Tradition verpflichtet

Oktoberfest: Das ist im Augustiner-Zelt anders

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Stolz, Teil der Augustiner-Familie zu sein: Manfred Vollmer (re.) mit Sohn Thomas und Frau Michaela.

München - Seit 1328 wird das Augustiner-Bier gebraut. Eine lange Zeit, die auch noch heute zu Tradition verpflichtet. Auf der Wiesn ist deshalb eine Sache anders als in anderen Wiesn-Zelten.

1328. Diese Zahl findet man in München immer wieder, ob auf Autokennzeichen oder T-Shirts. Eingeweihte wissen, dass 1328 für das Gründungsjahr der Augustiner-Brauerei steht. Sie ist die älteste Brauerei Münchens. Traditionen hält man in der Zentrale an der Landsberger Straße seit jeher hoch, und dies setzt sich auch auf der Wiesn fort. In der Augustiner-Festhalle fließt das Bier immer noch aus großen Fässern, genannt Hirschen, in die Krüge. In fast allen übrigen Zelten lagert der Gerstensaft in riesigen Stahltanks und wird durch Rohrleitungen zu einem Show-Fass an die Schänke geführt. Nicht so in der Augustiner-Festhalle. Den Unterschied könne man schmecken, sagen die Wirte Thomas (43) und Manfred Vollmer (72) voller Überzeugung. Manfred übernahm die Festhalle 1988, sein Sohn Thomas ist seit fünf Jahren offiziell gleichberechtigter Wirt, aber schon viel länger auf der Wiesn dabei.

Im vorigen Jahr wurden in der Augustiner-Festhalle 3500 Hirschen geleert, circa 700 000 Liter. Weil die Fässer immer noch von Schäfflern per Hand hergestellt werden, verfügt jeder Hirsch über ein anderes Volumen, immer zwischen 190 und 220 Litern. Jedes Fass wird in der Augustiner-Brauerei noch per Hand gewaschen und gefüllt. So genannte Ganterburschen sorgen dann im Zelt dafür, dass an allen Schänken immer ein frischer Hirsch parat steht. Zehn von ihnen sind während der Wiesn für die Vollmers im Einsatz. „Schmalz und Gefühl braucht der Ganterbursch“, erzählt Thomas Vollmer. Schmalz, weil die Fässer bleischwer sind, Gefühl, weil der Ganterbursch das Fass leicht kippen muss, wenn das Bier zur Neige geht. Das ist zwar völlig unökonomisch im Vergleich zu einer Leitung aus dem Stahltank, aber eben Tradition. „Genau das gefällt uns. Dieses Handwerkliche findet sich im ganzen Zelt wieder“, sagt Thomas Vollmer.

Nachts, wenn die Wiesn in einen kurzen Schlaf fällt, kommen Lkw und liefern die eisgekühlten Fässer an den Kühlhäusern am Zelt an. Allein dafür sind 20 Mann nötig. „Der Aufwand ist enorm, aber es lohnt sich, denn die Gäste kommen wegen dieser Traditionen zu uns ins Zelt“, sagt Thomas Vollmer.

Die Gäste, das sind in der 6000 Plätze fassenden Augustiner-Festhalle nach Schätzung der Wirte zu 95 Prozent Münchner und Besucher aus dem Umland. Viele Stammtische sind seit Generationen im Augustiner. Touristen verlaufen sich eher selten in die Festhalle, denn Ballermann-Atmosphäre kommt hier zu keinem Zeitpunkt auf. Stattdessen gibt es bayerische Blasmusik zu hören. „Die Gemütlichkeit schätzen die Gäste: Ein gutes Bier, etwas Gutes zu essen und dazu schöne, zünftige Musik. Wir sind ein Bierzelt, keine Konzerthalle“, sagt Thomas Vollmer.

Stimmung kommt aber auch in der Augustiner-Festhalle auf. Ab 20 Uhr dreht die Kapelle auf und spielt auch Schlager und aktuelle Hits. „Dann wird gefeiert und auf den Bänken getanzt. Vorher sollen die Leute aber in Ruhe essen können, da wollen wir keine tobende Mannschaft“, betont Senior Manfred Vollmer. Zur gemütlichen Atmosphäre soll auch der lindgrüne Zelt-Himmel beitragen. Thomas Vollmer attestiert ihm „eine beruhigende Wirkung“. Sonst dominieren im Zelt die Farbkombinationen weiß-blau und schwarz-gelb: eine Hommage an den Freistaat und die Stadt.

Der Höhepunkt bei einem Besuch in der Augustiner-Festhalle ist freilich das Bier. Das wird – mit 13,5 Prozent Stammwürze – speziell für die Wiesn gebraut und enthält gut sechs Prozent Alkohol. Weil es ein Naturprodukt ist, schmeckt es jedes Jahr ein bisschen anders. „Süffig ist es aber immer“, sagt Manfred Vollmer und lacht. Er und sein Sohn, das merkt man bei jeder Silbe, sind „stolz, Teil der Augustiner-Familie“ zu sein.

Ulrich Lobinger

Oktoberfest 2015: Alle aktuellen Informationen im Wiesn-Ticker

Nach dem ersten Wiesn-Wochende können Wirte und Schausteller auf erfolgreiche zwei Tage zurückblicken. Alle aktuellen Informationen zur Wiesen finden Sie in unserem Ticker zum Oktoberfest 2015.

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