Traditionsreich oder unangebracht?

Blaskapellen schockierten beim Wiesn-Umzug mit Nazi-Marsch

Am ersten Oktoberfest-Sonntag haben zwei Blaskapellen einen fragwürdigen Marsch gespielt - der als Symbol für die nationalsozialistische Vergangenheit Österreichs gilt. 

München - Zwei Tiroler Blasmusikkapellen aus dem Zillertal spielten beim Trachten- und Schützenumzug auf dem Oktoberfest den „Standschützenmarsch“ - und ernteten dafür Kritik, denn dieser gilt als Relikt aus der österreichischen Nazi-Zeit. Der Komponist Sepp Tanzer hatte das Stück 1942 für Franz Hofer, zu seiner Zeit Gauleiter von Tirol, geschrieben - und sogar vor Hitler und Mussolini aufgeführt, wie Süddeutsche.de berichtet

„Hellau, jetzt soll‘s zum Kampfe gehn“

„Hellau, jetzt soll‘s zum Kampfe gehn“, tönte es am ersten Oktoberfest-Sonntag auf dem Festgelände in München. Als „Emblem für die NS-Zeit in Tirol“ bezeichnet der Musikwissenschaftler Kurt Drexel von der Universität Innsbruck den Marsch, wie das Nachrichtenportal schreibt: Die Tiroler Standschützen seien 1938, nachdem Österreich sich dem Nationalsozialismus Deutschlands angeschlossen hatte, „umkodiert“ worden - und galten danach „als Gleichschaltungsorganisation für alle volkskulturellen Vereine in Tirol“. 

Besonders heikel: Der Verweis des Stücks auf die Nazi-Vergangenheit der Blaskapellen ist dem Bericht zufolge nicht weit hergeholt, keine Auslegungssache, über die man sich echauffieren kann, aber nicht muss. Der Marsch war damals als Titel für das Gauliedbuch ausgewählt worden - zudem sollte „Hellau“ nach NS-Gauleiter Hofer als „Kampfruf für die Tiroler Bauern als Wehrstand des dritten Reiches im Süden“ gelten.

Das ist wohl auch der Grund, warum das Lied eigentlich nicht gespielt werden soll. Es bestehe zwar kein Verbot - doch der Blasmusikverband des Landes Tirol weise explizit darauf hin, „auf das Spielen des Marsches aus Respekt vor den Opfern der NS-Zeit zu verzichten“.

„Ein schöner Marsch“

Trotz allem entschieden sich nicht eine, sondern sogar zwei Blaskapellen dazu, das Stück am Sonntag aufzuführen. Gegenüber Süddeutsche.de sagte der für die beiden Blaskapellen verantwortliche Obmann, dass „eine Empfehlung ja schließlich kein Verbot sei“. Der Marsch sei gespielt worden, „weil es ein schöner Marsch ist, und nicht, weil der Komponist eine Nazi-Vergangenheit habe“.

Ja, eine Empfehlung ist kein Verbot - ob es in Anbetracht der Sensibilität des Themas angebracht ist, sich über einen solchen Ratschlag hinwegzusetzen, ist jedoch fraglich.

Lesen Sie auch, wer außerdem noch beim Wiesn-Umzug dabei war. Die schönsten Bilder des Trachten- und Schützenumzugs finden Sie hier.

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Lena Reinholdt

Wenn die Blaskapelle spielt ist Wacken eröffnet

Video: Glomex

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa (Symbolbild)

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