Neben der Theresienwiese

Oktoberfest-Nachbarn: Wir wohnen im Wiesn-Wahnsinn

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Daniel Abenthum hätte viel Übersicht – wenn er da wäre.

München - Wir haben Oktoberfest-Anwohner gefragt, womit sie zu kämpfen haben. Aber auch, was sie am Wohnen gleich an der Wiesn mögen.

Jetzt noch drei Tage lang die Nerven bewahren – dann ist es geschafft. Den Anwohnern an der Theresienwiese steht ein letztes hartes Wochenende bevor. Der Samstag und Sonntag liegen im Wiesn-Zelte-Barometer der Stadt im roten Bereich mit Ausrufezeichen. Vollalarm in Sachen Besucheransturm! Klingelstreiche von Betrunkenen oder unschöne Hinterlassenschaften vor der Gartentür: Wir haben Oktoberfest-Anwohner gefragt, womit sie zu kämpfen haben. Aber auch, was sie am Wohnen gleich an der Wiesn mögen.

Urlaub vom großen Trubel

Kurzzeitig aus der Stadt geflüchtet: ­Marion (27).

Pünktlich zum Wiesn-Start ist Marion K. (27) für ein paar Tage in den Urlaub gefahren. „In der Oktoberfest-Zeit nicht immer da zu sein, ist schon nicht schlecht“, sagt die Content-Managerin. Kein Wunder: Sie wohnt seit zwei Jahren in der Mozartstraße – direkt an der Theresienwiese. Jetzt ist sie wieder vom Urlauben da und freut sich auf die Wiesn. „Insgesamt bin ich heuer vier- bis fünfmal auf dem Oktoberfest.“ Eigentlich mag sie ja das erste Wiesn-Wochenende am liebsten. Aber da war ihr der Urlaub dann doch wichtiger… Ganz so hartgesotten wie ihre Vormieterin ist Marion aber nicht: Die war immer um die zehnmal auf dem Oktoberfest. „Das ist mir doch zu viel.“ Dass sich Marion jeden Abend nach der Arbeit durch die Menschenmenge kämpfen muss, bis sie in der Wohnung ist, findet sie nicht tragisch. „Mein Mitbewohner ist da anders: Der hasst es.“ Logisch: Nicht alles ist angenehm. So wie im letzten Jahr, als sich ein Betrunkener direkt vorm Gartentürl übergeben hat. Was für ein Empfang am Morgen! Doch Marion kann das alles nicht stressen: „Für mich riecht es in der Wiesnzeit hier mehr nach gebrannten Mandeln als nach Erbrochenem.“

Mittelmeer statt mittendrin

Während der Wiesn kreuzt Daniel Abenthum (23, Artikelbild) auf dem Mittelmeer. An Deck eines Kreuzfahrtschiffes zu baden und in Marseille am Hafen zu promenieren ist das reizvolle Gegenprogramm zur Schwanthalerhöhe mit den Massen an Menschen – und auch mit unangenehmen Gerüchen … Jedes Jahr zur Wiesn fährt der Buchhalter weg. Weil er schon um fünf in der Früh über Bierleichen steigen musste. Weil in der Nacht Freunde und Fremde bei ihm klingeln, um bei ihm zu übernachten. Weil die Wiesnkapellen gefühlt auf seinem Balkon spielen und die Musik in seine Wohnung dröhnt. Weil er von daheim viel längere Wegzeiten einplanen muss, wenn er nur rasch zum Einkaufen will. „Die Wiesn ist eine Katastrophe für uns Anwohner. Wir kommen kaum vorwärts und überall riecht’s nach Urin“, sagt Aben­thum. Seine direkten Nachbarn im dritten Stockwerk sind auch weggefahren. Keinen Gedanken hat Abenthum daran verschwendet, seine Wohnung während des Urlaubs unterzuvermieten. „Ich sehe ja, in welchen Zuständen die Menschen nach der Wiesn sind. So jemanden will ich nicht unbeaufsichtigt in meiner Wohnung haben.“ Einmal war er heuer auf der Wiesn, hat mit Freunden gefeiert und ist danach noch Karussell gefahren. Am nächsten Tag ging’s für Abenthum zwei Wochen in den Urlaub. Nur eines wird ihm ein bisschen fehlen auf seiner Mittelmeer-Kreuzfahrt: Atemlos – den Wiesnhit hört er tatsächlich immer noch gern.

Verirrte im Innenhof

Robert (27, l.) mit seinen Freunden in der WG.

