"Hippodrom", "Marstall", "Ochsensemmel"

Die etwas anderen Wiesn-Marken

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Ochsenfleisch auf einer Semmel: Dieses Produkt darf zwar jeder auf der Wiesn anbieten – „Ochsensemmel“ darf man es aber nur mit Zustimmung von Siegfried Able nennen.

München - Wenn Siegfried Able heute neuer Wiesn-Wirt wird, nennt er sein Zelt "Marstall". Able hat sich den Namen schützen lassen. Es ist längst nicht die einzige Wiesn-Marke. Able gehören auch die Rechte an einer Oktoberfestspezialität, die er gar nicht erfunden hat. Im Kreis der Wirte macht ihn das nicht beliebter.

Als Siegfried Able im Januar den Antrag beim Deutschen Patent- und Markenamt einreicht, den Begriff "Marstall" schützen zu lassen, kennt er den Ablauf schon. Es ist nicht die erste sogenannte Wortmarke, die er eintragen lässt. Able, der Favorit im Kampf um die Nachfolge von Sepp Krätz als Wirt eines großen Wiesn-Zeltes, will gewappnet sein, wenn er am heutigen Montag tatsächlich den Zuschlag vom Wirtschaftsausschuss des Stadtrats erhalten sollte. Zu seinen Vorbereitungen gehört es deshalb nicht nur, ein Zelt planen zu lassen und Mitarbeiter zu suchen. Er braucht auch einen Namen.

Dort wo sein Zelt künftig stehen würde, befand sich seit mehr als 100 Jahren das "Hippodrom". Der Name stammt noch aus der Zeit, als auf dem Oktoberfest Pferderennen abgehalten wurden. Doch diesen Namen, das ist Able klar, würde er nicht kostenlos bekommen. Sepp Krätz, der bislang das Hippodrom führte, hatte sich den Namen als Marke schützen lassen. Ohne seine Zustimmung darf niemand ein Festzelt Hippodrom nennen. Ihm müsste Able den Namen abkaufen.

Sepp Krätz würde den Namen "Hippodrom" verkaufen

Sepp Krätz gehört der Name „Hippodrom“. Der Ex-Wirt würde den Namen verkaufen, doch bislang hat nur Lorenz Stiftl Interesse signalisiert.

"Able hat sich bei mir leider nicht gemeldet", sagt Krätz unserer Zeitung. Lorenz Stiftl, der als Hauptkonkurrent von Able gilt, habe hingegen schon eine Vereinbarung mit ihm getroffen. Neben der Mitarbeiter- und Kundenkartei würde Krätz ihm auch den Namen "Hippodrom" verkaufen. Wie viel der kosten soll, verrät der Ex-Wiesn-Wirt freilich nicht.

Doch Able will überhaupt kein Geld für die bestehende Marke ausgeben, sondern stattdessen mit dem Wort "Marstall" – einer alten Bezeichnung für einen Pferdestall – eine neue Marke schaffen . Er hat sich den Begriff nicht nur für "Dienstleistungen zur Verpflegung und Beherbergung von Gästen", sondern für eine ganze Reihe Produkte schützen lassen (siehe unten).

Die Marke "Marstall" gehört Able jetzt für zehn Jahre

Keine ganz billige Angelegenheit: Der Schutz einer Marke für drei Produktgruppen kostet 290 Euro, erklärt Petra Knüfermann, Sprecherin des Deutschen Patent- und Markenamtes, jede weitere Gruppe noch einmal 100 Euro. Macht für Ables zwölf geschützte Produktgruppen knapp 1200 Euro. "Marstall" gehört Able nun für zehn Jahre, will er den Schutz dann verlängern, kostet das noch einmal 750 Euro.

Siegfried Able kennt sich aus mit dem Schutz von Marken. Ihm gehört jetzt nicht nur der Begriff "Marstall", sondern auch "Ochsensemmel".

Angesichts der Vermarktungsmöglichkeiten sind das überschaubare Beträge. Aber ist es eine kluge Entscheidung, statt der etablierten Marke auf einen neuen Namen zu setzen? Ronald Focken, Geschäftsführer der Münchner Werbeagentur Serviceplan, hält Ables Vorgehen für durchaus sinnvoll. "Die Marke ,Hippodrom‘ ist gut konzipiert gewesen, aber ob ich dafür viel Geld in die Hand nehmen würde? Eher nicht", sagt er unserer Zeitung. Grundsätzlich müsse man sich die Frage stellen, ob ein Produkt wertvoller und damit teurer zu verkaufen ist, wenn man es unter einer bestimmten Marke anbietet. "Auf der Wiesn gelten andere Gesetze", sagt Focken. Die Plätze in den Festzelten sind ein so knappes Gut, dass sie sich auch ohne Marke gut verkaufen lassen. Außerdem bekomme ein neuer Wirt und ein neues Zelt so viel Aufmerksamkeit, dass sich eine neue Marke schnell etablieren lasse.

Darum hat Siegfried Able wenig Freunde unter den Wiesn-Wirten

Doch es gibt auf der Wiesn auch weniger knappe Güter – Ochsensemmeln zum Beispiel. Was zunächst unglaublich klingt: Auch diese Spezialität darf auf der Wiesn niemand ohne die Zustimmung von Siegfried Able verkaufen – und das sorgt schon seit Jahren für Unmut unter den Wirten. Denn bei kaum einer Spezialität ist so klar, wer der Erfinder ist: der verstorbene Wirt der Ochsenbraterei Hermann Haberl. Doch auf die Idee, den Namen "Ochsensemmel" als Marke schützen zu lassen, kam erst Able. "Das hat den Haberl getroffen", sagt Ex-Wirt Krätz, "das war seine Erfindung." Hinter vorgehaltener Hand schimpfen auch andere Gastronomen. Es ist einer der Gründe, warum Able unter Wirten wenige Freunde hat.

