Heute im TV: Ein Spielfilm aus dem Wiesn-Gewühl

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Mitten auf der Wiesn entstand 2010 der ZDF-Theaterfilm "Kasimir & Karoline".

Eine Wahnsinns-Aktion: Mitten im Wiesn-Getümmel ist der Spielfilm "Kasimir & Karoline" entstanden. Heute läuft er das erste Mal im TV.

September 2010 in Stephan Kufflers Weinzelt: Mitten im Gewühl ilmte Regisseur Ben von Grafenstein einige Szenen für "Kasimir & Karoline", mit Nachwuchsstars wie Florian Bartholomäi und Christina Hecke und dem alten Filmhasen Max Tidof. Am 19. September 2011 zeigt arte ihn das erste Mal im TV, um 21.35 Uhr. Unser Autor Kolja Kröger war hautnah dabei. Dies ist seine Reportage, die kurz danach im Münchner Merkur erschien:

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Ben schaut gequält drein. Das Weinzelt tobt, Dirndl und Lederhosen quetschen sich an ihm vorbei, die ersten steigen schon auf die Tische und grölen „Que seraaa, seraaa...!“ Und Ben, der schlaksige Filmregisseur mit Stoppelbart, spricht in sein Funkgerät: „Was ist los, Leute? Ich stehe hier an der Bar.“ Dort, wo er eigentlich schon längt die nächste Szene für „Kasimir und Karoline“ drehen wollte.

Die Fernsehfassung des Stückes von Ödön von Horváth, eine Koproduktion von ZDFTheaterkanal und Arte, soll nächstes Jahr im TV laufen. Es ist eine Geschichte darüber, wie in Zeiten der Not eine Liebe an Existenzängsten zerbricht.

Doch jetzt sind die Schauspieler für die Szene im Getümmel verschwunden. Von Minute zu Minute wird es voller. Viel Zeit haben sie nicht mehr für die Szene, in der Karoline, gespielt von Christina Hecke, mit dem gut betuchten jungen Schürzinger alias Florian Bartholomäi feiert. Sie besaufen sich und trinken Brüderschaft. Der junge Mann nutzt die Gunst der Stunde, weil Karolines große Liebe Kasimir sich von ihr abwendet.

Bilder aus dem Film "Kasimir & Karoline"

Bilder aus dem Film "Kasimir & Karoline"

Ben von Grafenstein wusste, worauf er sich bei diesem Projekt einließ. Auf dem Oktoberfest, mitten im Gewühl, einen Fernsehfilm zu drehen, das ist „Kamikaze“. Nach einer Woche Dreh sagt das fast jeder in der Filmcrew. Auch wenn Horváth sein Theaterstück im Jahr 1932 eben hier spielen ließ. Sich mit einem Kamerateam auf das größte Besäufnis der Welt zu wagen, ist mutig.

„Du weißt nie genau, was passiert“, sagt Schauspieler Max Tidof, der einen abgehalfterten Musikproduzenten spielt. Dass die Prügelei vor der Ponyreitbahn nur gespielt war, hat ein Wiesn-Besucher vor ein paar Tagen wohl missverstanden – und verpasste Beleuchter Christof Reiner gleich einmal einen Faustschlag. Dem klebt noch das Pflaster auf der Nase.

Aber am schlimmsten sind gar nicht die Menschenmassen. „Diese Lärmkulisse zerrt am Nervenkostüm“, gesteht Max Tidof. „Wir drehen von morgens bis wir fertig sind. Zwölf, vierzehn Stunden. Und andauernd hast du diesen Pegel.“

Fotos vom Dreh im September 2010

Bilder vom Filmdreh "Kasimir & Karoline"

Tidof sieht verwegen aus mit seinem roten Halstuch und der Lederjacke – und erschöpft: „Da bekommt man eine Ahnung, wie die Bedienungen sich fühlen müssen.“ Er verschwindet kurz hinters Zelt und gönnt sich eine Zigarette. Erst später bemuss er wieder ran und drehen, wie der Musikproduzent in seiner Box zu Grunde geht.

