"Ja, es gibt Leute, die jetzt Angst haben“

Was der Amoklauf für das Oktoberfest bedeutet

+
So menschenleer wie auf diesem Foto vom Sonntag wird es heuer nicht werden auf dem Oktoberfest – aber der Amoklauf vom Freitag hat vieles verändert

München - In knapp zwei Monaten startet in München das 183. Oktoberfest. Der Amoklauf vom Freitag könnte einige Konsequenzen haben - auch beim Sicherheitskonzept der Polizei.

Schüsse im Münchner Norden, Panik überall: Der Amoklauf vom Freitag hat in kürzester Zeit die gesamte Stadt lahmgelegt und in Angst und Schrecken versetzt. In nicht einmal mehr zwei Monaten startet in München das 183. Oktoberfest, zu dem jedes Jahr Millionen Besucher strömen. Zwar schwebt seit Jahren die Angst vor einem Anschlag über dem größten Volksfest der Welt. Der Amoklauf vom Freitag und das Chaos, das er in der Stadt auslöste, dürfte bei Touristen und auch Münchnern aber einiges verändert haben.

Weniger Besuch auf der Wiesn 2016?

„Die Leute sind verunsichert nach der Häufung solcher schrecklichen Taten“, räumt Wiggerl Hagn, Wirt des Löwenbrau-Festzelts, ein. „Vermutlich wird die Wiesn heuer schon etwas weniger besucht werden.“ Den Rückgang vermutet er aber nur „in einem kleinen Prozentbereich“. Bisher habe noch niemand Tische bei ihm im Zelt storniert. Anders, sagt Hagn, würde das wohl aussehen, wenn es sich bei der Tat vom Freitag um einen Terroranschlag gehandelt hätte.

Hagn ist überzeugt, dass das Oktoberfest bestmöglich geschützt ist. „In den Bierzelten kann man nicht für mehr Sicherheit sorgen. Unsere Ordner sind gut geschult und würden die Leute geordnet zu den Notausgängen rausleiten.“ Problematisch sehe er vielmehr die Zugänge an den U-Bahnhöfen und die überfüllten Wirtsgassen.

Trauer in München nach dem Amoklauf mit zehn Toten.

Was jedoch, wenn eine Massenpanik im Zelt ausbräche? So wie am Freitag im Hofbräuhaus am Platzl, als jemand den Gästen von Schüssen auch in der Innenstadt berichtete – was sich später als Fehlinformation herausstellte? Die Gäste flüchteten schreiend, schlugen Fenster ein, um ins Freie zu gelangen. „Solche Fehlinformationen sind ein großes Problem“, sagt Hagn. „Das ist Unfug, der kriminell ist, denn durch so etwas kann eine wirklich schlimme Situation entstehen.“ Der Wirt setzt aber sein ganzes Vertrauen in die Polizei, die „mehr als gut aufgestellt“ sei.

Das sieht auch Wiesnwirte-Sprecher Toni Roiderer vom Hacker-Festzelt so. „Die Polizei in Bayern ist hervorragend, die machen ein gutes Sicherheitskonzept, denen vertrauen wir.“ Dennoch klingt er nach dem Amoklauf bedrückt. Der gestandene Wirt, der Sicherheitsbedenken auf der Wiesn sonst gerne mit einem kecken Spruch vom Tisch fegt, gesteht: „Ja, es gibt Leute, die jetzt Angst haben und heuer vielleicht nicht kommen werden.“ Roiderer bleibt aber Optimist: „Die Wiesn ist ein bayerisches Nationalfest, die Freude sollten wir uns von einem Verrückten nicht nehmen lassen.“

