Krankenkasse lehnt ab

Die Bräurosl kämpft um ihr Cannabis-Spray

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Karolin Weidner vor einem Stapel Medikamente – und mit dem leeren Cannabis-Spray in der Hand: Sie hofft, dass die Krankenkasse doch noch ein Einsehen hat.

München - Die Wiesn-Jodlerin Bräurosl hat quälende Schmerzen. Die Krankenkasse lehnt eine neue Flasche Cannabis-Spray aber ab.

Ob auf der Bühne beim Jodeln, auf dem Pferd beim Trachten- und Schützenzug oder auf dem Brauereigespann in der Wirtsbudengasse beim Fototermin mit den Fans: Die Bräurosl ist immer gut gelaunt, lacht und winkt. Die Wiesn-Besucher kennen sie als Frohnatur. Doch Karolin Weidner, die Frau hinter der Figur Bräurosl, hat gerade wenig zu lachen. Seit anderthalb Jahren plagen sie Nervenschmerzen in der rechten Körperhälfte. „Es fühlt sich an, als würde in jeder Pore eine Nadel stecken“, erklärt die 58-Jährige.

Alles begann im Sommer vor zwei Jahren. Damals kippte sie bei einem Auftritt in ihrer Heimatstadt Altötting um. Gehirnblutung. Intensivstation. Aber sie erholte sich schnell. Acht Wochen später saß sie beim Einzug der Wiesnwirte wieder auf dem Brauereipferd und schwenkte einen Masskrug. „Glück gehabt“, dachte Weidner damals. Doch drei Monate später fingen die Schmerzen an – und hörten seitdem nicht wieder auf. „Ich habe keine Kraft mehr. Ich könnte eigentlich jede Minute weinen“, sagt Weidner – und ihr steigen die Tränen in die Augen.

Ihre Haut ist extrem reizempfindlich. Sogar Kleidung fühlt sich unangenehm an. Jede Bewegung tut weh. Stößt sie sich nur ein wenig den Fuß, schreit sie vor Schmerzen. Die Ärzte sprechen von Anaesthesia dolorosa, quälenden Dauerschmerzen. Im vergangenen Jahr tingelte Weidner von Klinik zu Klinik, bekam ein Medikament nach dem anderen verschrieben. „Aber außer Nebenwirkungen hat das nicht viel gebracht“, sagt die Patientin. Hautausschläge, Erbrechen, Atemstillstand. All das hat sie mehr als ein Mal erlebt.

Cannabis-Spray bringt die Wende: Sechs mal täglich

Im Februar kam die Wende. Eine Münchner Klinik testete an ihr das Medikament Sativex, ein Cannabis-Spray. Täglich atmete sie bis zu sechs Hübe davon ein. „Ich fühlte mich viel ruhiger, meine Muskeln entspannten sich und ich konnte wieder normal laufen statt zu humpeln. Ich dachte, jetzt wird alles besser“, erinnert sie sich.

Doch nach vier Wochen war alles wieder beim Alten. Das Spray aus der Klinik war leer und ihre Krankenkasse, die DAK, lehnte ein neues Fläschchen ab. „Ich war bisher sehr zufrieden mit meiner Kasse. Aber wie können die mir vorschreiben, mit den Schmerzen leben zu müssen?“, fragt sich Weidner. „Das Medikament besitzt in Europa nur eine Zulassung für Spastik. Deshalb können wir als Krankenkasse die Kosten dafür nicht übernehmen“, erklärt DAK-Sprecher Stefan Wandel.

Das Bundessozialgericht hat für den sogenannten Off-Label-Use, die Verordnung außerhalb der Zulassung, hohe Hürden gestellt. Die Krankheit muss lebensbedrohlich sein oder die Lebensqualität erheblich einschränken. Es müssen bereits alle zugelassenen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft und der Behandlungserfolg durch Studien nachgewiesen sein. Auf den Fall von Karolin Weidner trifft aber lediglich der zweite Punkt zu. „Wir können der Patientin nur raten, weitere Alternativen auszuprobieren. Denn es ist unwahrscheinlich, dass es in absehbarer Zeit geeignete Studien zu Sativex geben wird“, sagt Wandel.

