"Ein Prosit der Gemütlichkeit"

Himmel der Bayern in Ohio: Die größte US-Wiesn

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So feiert man in Ohio die Wiesn.

Cincinnati - Das größte Oktoberfest der Vereinigten Staaten ist eine Mischung zwischen Brauchtumspflege und riesiger Straßenparty, die das bajuwarische Original um einige skurrile amerikanische Elemente erweitert.

Als die scheppernde Blaskapelle "Ein Prosit der Gemütlichkeit" anstimmt, lässt sich die angeheiterte Menge in Lederhosen und Dirndln nicht lange bitten. Maßkrüge werden in die Höhe gestemmt, das Bier schwappt über, aber so ist das, beim Oktoberfest. Nur dass die Szene nicht auf der Theresienwiese in München, sondern in Cincinnati im Mittleren Westen der USA spielt. Das größte Oktoberfest der Vereinigten Staaten ist eine Mischung zwischen Brauchtumspflege und riesiger Straßenparty, die das bajuwarische Original um einige skurrile amerikanische Elemente erweitert.

"Cincinnati hat eine reiche, tiefgeifende deutsche Kultur", sagt Pat Sheeran, der das Fest für die Handelskammer der 300.000-Einwohner-Stadt im Bundesstaat Ohio organisiert hat. Der Fassanstich fand am Wochenende parallel zum Wiesn-Auftakt in der Partnerstadt München statt, in Cincinnati dauert das Oktoberfest aber immer nur drei Tage. Von Freitag bis Sonntag erwartete die Handelskammer 650.000 Besucher in die Innenstadt, die fast 120.000 Liter Bier trinken und mehr als 23.000 Brezeln verspeisen sollten.

"Ich liebe deutsches Essen", sagt der 26-jährige Chris, der mit seinen Freunden aus dem nahe gelegenen Bundesstaat Kentucky auf das Oktoberfest gekommen ist. Chris steht vor einem blau-weißen beflaggten Stand, der neben Bratwürsten und Brezeln auch für bayerische Volksfeste eher untypische Kost wie frittierte Sauerkrautbällchen im Angebot hat. "Das ist unser amerikanischer Dreh", erklärt Organisator Sheeran. "Wir nennen uns Amerikas Oktoberfest. Und wir machen ungewöhnliche Dinge."

Ein Wettrennen von Dackeln in Hot-Dog-Kostümen, zum Beispiel. Dackel gelten in den USA als urdeutsche Hundeart und werden wegen ihres langgestreckten Körpers auch Wiener genannt - wie die Wurst. Die Herrchen und Frauchen nehmen das "Running of the Wieners" ziemlich ernst, die Besitzer feuern ihre Vierbeiner frenetisch an. Bei den Gemütlichkeit Games gilt es unter anderem, Bierfässer um die Wette zu rollen. Auf dem Festprogramm stehen außerdem der weltgrößte Ententanz und ein Bratwurst-Wettessen.

Mehr als 46 Millionen US-Bürger haben der jüngsten US-Volkszählung zufolge deutsche Vorfahren. Damit stellen die Deutschamerikaner die größte Bevölkerungsgruppe der Vereinigten Staaten nach Herkunftsland. Die deutschen Einwanderer waren vor allem im 19. und frühen 20. Jahrhundert auf der Suche nach politischer Freiheit und einem besseren Leben in die USA gekommen, viele siedelten sich in Städten des Mittleren Westens wie Cincinnati, Milwaukee und St. Louis an.

"Wahrscheinlich die Hälfte der Bevölkerung im Großraum Cincinnati hat deutsche Wurzeln", sagt Don Tolzmann, der mehrere Bücher über die Deutschamerikaner geschrieben hat. Im 19. Jahrhundert ließen sich die deutschen Einwanderer vor allem in einem Stadtviertel nieder, dessen Name Over-the-Rhine noch immer an die ursprünglichen Bewohner erinnert.

In den vergangenen Jahrzehnten war das "Rheinland von Cincinnati" ein sozialer Brennpunkt, die überwiegend afroamerikanische Bevölkerung kämpfte mit Kriminalität und Armut. Viele der Backsteingebäude, von denen einige noch deutsche Inschriften tragen, standen leer. Im April 2001 kam es in Over-the-Rhine zu mehrtägigen Rassenunruhen, nachdem ein weißer Polizist einen unbewaffneten schwarzen Teenager erschossen hatte.

Mittlerweile steht das Viertel vor einem Comeback. Gallerien, Restaurants und Bars locken seit einigen Jahren verstärkt junge Leute an. In der von einem deutschen Einwanderer gegründeten Moerlein-Brauerei, die einst während der Prohibition aufgeben musste, wird heute wieder Bier produziert.

In Over-the-Rhine betreibt seit vergangenem Jahr auch der Allgäuer Trachtenhersteller Wiesnkönig seinen ersten US-Laden. Mitbetreiber Oliver Pfund sagt, dass sich nicht nur Cincinnatis Oktoberfest-Gänger bei ihm einkleiden würden. Dezentere Trachtenmode sei auch bei den Hipstern im Viertel beliebt, "die verstanden haben, dass man eine coole Lederhose auch mit T-Shirt und Chucks als Everyday-Fashion tragen kann."

AFP

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