Ein Opfer erinnert sich an Terror-Tag 1980

Oktoberfest-Attentat: Er stand "vier Meter neben der Bombe"

Oktoberfest-Attentat
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Ramin Assisi (62) erinnert sich an das Oktoberfest-Attentat vor 35 Jahren.
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Josef Hinterberger ist dem Oktoberfest-Attentat 1980 nur knapp entgangen.
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Rettungsassistent Ulrich Rubner (54) hätte am 26. September 1980 Dienst gehabt. Doch er hat ihn kurz zuvor getauscht.

München - Die Schreie bekommt Ramin Assisi (62) nicht mehr aus dem Kopf. Als am 26. September 1980 am Haupteingang des Oktoberfestes eine Bombe hochgeht, rettet ihm vermutlich ein Verkaufsstand das Leben.

„Ich stand vier Meter neben der Bombe“, sagt Assisi. 13 Menschen sterben an diesem Tag, 211 werden verletzt, 68 davon schwer. Das Oktoberfest-Attentat ist der schwerste Terrorakt der deutschen Nachkriegsgeschichte! Wegen neuer Zeugenaussagen sind die Ermittlungen wieder aufgenommen worden. In der tz erinnert sich jetzt ein Opfer an den Terror-Tag! Ramin Assisi war vor 35 Jahren geschäftlich in München. „Ich war noch nie auf der Wiesn, da wollte ich mir das mal ansehen.“ Er stand in einer Telefonzelle. „Danach setzt meine Erinnerung aus“, sagt der Lindauer. Wie nahe er der Bombe war, wie knapp er dem Tod entronnen ist, wird ihm später die Polizei erklären. Erinnern kann sich Assisi erst wieder daran, dass er hilft. „Ein Mann hatte keinen Unterschenkel mehr und sehr viel Blut verloren.“

Diagnose nach Oktoberfest-Attentat: Posttraumatische Belastungsstörung

Mit seinem Gürtel bindet Assisi die Wunde ab. Der Mann wird abtransportiert. Ob er überlebt hat, weiß Assisi nicht. Neben dem Mann liegt ein weiterer. „Bei ihm war der halbe Kopf abgerissen. Er ist gestorben, seine Frau hat geschrien. Das hängt mir bis heute in den Ohren.“ Der Software-Entwickler beibt zum Arbeiten in München. Irgendwann bekommt er Schmerzen im Bauch. Die Ärzte finden zunächst nichts. Erst später diagnostizieren sie die Symptome einer psychischen Störung. Seit 35 Jahren hat der 62-Jährige Schlafstörungen. „Ich dachte, das ist normal. Zu viel Stress.“ Mit dem Attentat brachte er all das aber nicht in Verbindung. Noch nicht. Da die Ermittlungen wieder aufgenommen wurden, ist Assisi als Zeuge vernommen worden. „Und bei dieser Befragung ist es mir richtig schlecht gegangen. Ich bin nachher zusammengebrochen.“ Posttraumatische Belastungsstörung lautet die Diagnose. Assisi ist in Behandlung. Problem: Seine Versicherung will die Kosten nicht übernehmen. „Sie sagen mir, ich hätte damals verschwiegen, dass ich krank bin. Aber das wusste ich ja damals nicht.“ Auf der Wiesn war Ramin Assisi seit dem Oktoberfest-Attentat nie wieder. Die Schreie bekommt er nicht mehr aus dem Kopf.

Oktoberfest-Attentat: Der Schichtleiter

Josef Hinterberger ist dem Oktoberfest-Attentat 1980 nur knapp entgangen. „Um 21 Uhr bin ich mit meiner Frau durch den Haupteingang nach Hause“, sagt er. Wenig später ging dort die Bombe hoch. Der damals 32-Jährige war Bereitschaftsführer München Stadt für den Malteser Hilfsdienst. Nach der Alarmierung eilt er ins Malteserhaus. Acht Sanitäter und vier Rettungsfahrzeuge koordiniert Hinterberger in der Zentrale. „Da fühlt man sich alleine, ohnmächtig, weil man nicht viel helfen kann“, sagt er. „Und dann wird einem langsam bewusst, dass wir ja gerade eben erst dort waren.“ Erst am nächsten Morgen kommt er dazu, seine Freunde anzurufen, mit denen er und seine Frau auf dem Oktoberfest waren. „Gottlob ging es denen gut.“ Wenn Hinterberger heute an dem Unglücksort vorbeigeht, „sind die Erinnerungen auf jeden Fall da“. Die neuen Ermittlungen interessieren den 67-Jährigen: „Für die Angehörigen und auch die Betroffenen ist es schlimm, nicht zu wissen, warum dieses Unglück passiert ist.“

Oktoberfest-Attentat: Der Rettungsassistent

Rettungsassistent Ulrich Rubner (54) hätte am 26. September 1980 Dienst gehabt. Doch er hat ihn kurz zuvor getauscht. „Im Nachhinein bin ich auch glücklich darüber.“ Als der Anruf kommt, fährt er trotzdem zur Wiesn. „Es war schockierend. Ich hatte beinahe ein schlechtes Gewissen.“ Als er am Tatort eintrifft, sind die Verletzten schon in die Krankenhäuser gebracht worden. „Die Helfer haben großartige Arbeit geleistet.“ Die Leichen sind aber noch da, überall liegen Tücher. „Man hat aber nicht nur die Toten abgedeckt, sondern auch Taschen oder Kleidung.“ Zur Beweissicherung. „Es war ja noch nicht alles untersucht worden.“ Ulrich Rubner wird den Anblick nie vergessen. Viele seiner Kollegen von den Johannitern haben sich Hilfe gesucht. „Leider Gottes gab es zu der Zeit noch kein Kriseninterventionsteam oder Ähnliches. Einige sind zu einem Psychologen, andere zu einem Pfarrer.“ Auf dem Oktoberfest waren viele nach dem Attentat nie wieder.

In unserem Oktoberfest-Ticker vom Samstag können Sie verfolgen, was auf der Wiesn los ist.

Sascha Karowski

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