Weidner nützt das freilich wenig. Ihr Arzt könnte ihr Sativex zwar theoretisch auf einem Privatrezept verschreiben, doch das passiert bei Arzneimitteln ohne Zulassung nur sehr selten. Auf den Kosten von rund 150 Euro pro Monat würde sie sitzenbleiben. Inzwischen nimmt sie fünf Morphium-Tabletten pro Tag ein. Schmerzen hat sie dennoch. Immer wieder muss sie wegen allergischer Reaktionen ins Krankenhaus. „Kein Arzt kann mir sagen, wie viele Tabletten gerade noch gut sind und wie viele zu viel“, sagt sie. Den Traum, wieder als Bräurosl auf der Wiesn zu jodeln, hat sie noch nicht aufgegeben. „Das ist ein Fixpunkt im Jahr, auf den ich mich jedes Mal freue. Das will ich nicht aufgeben. Notfalls muss ich die Zähne zusammenbeißen und die Schmerzen irgendwie aushalten. Oder ich baue eben Hanf in meinem Garten an“, meint Weidner und klingt, als ob sie hofft, dass es nicht so weit kommt.

Beate Winterer

Interview mit Schmerzmediziner: So entstehen die Dauer-Schmerzen

Dr. Benjamin Reichenbach-Klinke, Schmerzmediziner beim Diakoniewerk München-Maxvorstadt Algesiologikum, erklärt, wie Nervenschmerzen entstehen und wie Cannabis dagegen wirken kann:

Sind Nervenschmerzen eine häufige Folge von Gehirnblutungen?

Dr. Benjamin Reichenbach-Klinke: Es gibt vergleichbare Statistiken zu Schlaganfällen. Danach leiden bis zu 50 Prozent der Betroffenen an Schmerzen. Man muss aber unterscheiden zwischen zen­tral verursachten Schmerzen und Schmerzen, die beispielsweise durch Spastik entstehen. Der Anteil der Patienten mit zentral verursachten Schmerzen liegt zwischen einem und zwölf Prozent.

Wodurch werden diese ausgelöst?

Reichenbach-Klinke: Durch eine Hirnblutung kommt es zum Untergang von Nervenzellen. Sind Zellen betroffen, die mit der Schmerzverarbeitung oder der -leitung zu tun haben, können Schmerzen im Nervensystem selbst entstehen. Durch den geschädigten Nerv wird eine Fehlinformation in Form von Schmerzen gemeldet.

Wie wirkt Cannabis dagegen?

Reichenbach-Klinke: Es hat eine muskelentspannende und appetitanregende Wirkung und kann Übelkeit, Angst und Schmerzen reduzieren.

Kann man die Einnahme eines Cannabis-Sprays mit dem Rauchen von Gras vergleichen?

Reichenbach-Klinke: Alle Cannabis-Produkte werden aus der Hanfpflanze hergestellt. Sie enthält sogenannte Cannabinoide. Die zwei wichtigsten sind Dronabinol und Cannabidiol. Zu diesen Wirkstoffen gibt es wissenschaftliche Daten und sie sind auch im Sativex-Spray enthalten – und nichts anderes. Beim Rauchen von Gras kommen dagegen viele andere Stoffe in den Körper – und man weiß nicht, in welcher Konzentration.

Wird das Medikament oft verschrieben?

Reichenbach-Klinke: Nein. Es hat eine Zulassung bei Spastik infolge von Multipler Sklerose. Zu anderen Erkrankungen gibt es kaum Studien.

Kann das Medikament trotzdem helfen?

Reichenbach-Klinke: Bei einer Anaestesia dolorosa, also quälenden Dauerschmerzen, würde man es sicher nicht von Anfang an verabreichen. Es kann unter Umständen eine gute Ergänzung zu anderen Medikamenten sein. Ein zentral verursachter Schmerz ist aber grundsätzlich schwer zu behandeln.

Interview: Beate Winterer

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