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„Haben uns verschätzt“: Kapellmeister Menzl spricht über Bräurosl-Beben – und seine Zukunft auf der Wiesn

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Von: Dirk Walter

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Josef Menzl auf der Wiesn
Josef Menzl bespielt zur Wiesn 2022 das Bräurosl-Zelt. Hier lässt er sich vor und im Zelt porträtieren. © Achim Schmidt

Die Wiesn-Kapelle Josef Menzl aus Pentling darf nicht mehr abends spielen, weil die Festzeltbesucher Party-Musik wollen. Menzl sprach mit uns im Interview.

München - Beben in der Bräurosl: Die Wiesn-Kapelle Josef Menzl aus Pentling bei Regensburg, „bekannt trotz Funk und Fernsehen“ (Eigenwerbung), darf nicht mehr abends spielen. Die Wiesngäste wollen dann lieber Party – da passt Blasmusik nicht so. Liebhaber der echten Volksmusik sind entsetzt. Josef Menzl nimmt es gelassen, wie er im Interview sagt (alles zu den Wiesn-Reservierungen).

Herr Menzl, wie war denn die Stimmung im Zelt in den letzten Tagen?

Es ist deutlich besser geworden. Es kommen viele Unterstützer, Fans, ganze Musikvereine, es haben sich Instagram-Fangruppen gegründet – insofern hat der Trubel auch sein Gutes. Sogar Jonas Kaufmann war am Sonntag da, der Tenor. Er hat mich an seinen Tisch geholt und mir eine Mass ausgegeben. Ich konnte es nicht glauben.

Sie spielen nicht mehr am Abend, da sind „Erwin und die Heckflossen“ dran. Oder wird es noch mal geändert?

Naa, des lass ma jetzt so. Das hat sich jetzt bewährt. „Erwin und die Heckflossen“ habe ich geholt, das sind meine Freunde. Wir haben einfach nicht diese typischen Wiesn-Schlager im Programm. Wir haben Queen, Abba und Beatles, tolle Sachen. Wir haben auch ein Medley, selbst arrangiert, da hat uns am ersten Wochenende gerettet. Aber die Leute wollen halt „Hände zum Himmel“ und „Hölle, Hölle, Hölle“.

Und „Atemlos“.

Ich kann nicht Helene Fischer singen, tut mir leid.

„Layla“?

Das geht einfach nicht. Ich hab nichts gegen das Liad, weil mir des wurscht is. Das Lied ist gemacht für den Ballermann und die Reeperbahn, da passt’s hin. Ich kann’s nicht singen, tut mir leid. Ich will auch meine Leit ned wie Tiere antreiben, irgendeinen Scheißdreck zu spielen.

Da ist die Schmerzgrenze erreicht?

Da bin ich der Falsche. Die haben mich geholt für ein neues Programm, ein neues Image. Wir haben uns alle verschätzt, alle, unser Wirt, der Peter Reichert, die Brauerei und auch wir – des is a so, des müass ma einfach zuagebn. Vielleicht haben wir auch übersehen, die Leute entsprechend zu informieren.

„Ich will aber auch kein Volksmusik-Ayatollah sein“

In Straubing beim Gäubodenfest rocken Sie das Zelt, in München nicht – wie erklären Sie das?

In Straubing war das ein längerer Prozess. Das Zelt ist auch viel kleiner – und der Wirt hat auf ein Kulturprogramm gesetzt. Das hat seine Zeit gedauert. Und dann war es eine Verkettung glücklicher Umstände – unterm Tag war Blasmusik, abends die Showbands. Und wir waren für den Abend eingeplant – und die ganzen Blasmusiker sind zu uns eina. Straubing ist auch ein regionales Fest, ganz anders als in München. Da kommt doch keiner aus den Niederlanden.

Gibt es in Ihrer Kapelle eine Jetzt-erst-recht-Stimmung?

Logisch. Meine Leut haben sich aufgearbeitet. Das Schlimmste wäre gewesen, wenns uns komplett abgesägt hätten, das wäre eine richtige Watschn gewesen. Wir bewahren unser Gesicht, unsere Haltung. Jetzt halten alle zu uns, sogar die Showbands, etwa die Cagey Strings vom Hackerzelt. Die kaanntn ja aa sogn: Ihr mit eira Blasmusik machts alle narrisch. Naa, überhaupt nicht. Als Musiker muss man zsammhaltn. Vielleicht schads ja a ned, dass jetz an Scheppara tan hat. Ich hab gar nicht gwusst, dass es einen Skandal geben kann, wenn man in einem bayerischen Bierzelt Blasmusik spielt. Glauben mächt mas ned.

Wird Volksmusik in Bayern diskriminiert?

Das wäre vielleicht zu viel gesagt. Ich denke mir aber: Wenn ich jetzt nach Nashville/Tennessee fahr zu einem Country-Festival – dann interessieren mich doch die Leute dort. Ihre Kleidung, ihre Musik. Und so sollte es doch auf der Wiesn auch sein. Die Ross, die Tracht, die Musik – sonst heben wir uns doch überhaupt nicht ab vom Ballermann. Sonst ist es nur irgendeine Spaßveranstaltung. Ich will aber auch kein Volksmusik-Ayatollah sein. Wir haben einfach unsere Würde als Musiker.

Herr Menzl, war das Ihre letzte Wiesn?

Naa, des glaub ich nicht. Das lassen wir setzen und denken dann scharf nach. Die Formation wurde ja extra für die Wiesn zusammengestellt, es ist nicht die Stamm-Kapelle. Aber diese Krise hat uns zusammengeschweißt, da würde jeder mit dem anderen die Zahnbürste teilen. Jetzt mache ich 30 Jahre Musik, aber dieser Zusammenhalt ist einmalig. Wäre schade, wenn es wieder auseinandergeht.

Interview: Dirk Walter

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