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Der Dirigent des Wiesn-Umzugs: Einem Drittel der Bewerber muss er absagen

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Von: Cornelia Schramm

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Karl Wiedemann organisiert seit 27 Jahren den Trachten- und Schützenumzug.
Karl Wiedemann organisiert seit 27 Jahren den Trachten- und Schützenumzug. © tp

Über ein Vierteljahrhundert lang organisiert Karl Wiedemann schon den Trachten- und Schützenumzug am ersten Wiesn-Wochenende - so auch im Comeback-Jahr 2022.

München - Wer Karl Wiedemann echt begeistert, bekommt ein Sternchen. Von der ehrenvollen Auszeichnung des Trachten-Experten erfahren all die Vereine, Pferdefuhrleute und Kapellen, die am ersten Wiesn-Sonntag auf dem Trachten- und Schützenumzug durch München ziehen, aber gar nichts. Immerhin sind die Sternchen nur ein Teil von zig Notizen, die sich Wiedemann während des Umzuges macht.

Seit 27 Jahren organisiert der Miesbacher den Umzug. Er dirigiert 300 Pferde, 180 Teilnehmergruppen, Ablauf und Reihenfolge. „Dass Musikgruppe an Musikgruppe marschiert, geht zum Beispiel nicht“, erklärt der 82-Jährige die Herausforderung, den Zug möglichst abwechslungsreich und harmonisch zu arrangieren. „Und eine sehr kleine Gruppe mit nur 20 Leuten würde dazwischen untergehen – da wüsste ja keiner mehr, zu welchem Takt er laufen soll.“ Auch Gespanne und Brauerei-Wagen fahren niemals hintereinander im Pulk.

Beginnt das Spektakel unter den Augen tausender Besucher in der Maximilianstraße, liegen hinter Wiedemann schon viel Grübelarbeit und Kopfzerbrechen. Die Vorbereitungen für den Wiesn-Umzug beginnen nun mal, wenn andere Fasching feiern. Bis Mitte Januar müssen sich die Gruppen beim Festring bewerben – und diese rund 8500 Bewerbungen landen auf Wiedemanns Schreibtisch. Er entscheidet, wer dabei ist.

„Rund einem Drittel müssen wir absagen, sonst wären es zu viele“

Wiedemann geht jede Mappe einzeln durch, schaut sich Fotos der Bewerber in ihrer Originaltracht an und kontrolliert, wer beim letzten Mal an welcher Stelle dabei war. „Rund einem Drittel müssen wir absagen, sonst wären es zu viele“, sagt er. Zu wenige darf Wiedemann aber auch nicht zulassen. „Früher war der Umzug auch schon mal zu kurz – da wusste das Fernsehen dann nicht, wie es die Sendezeit so plötzlich füllen sollte.“ Immerhin flimmert der traditionelle Umzug weltweit live über die Bildschirme. Es gibt auch Gruppen, denen ein Platz jedes oder jedes zweite Jahr garantiert ist. Aber selbst die warten gespannt auf Karl Wiedemanns Entscheidung – denn haben alle das Ziel: möglichst weit vorne mitlaufen.

Da gerecht zu entscheiden, bedeutet für Wiedemann lange Nächte – und ab und an auch heftigen Gegenwind. „So ist das halt. Nicht jeder kann vorne sein und es muss bis zum Schluss spannend fürs Auge bleiben“, sagt er und lacht. Die erste Musikgruppe will auch klug gewählt sein, sie gibt das Tempo für den ganzen Zug an. In der Ruhe liegt also die Kraft – im ehrenamtlichen Dirigenten-Dasein für den Wiesn-Umzug. „Nur eines ist jedes Jahr sicher: Das Münchner Kindl führt den Festzug an.“

Zurück zum Notizblock: Neben der Sternchen hält der Trachten-Profi auch Patzer fest: „Wenn sich eine Gruppe nicht an die Vorgaben hält, darf sie beim nächsten Mal nicht mitlaufen.“ Armbanduhren, Turnschuhe und Handys – nichts davon ist historisch und hat somit beim Umzug nichts zu suchen. „Sowas tut mir so weh wie Gummiräder an Kutschen – oder, wenn der Verein 1a gekleidet ist, die Fuhrleute aber nicht.“

„Es werden jedes Jahr mehr und die Gruppen immer perfekter“

Auch, wenn Gäste aus Partnerstädten ohne passende Festtagskleidung mitlaufen, stört das die Gesamtkomposition. Stöckelschuhe, Plastikknöpfe und heruntergezogene Strümpfe sowieso. Und seit geraumer Zeit beobachtet Wiedemann weitere Schnitzer: die „erneuerten“ Trachten. „In Franken haben sie schöne historische Trachten – aber viele Vereine modernisieren sie: Wenn hellgelbe Leder-Bundhosen plötzlich aus schwarzem Stoff sind, ist das gegen die Regel.“

Dafür haben Teilnehmer, die von viel weiter weg angereist kamen, den leidenschaftlichen Volkssänger und Ehrenvorstand der Alt Schlierseer Trachtler, schon öfter mal staunen lassen: „Heuer sind wieder rund 200 Trachtler aus Amerika mit dabei – in ihrer originalen Miesbacher Tracht kemman de fei olle sauber daher!“ Sternchen-verdächtig. Und wann ist der Erz-Trachtler so richtig glücklich? „Wenn bei einer Gruppe der Beifall hörbar aufbraust und sich die Zuschauer so richtig freuen.“ (alles zu den Wiesn-Reservierungen)

2019, beim letzten Umzug vor der Pandemie, hat Karl Wiedemann so viele Sternchen wie nie in sein Notizheft gezeichnet. „Es werden jedes Jahr mehr und die Gruppen immer perfekter“, sagt er und lacht. Ein eifriger Kritiker hinter den Kulissen zeigt Wirkung. „Es ist viel Arbeit“, sagt der 82-Jährige. Aber, wenn es nach ihm geht, behält er seinen Job noch viele Jahre. „So lange ich gesund bin, bleibe ich dabei.“ Ein Sternchen für das Ehrenamt. VON CORNELIA SCHRAMM

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