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„Früher war alles besser“? Münchner Stadtführer klärt über Oktoberfest-Mythen auf

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Von: Nina Bautz

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In 187 Wiesn-Jahren entstehen so manche Mythen und Vorurteile. Doch nicht alle von ihnen sind wahr. Stadtführer Reichlmayr klärt bei Wiesn-Rundgang auf.

München – Früher war alles besser … Diesen Satz hört man auch oft auf der Wiesn. Aber was hat denn eigentlich Tradition auf dem Oktoberfest? Was gab’s schon immer? Was hat sich vielleicht sogar zum Vorteil verändert? Unsere Zeitung hat mit einem absoluten Experten für die Historie gesprochen: Georg Reichlmayr (55), der seit über 20 Jahren für die Stadt München Führungen über die Wiesn anbietet. Für uns macht er den Wiesn-Mythen-Check.

Oktoberfest 2022: „Die Wiesn verkommt zur Werbeveranstaltung“

Während die Stadt heute versucht, Fremdwerbung vom Oktoberfest fernzuhalten, war diese früher nicht verpönt. „Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert der Selbstdarstellung und -vermarktung“, sagt Georg Reichlmayr. Er führt den Pferdehändler Franz Xaver Krenkl an, der das „sehen und gesehen werden“ professionalisiert habe. Er kam eigens zur Wiesn, um seinen Rennstall auf den dortigen Pferderennen groß und bekannt zu machen.

„Die Wiesn ist urbayerisch“

Nicht ganz. Der Ursprung, die Hochzeit von Kronprinz Ludwig und Prinzessin Therese (gebürtige Thüringerin) 1810, hatte internationale Wurzeln. „Das erste Königszelt war aus dem Osmanischen Reich und das Pferderennen brachte die Dall’Armi-Familie aus Italien mit“, so der Experte.

„Früher war die Wiesn entspannter“

Der Film mit Lisl Karlstadt und Karl Valentin aus den 1920er-Jahren zeigt: Die Wiesn war früher schon voll. Reichlmayr: „Da werden die Besucher regelrecht über die Wiesn geschoben.“ Das Bierzelt gehört zur Wiesn: Anfangs gab es nur kleine Buden. Erst der fränkische Gastronom Georg Lang brachte die den heutigen Bierzelten ähnlichen Bierburgen auf die Wiesn, indem er mehrere Buden zusammenfasste. Er gilt auch als Erfinder der Bierzelt Gaudi. „Er hat, um mehr Umsatz zu generieren, große, laute Instrumente eingesetzt und Textzettel ausgeteilt zum Mitsingen“, so der Stadtführer.

„Leben und leben lassen“

Die Wiesn war früher alles andere als offen und tolerant. Reichlmayr: „Um 1900 waren die Völkerschauen gang und gäbe.“ Da wurden beispielsweise Afrikanerinnen in einer Art Käfig ausgestellt – mit Giftpfeilen. Reichlmayr erzählt, dass es sogar bis in die 1970er-Jahre noch Liliputaner-Schauen gab.

„Die Tracht – ein Oktoberfest-Phänomen“

In den 1970er und 80er-Jahren etwa gingen Besucher in Alltagskleidung zum Fest. Aber Anfang des 19. Jahrhunderts, so Reichlmayr, entstand die Tracht, „um im neuen Königreich ein Zusammengehörigkeitsgefühl aufzubauen“. Das Oktoberfest habe damals „als Katalysator für die Tracht“ gewirkt.

„Früher war‘s friedlicher“

Heute gibt es immer wieder Meldungen von Gewaltexzessen auf der Wiesn. Früher ging es vielleicht nicht gar so brutal zu, dafür gab es aber mehr Schlägereien. „In den 1970er- und 1980er-Jahren waren Massenschlägereien keine Seltenheit. Da wurden ganze Zelte evakuiert“, sagt Georg Reichlmayr. Von der Maurer-Wiesn, die immer montags stattfand, werde berichtet: „Da hat eine kleine Gruppe eine Raufererei angezettelt, um den Sicherheitsdienst abzulenken – damit dann am anderen Ende des Zeltes die richtige Schlägerei losgehen konnte.“

Auch 2022 musste die Münchner Polizei bereits einschreiten: Ein durstiger Wiesn-Besucher wollte sich beispielsweise eigenhändig am Zapfhahn bedienen.

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