Auch Regisseur Ben wirkt abgekämpft: „Lärm, Lärm, Lärm. Die Lautstärke macht einen völlig fertig.“ Aber sie müssen jede Minute nutzen, die sie überhaupt im Zelt drehen dürfen. Viele Wirte hatten abgelehnt, als die Produktionsfirma aus Berlin anfragte. Familie Kuffler aber, die das etwas gediegenere Weinzelt betreibt, ließ sie herein. „Alles prima“, sagt Ben, als Festwirt Stephan Kuffler vorbeischneit.

Und dann tauchen sie wieder auf, die verlorenen gegangenen Schauspieler Florian Bartholomäi und Christina Hecke. „Wir hatten Pause, hat man uns gesagt“, entschuldigt sich der Mittzwanziger. Ganz kurz sieht Ben so aus, als würde er losbrüllen wollen. Aber nur kurz. Seine Film-Karoline schließt ihn in die Arme. Sie ist putzmunter, richtig aufgedreht.

Maskenbildnerin Katharina rauscht heran, sprüht den zweien Wasser auf die Haut, als Schweißperlen. Und mit ein bisschen Rouge auf den Wangen sehen sie gleich wie besoffen aus. „Wir müssen jetzt Unmengen alkoholfreies Bier exen“, umreißt Florian Bartholomäi ihre Aufgabe. „Und dann rennen wir zum Klo.“

„Die Schwierigkeit ist“, erklärt Christina Hecke, „zwischen den gut gelaunten Leuten die Dramatik und die Tiefe der Figuren aufrecht zu erhalten.“ An diesem Abend, den sie heute drehen, zerbricht ihre Liebe zu Kasimir: „Aber wenn man sich die Leute auf der Wiesn genau ansieht, findet man viel Futter fürs Innere.“ Da finden sich neue Lieben, aber da gehen aber auch viele Beziehungen zu Bruch: „Überall sitzt jemand und weint.“

Es ist sinnlos. Die Regieassistentin packt Christina Hecke bei der Hand und schleift sie quer durchs Zelt. Hinten an der Bar, wo sie seit einer halben Stunden drehen wollten, ist kein Durchkommen mehr. Geschweige denn Platz für das Filmteam. Auch wenn ihre Kameras winzig sind, extra ausgesucht für diesen Dreh unter schwierigsten Bedingungen. Spiegelreflexkamera für Fotografen, mit denen denen man auch Videos in HD-Qualität aufzeichnen kann. Mit ihren lichtstarken Objektiven kommen sie auch mit dem schummrigen Licht im Zelt zurecht.

Und jetzt stecken sie wirklich mittendrin. Dort, wo permanent Teller mit halben Hendln, Träger mit Biergläsern und Radibrettl vorbeigetragen werden. Die Kamera läuft, Scriptgirl Eileen Byrne protokolliert, so gut es eben geht. „Wir machen jetzt Impro“, sagt Ben. Und hopplahopp wird eine Rosenverkäuferin zur Komparsin, als Bartholomäi sie herbeiruft und seiner Filmpartnerin eine Rose überreicht.

„Was macht ihr denn hier?“, quatscht ein hörbar angetrunkener Gast Maskenbildnerin Katharina an, deren grünes Dirndl hier glatt als Tarnanzug durchgehen würde, hätte sie nicht die Bauchtasche voller Schminke und Haarspray. „Wir drehen einen Film. Kasimir und Karoline.“ – „Muss man das kennen?“ – „Das ist ein Theaterstück. Das sollte man kennen.“

Die Musiker legen sich ins Zeug, die Hände gehen zum Himmel, der Flieger fliegt, und bald stehen auch Schürzinger und Karoline auf den Bänken. Dann trinken sie eben hier Bruderschaft, nicht an der Bar. Ihre Dialoge gehen völlig unter, die können sie vorher noch so oft geprobt haben. Später im Studio muss ohnehin nachsynchronisiert werden. Aber das wussten sie vorher. Drehen auf der Wiesn ist Kamikaze. Und eine Kunst.

Quelle: Oktoberfest live

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