzählt er. „Es ist nicht so kompliziert für den Anfang, da wir hier keine Reservierungen haben.“ Anstrengend ist der Job natürlich trotzdem. „Ich dachte, dass die Masstragerei mich schaffen würde, stattdessen tun die Füße weh.“ Stressig sei vor allem, sich mit dem großen Tablett durch die Menschenmassen zu drängen. Schlechte Erfahrungen hat er als Bedienung noch nicht gemacht. „Es war bisher sehr friedlich“, erzählt Peter. Na klar, dass sich eine „Furie“ vor dem Türsteher aufbaue, komme schon mal vor. Aber er sei so beschäftigt, dass er vieles um sich herum gar nicht mitbekomme. Etwa als am ersten Wiesnwochenende ein Besucher vom Balkon in den Biergarten stürzte. „Da hat es laut gerumst, aber ich wusste nicht, was es war.“

Hausmannskoch statt "Haute Cuisine"

Kartoffelsalat statt Kalbsschwanzpraline: Viktor Gerhardinger (24) kocht normalerweise im Feinkostrestaurant.

Koch Viktor Gerhardinger, 24, hat bei den Geisel Privathotels gelernt. Zwei von deren Gastronomiebetrieben haben Sterne im Guide Michelin. Viktor kennt sich also vorallem in der gehobenen Küche....,. aus, bereitet normalerweise Speisen zu wie gebackene Kalbsschwanzpraline mit dreierlei Steinpilzen und Granatapfel. Zur Wiesn wollte Viktor einmal das Kontrastprogramm erleben. Im Herzkasperlzelt, wo er auf der Oidn Wiesn arbeitet, kommt Hausmannskost auf den Tisch: Gulasch, Rahmschwammerl, Ochsenbrust mit Wirsing.

„Für die Masse, die wir hier produzieren, ist das Essen wirklich sehr gut“, sagt Victor. Das hat den 24-Jährigen überrascht, muss er gestehen. „Nichts kommt aus der Tüte, alles ist frisch.“ Während der Wiesn hat sich der gebürtige Passauer bei seinem Arbeitgeber freigenommen, um bei Wiesnwirt Beppi Bachmaier in der Küche zu stehen. Hier verdient er in 16 Tagen das zweieinhalbfache eines normalen Monatsgehalts.

Dabei kann Viktor die Wiesn überhaupt nicht leiden: „Ich hasse München während dieser Zeit“, erzählt der junge Koch. „Deswegen finde ich es auch super, dass ich hier in der Küche nicht viel davon mitbekomme.“ Wenn überhaupt, setze er sich nachmittags mal gemütlich mit einem Kumpel in den Biergarten, wo auch ein Haute-Cuisine-Koch dann ein Wiesnhendl verspeist. Denn die sind eine Wucht, findet auch Viktor.

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