Masskrug-Schläger zertrümmert sein Gebiss

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Torsten Winterhoff mit seinem Röntgenbild.

München - Torsten Winterhoff wollte gerade aus dem Bierzelt gehen, als er im Gang von einem Masskrug getroffen wird. Der Münchner wird schwer verletzt, verliert einige Zähne. Vom Täter fehlt bis heute jede Spur:

Ein 45 Jahre alter Mann wurde in der Fischer Vroni schwer durch einen Masskrug verletzt. Ein Unbekannter hatte den Krug aus der Menge heraus auf den Mann geworfen. Die Polizei geht davon aus, dass der Besucher zufällig zum Opfer geworden war.

tz-Bericht nach dem ersten Wiesnwochenende

„Der 45 Jahre alte Mann bin leider ich“, sagt Torsten Winterhoff. Winterhoff war, man kann es nicht anders sagen, zur falschen Zeit am falschen Ort: Mit seiner Lebensgefährtin und ein paar Freunden genießt er den ersten Wiesn-Samstag in der Fischer Vroni. Gegen 22 Uhr will die Gruppe gehen. „Wir standen schon im Gang, als wir zehn Meter von uns entfernt eine Rauferei bemerkt haben.“ Die Ordner schlichten, die Situation scheint im Griff.

Vier Zähne hat er nach der Attacke verloren.

Torsten Winterhoff steht unbeteiligt im Gang, als es plötzlich einen „Schnalzerer“ tut, wie er später sagt. „Dann kann ich mich erst wieder an den Moment erinnern, als ich meine Zähne ausgespuckt habe.“ Ein Unbekannter hat einen Masskrug aus der Menge in den Gang geworden. Vermutlich, um einen der beiden Streithähne zu treffen.

Doch das Katapult trifft den unschuldigen Münchner. Es schlägt ihm vier Zähne aus, zerschneidet ihm die Unterlippe, zersplittert ihm die oberen Schneidezähne. Winterhoffs Gebiss gleicht einem Schlachtfeld. Nach der Attacke muss er mit der Polizei auf die Wiesn-Wache. Zwei Stunden sitzt der Techniker dort mit blutendem Mund. „Ich musste einen Promilletest machen, obwohl ich völlig unschuldig war.“ 0,9 Promille. „Ich war sicher einer der nüchternsten im Zelt.“

Nachts um 1 Uhr sind die Vernehmungen beendet – vom Täter fehlt jede Spur. Zu Fuß läuft Winterhoff in die Zahnklinik in der Lindwurmstraße. Die Ärzte geben ihm Schmerzmittel, damit er das Wochenende übersteht. Am Dienstag wird er operiert: „Mein Kiefer musste aufgebohrt und die Wurzelreste rausoperiert werden. Und der Zahnarzt hat die oberen Schneidezähne glatt geschliffen, damit ich mir nicht länger die Zunge daran aufschneide.“

Stundenlang liegt Winterhoff auf dem Behandlungsstuhl – nur den einen Gedanken im Kopf: „Wenn ich den erwische, der mir das angetan hat!“ Er kann nicht verstehen, wie sich der Täter einfach in Luft auflösen konnte. „Er war doch sicher nicht allein da, seine Bekannten müssen ihn decken.“

Winterhoffs Martyrium ist noch nicht beendet: Vielleicht braucht er nach der Kiefer-OP einen Knochenaufbau, dann müssen vier Implantate angepasst und die zersplitterten Zähne überkront werden. Folgeschäden an den anderen Zähnen sind nicht ausgeschlossen. Bis sein Gebiss wieder hergestellt ist wird es ein Jahr dauern – mindestens.

Der Münchner bleibt womöglich auf den Kosten für den Zahnersatz sitzen – rund 15 000 Euro. „Meine Unfallversicherung zahlt nur bei Invalidität oder Tod.“ Der 45-Jähige hofft, dass der Täter nicht ungeschoren davon kommt: „Die Polizei geht Hinweisen nach. Vielleicht bringt ja der Artikel in der tz den Durchbruch“. Der Vater einer 13-jährigen Tochter würde das Geld lieber in die Ausbildung seines Kindes investieren.

Zumindest auf dem materiellen Schaden will Winterhoff nicht sitzen bleiben – mit den Schmerzen und der Ohnmacht, der Willkür eines fremden Schlägers ausgeliefert gewesen zu sein, muss er sowieso alleine klar kommen. „Das macht mich fertig. Früher haben die Burschen bei einer Bierzeltschlägerei aufgehört, wenn einer am Boden lag. Heute gibt es keine Hemmschwelle mehr.“

Mehr Masskrug-Attacken

Die Polizei registrierte heuer auf der Wiesn allgemein 21 Prozent weniger Straftaten: 1179 statt 1484 im vergangenen Jahr. Allerdings stiegen die Attacken mit Masskrügen: 62 Straftaten zählte die Polizei, 2009 waren es 43. Bei den Masskrug-Schlägereien wurden damit in etwa die Deliktzahlen der Wiesn 2006 (61 Fälle) und 2008 (58 Fälle) erreicht. Zwei der diesjährigen Masskrug-Attacken wurden als versuchtes Tötungsdelikt gewertet. Der Täter von Torsten Winterhoff konnte entkommen, 45 andere Masskrugschläger konnte die Polizei festnehmen.

Simone Herzner

Quelle: Oktoberfest live

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