After-Wiesn-Party

Feiern im Exil-Hippodrom

+
Hip, Hip, Hippodrom! Gut drauf sind diese jungen Gäste im Hippodrom.

München - Anstelle ihres Mannes Sepp betreibt Tina Krätz während der Wiesn im Postpalast das berühmte, vom Oktoberfest verbannte Hippodrom. Das altbekannte Flair ist erkennbar. Trotzdem hat sich einiges geändert.

After-Wiesn im Hippodrom

After-Wiesn im Hippodrom

Sepp Krätz steht vor dem Hippodrom. Allein das ist ja an sich eine Nachricht wert, über den Mann, der vor etwa zwei Jahren als Wiesnwirt vom Oktoberfest vertrieben wurde. Krätz wirkt am Postpalast wie eine Statue. Er posiert im Schatten der 100 Jahre alten bunten Holzpferde, die über dem Eingang aufgebaut sind und fast immer das Promi-Zelt auf der Wiesn schmückten. Krätz raucht eine Zigarre, die andere Hand lässig in der Hosentasche. Wenn er mit den Gästen plaudert, strahlen sein Charme und Charisma wie eh und je. Doch spricht man ihn auf die Wiesn an, wird Krätz wortkarg.

Seine Miene versteinert sich, sein Blick wird starr. „Ja, ich war heuer schon auf der Wiesn, letztens hab ich Semmelbrösel gekauft und...“ Krätz spricht nicht zu Ende. Er rettet sich mit einem Hinweis auf seine Frau. „Gehen Sie doch am besten zur Tina, die ist hübsch und eignet sich viel besser für Fotos und Statements. Sie ist die Chefin hier“, sagt Krätz und verschwindet wehmütig im Dunkeln wie ein Phantom.

Oktoberfest 2015: Hippodrom jetzt in der Sonnenstraße

Das Hippodrom, sein früheres Oktoberfestzelt, geriet vor zwei Jahren in den Verdacht steuerlicher Unregelmäßigkeiten. Es folgte eine Steuerfahndung und ein Verfahren, Krätz wurde die Konzession entzogen. Seine 19-jährige Geschichte als Wiesnwirt endete zusammen mit der 111-jährigen Geschichte des Hippodroms auf der Wiesn. Der Promi-Dompteur Krätz durfte nicht mehr die Massen dirigieren.

Tina Krätz im Postpalast zu finden, ist gar nicht so einfach. Gerüchte machten die Runde, sie sei nur vordergründig die Chefin und Sepp Krätz im Hintergrund immer noch Herr des Betriebes, obwohl er die Auflage hat, hier nicht einmal ein Tablett anfassen zu dürfen. Als Tina Krätz auftaucht, bestätigt sich dieses Gerücht nicht. Während ihr Mann im Freien Zigarre raucht, kümmert sie sich um den reibungslosen Ablauf: Reservierungen, Bestellungen, Einlass, Getränke. Die Mitarbeiter suchen sie als Ansprechpartnerin.

Die Band spielt gerade das Lied „Fürstenfeld – i wui wieda haam“ – wie passend für ein Wiesnzelt im Exil. Die Gäste essen gemütlich ihr Wagyu-Steak, Fleisch aus der Eigenzucht von Krätz. Noch springt der Stimmungsfunke nicht über. Erst als die Band „Seven Nation Army“ von den White Stripes anstimmt, stellen sich einige auf die Bänke. Es ist 21.30 Uhr. Die Party auf der Wiesn endet langsam, hier beginnt sie bedächtig. Um drei Uhr morgens ist im Postpalast erst Schluss.

Vergangenes Jahr fand die erste Wiesn ohne die Familie Krätz statt. Das Marstall wurde anstelle des Hippodroms aufgebaut. Die Familie Krätz brauchte Abstand. Ihre geliebte Wiesn ohne ihr geliebtes Zelt – das war nicht einfach. „Während des Oktoberfestes 2014 machten wir einen Familienurlaub auf Sizilien. Das hat uns sehr gut getan“, sagt Tina Krätz an der hölzernen Außenbar des Hippodroms, wo sich Après-Ski-Gefühl breitmacht. Das Hippodrom wiederzubeleben, war eine spontane Idee: „Im späten Frühjahr, da habe ich mit meiner Schwester den Postpalast entdeckt. Plötzlich kam der Gedanke: Wir könnten hier während der Wiesn das Hippodrom einrichten“, erzält Tina Krätz. 

Oktoberfest 2015: "Postpalast ist wie eine Manege"

Danach ging alles schnell. Dass die Familie Krätz mit der Familie Käfer gut befreundet ist, schadete nicht. Denn die gastronomische Betriebserlaubnis für den Postpalast hat der Feinkost-Guru Michael Käfer. „Ich finde das runde Gebäude passt zur Geschichte des Hippodroms, wo ja früher Pferde durchgeführt wurden. Der Postpalast ist wie eine Manege“, sagt Tina Krätz. Ob sie bei der Vorbereitung ins kalte Wasser gesprungen sei? „Nein, meine Eltern hatten ja lange das Hackerzelt auf der Wiesn, damit bin ich aufgewachsen. Und dann die Erfahrung mit dem Hippodrom. Da lernt man schon, wie so eine Aufgabe zu bewältigen ist“, sagt sie.

Mittlerweile tanzen im Postpalast die Gäste. Es ist 23 Uhr, fast alle tragen Lederhosen und Dirndl. Ein kleiner Schwall an Oktoberfestgästen strömt herein. Der DJ macht jetzt die Musik.

Oktoberfest 2015: "Keine Bierleichen, dazu super Stimmung"

Wenn man sich unter den Rauchern vor dem Eingang umhört, wird klar, dass die meisten schon im Wiesn-Hippodrom Stammgäste waren. Horst Lieder, ein Mann mit Bertolt-Brecht-Brille und Glatze, Vorsitzender eines Immobilienunternehmens, zündet sich mit einem schwarzen Streichholz seinen Zigarillo an. „Großartig, dass es das Hippodrom wieder gibt, fast besser als auf der Wiesn. Hier hast du keine Bierleichen, dazu super Stimmung, kannst in Ruhe am Eingang rauchen – tolle Ergänzung“, sagt er. Ein paar Schritte weiter steht Ewa, eine 30-jährige Kinderpflegerin. „Ich habe das Hippodrom ein Stunde lang auf dem Oktoberfest gesucht. Dann stand ich plötzlich vor dem Marstall. Und jetzt bin ich hier und möchte bis in die Morgenstunden feiern.“

Zurück an der Außenbar gibt der äußerst höfliche Sergej Radionov Vodka aus. Er ist Vorstandsmitglied des russischen Wirtschaftsverbandes. „Ich werde immer wieder ins Hippodrom kommen, egal wo es aufgebaut wird. Die Herzlichkeit der Familie Krätz ist für mich einzigartig“, sagt er und stößt mit Tina Krätz an.

Alle aktuellen Infos zur Wiesn lesen Sie in unserem Ticker.

Hüseyin Ince

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

Frauen-Aktivistin erfindet Sex-Überfall auf Wiesn-Heimweg
Frauen-Aktivistin erfindet Sex-Überfall auf Wiesn-Heimweg
Gib Strom, Nadine! Wiesn-Madl bekommt Elektro-Flitzer
Gib Strom, Nadine! Wiesn-Madl bekommt Elektro-Flitzer

Kommentare