Die Wiesn kommt „auf den Prüfstand“

Münchens zweiter Bürgermeister Josef Schmid (CSU) befand sich am Freitag gegen 18 Uhr gerade auf dem Weg zu einem Sommerfest, wo er die Stadt repräsentieren sollte. Im Radio hörte Schmid von den Ereignissen am OEZ und machte sich sofort wieder auf den Heimweg. Dort entledigte er sich seiner Tracht und fuhr direkt ins Lagezentrum des Polizeipräsidiums, wo er mit Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) zusammentraf. Schmid ist auch Wiesn-Chef. Er rechnet damit, dass der Amoklauf auch für das Oktoberfest Folgen haben wird. Wie viele Wirte will Schmid einen Besucherrückgang nicht ausschließen. „Ich habe mit Menschen gesprochen, die verunsichert sind und ein schlechtes Gefühl haben“, sagte Schmid am Sonntag. Am Montag will er mit den Sicherheitsbehörden über die Wiesn sprechen. Der Bürgermeister hält es für erforderlich, das Sicherheitskonzept für das größte Volksfest der Welt „auf den Prüfstand“ zu stellen.

Polizeipräsident Hubertus Andrä sagt, man werde nun die Abläufe analysieren. „Wenn wir erkennen, dass man etwas ändern muss, dann werden wir das Sicherheitskonzept anpassen.“ Noch sei es aber zu früh für derlei Erkenntnisse. Bürgermeister Schmid betont jedoch, dass Taten wie am Freitag in Moosach nicht dazu führen dürften, dass die Menschen ihre Lebensgewohnheiten in Frage stellten. „Absolute Sicherheit wird es nicht geben, aber wir werden alles Menschenmögliche tun, um die Sicherheit auf der Wiesn zu gewährleisten.“

„Eine Panik ist ein physikalisches Phänomen"

Der Soziologe Dirk Helbing lehrt an der ETH Zürich und beschäftigt sich mit dem Phänomen Panik. Dass es auf dem Oktoberfest zu einer spontanen Panik wegen einer Falschinformation kommen könnte, hält der Professor eher für unwahrscheinlich. „Eine Panik ist ein physikalisches Phänomen und entsteht bei Überfüllung, zum Beispiel an Engstellen. Der Druck erhöht sich, zwischen Körpern werden Kräfte übertragen, die Menschen werden hin- und hergestoßen. Manche stürzen und werden dann überrannt. Das ist der häufigste Fall.“ Dass aufgrund einer falschen Information eine Panik entsteht, sei selten – aber nicht ganz ausgeschlossen. Helbing: „Es gab einen Fall im Irak. An dem Tag hatte es in der Stadt bereits Gefechte gegeben, und die Menschen waren nervös. Als dann auf einer Brücke das Gerücht aufkam, es habe sich ein Terrorist unter die Pilger gemischt, sind viele in Panik geraten und von der Brücke gesprungen.“

Sicherheitslage hat sich verändert

Für Helbing ist klar: „Die Sicherheitslage hat sich verändert, und das wirft die Frage auf: Wie regelt man den Zugang zum Festgelände?“ Bei der Idee eines Zauns müsse es eine technische Lösung sein, bei der zwar keine Leute mehr von draußen reinkommen, aber Leute raus können. „Das wäre vorstellbar.“ Wichtig sei auch ein Fluchtkonzept, das verhindere, dass die Wiesn-Besucher kreuz und quer flüchten. „Sie müssen geleitet werden zu den richtigen Ausgängen. Das muss gut organisiert sein. Die Sicherheitskräfte müssen die Lage in jedem Moment im Griff haben. Sonst kann sich eine kritische Situation schnell verselbständigen.“

OB Reiter: Rucksackverbot auf der Wiesn?

Nach dem Amoklauf von München hat der Oberbürgermeister der bayerischen Landeshauptstadt, Dieter Reiter (SPD), ein Rucksackverbot beim Oktoberfest ins Gespräch gebracht.