An ihrer WG laufen viele der Wiesnbesucher vorbei, wenn sie nach dem Fest gen Hauptbahnhof gehen oder torkeln. BWL-Student Robert G. (27) und seine Mitbewohner leben in der Landwehrstraße. Und sie sind zu Wiesn-Zeiten einiges gewohnt. „Bei uns im Innenhof ist eine Moschee – deswegen ist die Türe zum Hof offen“, erzählen sie. Die Folge: Immer wieder verirren Wiesnbesucher sich in den Innenhof – vor allem natürlich, wenn sie ein bissl zu viel getrunken haben. Einige von ihnen hinterlassen Spuren, die man auch am nächsten Morgen noch sieht, sagt Robert. Aber sie hätten eine gute Hausverwaltung, die den Hof immer schnell sauber gemacht habe. „Und es geht ja nicht um mein Zimmer – von daher passt das schon.“ Heuer sei es grundsätzlich sowieso weniger schlimm als in den letzten Jahren, erzählt er. Weniger Betrunkene kommen vorbei. Vielleicht liegt’s ja daran, dass es auch auf der Wiesn gemütlicher zugeht … Laut ist es am Abend aber trotzdem noch, wenn sich die Wiesngäste auf den Weg zum Hauptbahnhof machen, erzählt er. Auch wenn Robert nichts dagegen hätte, ein bisserl weiter weg von der Wiesn zu wohnen: Sein Viertel will er nicht missen. Das Multi-Kulti-Flair gefällt ihm, und durch die Nähe zum Hauptbahnhof ist er schnell überall. Außerdem: Manchmal ist es halt ziemlich praktisch, so nah an der Wiesn zu wohnen. Heute zum Beispiel: Erst macht er mit seinen Freunden ein gemütliches Weißwurst-Frühstück. Dann geht’s ab aufs Oktoberfest!

Auf eine Fischsemmel

Thomas Eymer hat viel Spaß an der Aussicht aus seiner Wohnung

Früher hat Thomas Eymer (59) den Aufbau der Wiesn ab Juli immer ganz aus der Nähe beobachtet – damals, als man noch über das Gelände schlendern durfte. „Wegen der Unfallgefahr haben sie es gesperrt – und so beobachte ich jetzt von meinem Balkon“, sagt Eymer. Seit 14 Jahren wohnt er im Hochhauskomplex auf der Theresienhöhe. Zweimal hat er sogar auf der Wiesn Herzerl verkauft. Ein Knochenjob war’s, gut verdient hat er nicht, es ging ihm ums Dabeisein. Daheim ist er mittendrin im Wiesntrubel. „Der Durchgang unterm Haus war früher das größte Pissoir Münchens.“ Seit drei Jahren gibt’s während der Wiesn Sicherheitsleute am Haus, und täglich fährt die Reinigungsmaschine durch. Seit 1979 lebt Eymer schon im Viertel. „Vor 30 Jahren, da war zur Wiesnzeit die Hölle los, weil viele Freunde bei mir übernachtet haben. Jetzt sind wir ruhiger geworden. Ich schaue lieber am Familiendienstag auf eine Fischsemmel vorbei als am Italienerwochenende.“ Während viele das mittlere Wochenende meiden, lachen die Augen von Thomas Eymer, wenn er von den internationalen Gästen spricht. „Es heißt ja, dass jeder Italiener einmal in seinem Leben auf dem Oktoberfest gewesen sein muss. Sonst ist er kein Italiener.“ Vom Balkon aus beobachtet er das bunte Leben. Früher sind Wiesnbesucher bis ins Haus gekommen, über eine Rampe ins Zwischengeschoss. Eymer: „Da konnte man alles sehen, was sich so zwischen Mann und Frau abspielt …“ Heute verhindert das ein Tor – aber auch früher hat’s Thomas Eymer nicht genervt. Es sind halt zwei Wochen Ausnahmezustand, das bringt einen wie ihn nicht aus der Ruhe. Der Fremdenführer genießt es lieber, dass die Welt zu Gast ist und er am Mittag auf einen Sprung in die Spatenkantine kann.

Logenplatz über dem Fest

Florian Weidenbach auf seinem Balkon.

Mal eben nackert durch die Wohnung rennen will Florian Weidenbach (34) derzeit lieber nicht. Denn vom Riesenkettenflieger Alex Airport können die Wiesn-Besucher aus 55 Metern Höhe direkt in seine Wohnung am St.-Pauls-Platz schauen. Auf seiner Treppe feiert er gern mit Freunden seine persönliche Afterwiesn. „Da spielt sich das ganze Spektrum der menschlichen Dramen direkt vor meiner Haustür ab“, sagt Weidenbach. Doch seit er so nah beim Oktoberfest wohnt, geht er nur noch drei bis vier Mal raus. Früher war’s doppelt so oft: „Man wird der Wiesn überdrüssig, wenn die Alkoholleichen vor der Haustür liegen.“ ­Einmal hat’s einer bis direkt vor seine ­Wohnungstür im vierten Stock geschafft. ­Weidenbach hat ihn entdeckt, als er auf dem Weg zur Arbeit war. „Ich habe kurz überprüft, ob er noch lebt und hab ihn dann weiterschlafen lassen.“ Wenn’s gehen würde: Florian ­Weidenbach würde in den Urlaub fahren. Doch bei dem Concierge ist in der Wiesnzeit das Hotel voll – und so bleibt er in München und verfolgt die Wiesn aus seiner Logen-Perspektive. Mit Frischverliebten, Frischentliebten und allem Drum und Dran.

Jasmin Menrad, Ramona Weise

Wer wissen will, wie es auf der Wiesn zugeht, der kann hier unsere Ticker nachlesen:

Ticker von Freitag, 2.10.

Ticker von Samstag, 3.10.

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