Bernhard (47) verdient 30 Euro am Tag

Altglas-Sammler auf der Wiesn: Flasche leer, Kasse voll!

+
Leere Flaschen gibt es definitiv genug auf der Wiesn - hier vor dem Eingang.

Was passiert eigentlich mit den tausenden Dosen und Flaschen, die man nicht mit in die Wiesn-Zelte nehmen darf? Wir haben zwei Flaschensammler getroffen.

Jürgen Josef Fischer ist obdachlos. Die Jeans zerrissen, die Schuhe verschmutzt. Trotzdem strahlt der 44-Jährige wie ein Kind. „Schau mal, was ich gerade gefunden habe“, sagt er und lacht. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält er eine Cola-Flasche in die Luft. „Da ist sogar noch was drin – zum Glück war ich schneller als die Konkurrenz!“

Lesen Sie auch:  Die Wiesn im Live-Ticker

Griechen, Rumänen, Bulgaren. Allein auf dem schmalen Gehweg zwischen der Paulskirche und der Theresienwiese haben sich an diesem Morgen mehr als ein Dutzend Flaschensammler postiert. Daneben schlängeln sich zwei Frauen mit riesigen Rucksäcken durch die Menge, auch sie sind auf der Suche nach Leergut. Dürfen die das? „Ja“, bestätigt ein Sprecher der Stadt, „die Herrschaften verstoßen gegen keinerlei Vorschriften.“

Lesen Sie auch: Oktoberfest als Massenbesäufnis? Nein! Der Münchner Moses Wolff verteidigt seine Wiesn

Flaschensammler Fischer: Zufrieden mit dem, was er hat

Jürgen Josef Fischer hat es sich nahe der Hackerbrücke auf einer steinernen Treppe gemütlich gemacht. Die mitleidvollen Blicke der Vorbeigehenden blendet er aus. Schließlich, so erzählt er, sei er zufrieden mit dem, was er hat.

Zur Wiesn zieht es zahllose Flaschensammler.  Auch Bernhard Nöhren (l.) und Jürgen Josef Fischer sammeln Leergut.

Nach der Schule hat sich der Münchner zum Bäcker ausbilden lassen. Brezen flechten, Marzipanrosen formen, Teigberge kneten. „Die Arbeit hat mir Spaß gemacht“, erzählt er, „ich bin jeden Morgen gern aufgestanden.“ Bis zu jenem Tag, an dem das private Unternehmen dichtmachen musste. Der Bäckermeister war in die Jahre gekommen, einen Nachfolger gab es nicht – „das war’s.“

Doch anstatt sich nach einem neuen Arbeitsplatz umzuschauen, beschloss Fischer, auf Wanderschaft zu gehen. Raus aus der Stadt in Richtung Bodensee. Mittlerweile ist der 44-Jährige seit einem knappen Jahr unterwegs. Im Sommer schläft er im Freien, im Winter sucht er sich einen Unterschlupf. „Wer auf der Straße lebt, braucht zwar nicht viel“, sagt Fischer, „aber ein bisserl was doch.“ Einen Kaffee zum Wachwerden zum Beispiel, und dazu eine Semmel.

Innerhalb einer Stunde ist der Wagen voll

Um satt zu werden, sammelt der Obdachlose Leergut. Bierflaschen bringen ihm acht Cent, Dosen 25. Wenn er Glück hat, stehen die Flaschen auf dem Gehsteig, meistens aber muss er im Mülleimer wühlen. „Schön ist das nicht“, sagt Fischer, „aber was will man machen – im Leben bekommt man schließlich nichts geschenkt.“

Lesen Sie auch auf tz.de*: Wo binde ich die Dirndl-Schleife fürs Oktoberfest?

Während der Wiesn boomt das Geschäft mit den Flaschen. Seit Donnerstag sitzt Jürgen Josef Fischer vor dem Festgelände und wartet – darauf, dass sich sein Einkaufswagen füllt. Mit leeren Bier- und Plastikflaschen, mit Gegenständen, die im Bierzelt verboten sind. Viel Geduld muss er dafür nicht aufbringen. „Meistens ist der Wagen innerhalb einer Stunde voll.“

6000 Bierflaschen im Einkaufswagen

Wenn sich der Münchner mal die Beine vertreten mag, hält sein Kumpel die Stellung. Auch Bernhard Nöhren lebt auf der Straße. Vor drei Monaten hat der 47-Jährige seinen Job verloren. Nöhren war Erschrecker in einer Geisterbahn, „der Mann mit der Kettensäge.“ Anzug tragen, Termine koordinieren, Vorschriften befolgen – „das war noch nie mein Ding“, sagt Nöhren. Auf der Straße aber fühlt er sich wohl. Sein Erfolgsrezept: Freundlichkeit. „Wenn du nett zu den Leuten bist, dann sind sie’s auch zu dir.“

Bis zu 6000 Bierflaschen landen während der Wiesn in seinem Einkaufswagen. Bei acht Cent pro Flasche macht das 30 Euro am Tag. Manchmal bekommt er zusätzlich noch ein paar Münzen geschenkt. „Geld verdienen, ohne viel dafür tun zu müssen“, sagt Nöhren, „diese Art von Freiheit gefällt mir verdammt gut.“

Sarah Brenner

tz.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Auch interessant

Kommentare