Die schönsten Bilder vom Oktoberfest

Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Mit dem "Ozapf is" von Oberbürgermeister Dieter Reiter fällt der Startschuss. Mit nur zwei Schlägen zapfte Reiter heuer an. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Die Mass danach schmeckte deshalb umso besser. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Schönes Wetter: Eine Seltenheit auf dem Oktoberfest 2015. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Das traditionelle Standkonzert der Oktoberfestkapellen auf den Treppenstufen der Bavaria. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Das traditionelle Standkonzert der Oktoberfestkapellen auf den Treppenstufen der Bavaria. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Beinahe ruhig und friedlich wirkt das Riesenrad in der Nacht. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Auch wenn 2015 weniger Besucher gekommen sind, voll ist es immer noch. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Enges Gedränge - und das wegen eines Gerstensaftes. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Diese Polizistinnen nehmen den Wiesn-Wahnsinn gelassen. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Feiern bis zur letzten Runde: Besucher auf dem Oktoberfest 2015. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Feiern bis zur letzten Runde: Besucher auf dem Oktoberfest 2015. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Zuckerwatte schmeckt auf einem Volksfest doch am Besten. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Goldgelb und frisch gezapft: Das berühmte bairische Bier auf dem Oktoberfest. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Traditionsrunde. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Auch wenn 2015 weniger Besucher gekommen sind, voll ist es immer noch. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Die Lichter der Fahrgeschäfte am Abend versetzen die Gäste des Oktoberfest immer wieder in Verzückung.  © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Hals über Kopf ins Getümmel stürzen, das ist die Devise. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Ein schönes Mitbringsel: Ein Herz vom Oktoberfest. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Im sogenannten "Himmel der Bayern" ist die Stimmung ausgelassen. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Damenrunde nach dem traditionellen Trachten- und Schützenumzug. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Damen nach dem traditionellen Trachten- und Schützenumzug. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Diese Frisur ist zwar weniger traditionell dafür umso kreativer. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Der traditionelle Trachten- und Schützenumzug. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
"Willkommen zum Oktoberfest". © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Der traditionelle Trachten- und Schützenumzug. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Auch wenn mal ein paar Tropfen vom Himmel kommen, die Herzerl-Verkäufer sind gewappnet. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Lichterspiele auf dem Oktoberfest 2015. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Blick von den Stufen der Bavaria auf das abendliche Oktoberfest. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Untern den Wolken, aber dem Himmel so nah: Das kann man nur im Kettenkarussell erleben. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Leuchtend bunt in der Nacht: Das Oktoberfest 2015. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Nur nicht die Fassung verlieren und ins Taumeln geraten. Das Fahrgeschäft "Taumler" ist tatsächlich wörtlich zu verstehen. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Im Fahrgeschäft "Topspin" wissen die Fahrgäste nie genau , wie nass sie werden. Auch das zählt zum Nervenkitzel. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
In den traditionellen bairischen Farben präsentiert sich der Himmel über dem Riesenrad. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Das gefragteste Schmankerl auf dem Oktoberfest: Ein knusprig gebratenes halbes Hendl. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Ein Knochenjob: Damit die Wiesn-Gäste immer genug zu trinken haben, müssen sich die Bedienungen einiges aufladen. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Leere Bänke und Tische im Schottenhamel Zelt kann man so auch nur vor dem Start des 182. Oktoberfestes bewundern. © dpa
Oktoberfest 2015 Anfang bis Ende
Süßer Klassiker: Die Lebkuchenherzen auf dem Oktoberfest. © dpa

Wie Sie das Oktoberfest 2016 live im TV verfolgen können, erfahren Sie hier.

Auch interessant

Meistgelesen

„Darum ist das Frühlingsfest so viel besser als die Wiesn“, behauptet unser Kollege
„Darum ist das Frühlingsfest so viel besser als die Wiesn“, behauptet unser Kollege
Schulfrei für die Wiesn: Stadtratsfraktion überrascht mit kuriosem Vorschlag
Schulfrei für die Wiesn: Stadtratsfraktion überrascht mit kuriosem Vorschlag

Kommentare