Bombendrohung in Köln: Polizei spricht von „Gefahrenlage“

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Mehr als eine Geldfrage

Knochenjob Sanitäterin auf der Wiesn: Sie verrät, was für sie das Schlimmste ist

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Sanitäterin Ursula Beirer mit der Fahrtrage, in der diejenigen Wiesnbesucher zur Erste-Hilfe-Station gebracht werden. 

Niemand geht freiwillig gerne zu ihnen, aber jeder ist froh, wenn sie da sind. Rettungssanitäter auf der Wiesn ist ein echter Knochenjob. Ursula Beirer stand uns Rede und Antwort.

München - Da steht der Reporter um kurz nach neun Uhr morgens am Infopoint hinterm Schottenhamelzelt und weiß: Er ist da, wo keiner hin will – aber wenn man hin muss, ist es oft allerhöchste Eisenbahn: die Sanitätsstation. „Zu uns“, erklärt Ulrike Krivec – die Pressechefin von Aicher Ambulanz, die für die Wiesn zuständig ist – „kommen die Menschen, die noch gehen können.“ Und die anderen? „Für die haben wir die Fahrtrage.“ Die Wiesn ist eine knappe Woche alt, das Italiener-Wochenende steht an, und wir finden: höchste Zeit, um sich mal den orangen Engeln zu widmen. Diejenigen, die für eine Aufwandsentschädigung zwischen 60 und 100 Euro pro Schicht mit der Kehrseite der Wiesn konfrontiert werden. Eine wie die Münchner Medizinstudentin Ursula Beirer (30).

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Sanitäterin auf dem Oktoberfest 2019: Wieso tut man sich das an? 

Frau Beirer, welcher Anteil Ihrer Kundschaft, die zu tief ins Glas geschaut hat, ist männlich?

Rund 60 Prozent.

Nicht mehr?

Die Frauen sind ganz gut mit dabei. Sie brauchen in der Regel auch weniger, die Männer sind erstens besser in Übung und zweitens allein schon von der Körpermasse trinkfester. Und aggressiver, aber auch hier holen die Frauen auf.

Ein Taxler hat mir mal erzählt, dass betrunkene Frauen die schlimmeren Fahrgäste wären…

Sagen wir so: Männer wollen eher ihre Ruhe, schlagen auch mal um sich – ohne Trefferquote. Wenn eine Frau aggressiv wird, dann kann das schon schnell in einem, höflich ausgedrückt, Körpervollkontakt enden.

Wieso tun Sie sich das an – ist es als Studentin in München auch eine Geldfrage?

Das ist ein Faktor, der bei mir knapp über 50 Prozent liegt. Natürlich will ich das zu 100 Prozent machen, doch die Bezahlung macht es auch möglich. Ansonsten wäre das vom Verstand her nicht möglich. Außerdem bekommt man ein bisserl Erfahrung – ich war das erste Mal, damals beim Roten Kreuz, mit 16 auf dem Oktoberfest tätig.

So früh?

Alles begann mit einer Ausbildung über den Schulsanitätsdienst. Ich dachte mir: Die Wiesn ist das Highlight in München, und hier kann ich mein frisch erworbenes Wissen gleich anwenden – jetzt kenn ich’s, jetzt will ich’s auch zeigen.

Wem?

Zu uns kommen alle – von der älteren Dame, die sich verlaufen hat, über Betrunkene, Herzinfarkt-Patienten bis zu chirurgisch zu behandelnden Patienten. Die sind sogar in der Mehrheit: von einfach zu verarztenden Verstauchungen oder Schnittwunden bis zu Knochenbrüchen.

Oktoberfest 2019: Wie dankbar sind verletzte Wies-Besucher den Sanitätern?

Sind die Patienten dankbar?

Es gibt Dankbarkeit. Das Schönste sind gar nicht mal Geldgeschenke – bis zehn Euro nehme ich sie an, wenn der Patient Herr seiner Sinne ist, die Kohle wandert dann in unsere Kaffeekasse –, sondern vor allem Betrunkene, die erst aggressiv sind, aber sich entschuldigen, wenn sie wieder nüchtern sind. Es kommt auch vor, dass jemand zwei Tage später gebrannte Mandeln vorbeibringt. Diese kleinen Gesten machen mich glücklich.

Haben Sie auch schon mal einen Heiratsantrag auf der Wiesn bekommen?

So wie es gerade meiner Kollegin passiert ist? Dieses Jahr noch nicht, aber das kommt schon vor. Manche Patienten sind ohnehin ein bisserl verkuschelt. Vor allem junge Frauen, wo wir als große Schwester herhalten – bei den Kerlen ist das etwas amouröser ausgeprägt. Aber das ist alles viel schöner, als angepöbelt zu werden.

Kommt das vor?

Oh ja. Das Schlimmste aus medizinischer Sicht ist, wenn man jemanden reanimieren muss – aber das Schlimmste für mich ist etwas anderes: wenn der normale Menschenverstand ausgeschaltet ist. Wenn Leute etwa keine Rettungsgasse bilden, wenn sie aggressiv werden, weil sie für einen Tisch bezahlt haben und wir da dringend jemanden verarzten müssen… Viele haben einfach kein Verständnis für unsere Arbeit, und deshalb finde ich es schön, dass Sie über uns berichten. Dass wir nicht nur die Sanis sind, die wütend durch die Menge pflügen. Und: Die Menschen werden hilfloser als früher und geben viel eher Verantwortung ab, als zu helfen.

Rettungssanitäterin auf dem Oktoberfest: Alkohol und seine fatalen Folgen

Ist Ihre Lust auf Alkohol gesunken?

Ja. Allein schon, wenn Sie die Gerüche noch in der Nase haben… Und: Alkohol ist nun mal ein Nervengift, auch wenn es gesellschaftlich akzeptiert ist. Man wird ja eher blöd angeschaut, wenn man auf der Wiesn ein Wasser trinkt – da gilt man als Spielverderber oder Schwächling. Dabei ist es genau andersrum. Wenn man sieht, wie viele Familien am Alkohol zerbrechen, welch fatale Folgen er hat, dann ist das unverständlich.

Vertragen Asiaten wirklich weniger, weil sie dieses unaussprechliche Enzym nicht besitzen?

Ja, die Alkoholdehydrogenase. Dadurch baut sich Alkohol viel langsamer ab. Aber wir haben wenige Patienten aus Fernost – ein Großteil ist in einer Reisegruppe hier, und die wird ja bekanntlich gut zusammengehalten.

Und die Italiener?

Sind trinkfester, als man glaubt, aber sie kennen kein Ende. Ganz vorne sind allerdings die Australier, Neuseeländer und US-Amerikaner. Den Deutschen ist’s zu teuer, die Amis hingegen dürfen hier schon ab 16 trinken, überreißen den Dollarkurs nicht wirklich und sind das Starkbier nicht gewöhnt.

Wie lange machen Sie den Wiesndienst noch?

Auf jeden Fall noch zwei Jahre bis zum Ende des Medizinstudiums. Dann schauen wir weiter. Aber das ist ein Ding fürs Leben, also sage ich mal: So lange es geht.

Das Gespräch führte Matthias Bieber

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