Antje Schneider, Tochter von Hermann Haberl und heute Wirtin der Ochsenbraterei, will gar nichts zu Able und der geschützten "Ochsensemmel" sagen. Lizenzgebühren müsse die Ochsenbraterei aber nicht zahlen, heißt es aus Wirtekreisen. "Bei den Haberls hält er sich zurück", sagt Krätz. "Vinzenzmurr hat er die Nutzung verboten." Able will sich selbst auf Anfrage nicht äußern.

"Marstall": Bei einem Produkt ist Able jemand zuvor gekommen

Aber warum kann man sich einen Begriff wie "Ochsensemmel" überhaupt schützen lassen? "Begriffe, die die Waren beschreiben, haben keine sogenannte Unterscheidungskraft und können nicht als Wortmarke geschützt werden", sagt der Münchner Fachanwalt Ralf Hackbarth. "Den Begriff ,Banane‘ könnte man beispielsweise nicht als Marke für Bananen eintragen lassen – ein Begriff wie ,Ochsensemmel‘ liegt sicherlich in der Grauzone." Allerdings muss Able auch selbst Ochsensemmeln verkaufen, damit die Marke gültig bleibt. "Eine Marke nur eintragen zu lassen, um damit Geld zu verdienen, ohne diese selbst für die angemeldeten Waren in Zukunft benutzen zu wollen, könnte als sogenannte bösgläubige Markenanmeldung eingeordnet werden und wäre anfechtbar", sagt Anwalt Hackbarth.

Auch für die Marke "Marstall" läuft noch bis August die Widerspruchsfrist beim Patentamt. Wer nachweisen kann, dass er diesen Begriff schon lange für eines der nun geschützten Produkte verwendet, kann die Eintragung der Marke anfechten. Ein Produkt darf Siegfried Able übrigens nicht unter dem Namen "Marstall" verkaufen, weil ihm jemand zuvor gekommen ist – der Wirt wird es aber verkraften. Geschützt war der Begriff bislang schon für Pferdefutter.

Wofür der Name "Marstall" jetzt geschützt ist

Siegfried Able hat sich den Begriff "Marstall" für sein neues Wiesn-Zelt schützen lassen. Allerdings gehört ihm die Marke nicht nur im Zusammenhang mit "Dienstleistungen zur Verpflegung und Beherbergung von Gästen". Er hat ihn sich laut des Registers beim Deutschen Patent- und Markenamt auch für zahlreiche weitere Produktgruppen schützen lassen:

Juwelierwaren; Schmuckwaren, einschließlich Modeschmuck, insbesondere Krawattennadeln, Krawattenklammern, Manschettenknöpfe, Schlüsselanhänger, Schnallen, Abzeichen, Armbänder, Arm und Fußringe und -ketten, Halsschmuckstücke, Broschen, Ohrgehänge; Uhren; Zeitmessinstrumente; angepasste Etuis und Behältnisse für die vorgenannten Waren; Pins.

Papier, Pappe, Servietten, Tischdecken, Taschentücher, Verpackungsbehälter und -tüten; Druckereierzeugnisse, insbesondere Broschüren, Faltblätter, Magazine, Plakate; Schreibwaren, einschließlich Schreib- und Zeichengeräte; Abziehbilder; Aufkleber, Sticker; Kalender; Notizbücher; Adressbücher; Schreibunterlagen; Brieföffner; Briefbeschwerer; Geschenkpapier; Geschenkanhänger aus Papier und Pappe; Schreibgeräte; Verpackungsmaterial aus Kunststoff.

Marke "Marstall" auch für Fleischextrakte und Bouillonkonzentrate geschützt

Leder und Lederimitationen, Rucksäcke, Einkaufstaschen, Sport- und Freizeittaschen; Reise und Handkoffer; Regenschirme; Sonnenschirme; Spazierstöcke.

Geräte und Behälter für Haushalt und Küche; Glaswaren, Porzellan und/oder Steingut, insbesondere Bierkrüge und -gläser; Teller.

Wimpel und Fahnen; Bekleidungsstücke, Schuhwaren, Kopfbedeckungen, Trachtenbekleidung, T-Shirts, Sweatshirts, Gürtel, Einsteck-, Hals-, Kopf- und Schultertücher, Strumpfwaren und Krawatten aus Strickstoffen, Schürzen, Handschuhe.

Fleisch; Fisch; Geflügel; Wild; Fleischextrakte; konserviertes, tiefgekühltes, getrocknetes und gekochtes Obst und Gemüse; Gelees; Konfitüren; Kompotte; Eier; Milch; Milchprodukte; Speiseöle; Speisefette; Wurst; Wurstwaren; Fleischwaren; Fertiggerichte und Teilfertiggerichte; Bouillon; Bouillonkonzentrate; Fleischbrühekonzentrate; Zubereitungen für die Herstellung von Fleischbrühen und Bouillons; Suppen, Kraftbrühe; Suppenpräparate.

Gibt es bald "Marstall"-Aromen, "Marstall"-Tapioka und "Marstall"-Reis?

Kaffee; Tee; Kakao; Zucker; Reis; Tapioka; Sago; Kaffee-Ersatzmittel; Mehle; Getreidepräparate; Brot; feine Backwaren und Konditorwaren; Speiseeis; Honig; Melassesirup; Hefe; Backpulver; Salz; Senf; Essig; Saucen; Gewürze; Kühleis; Pralinen; Schokolade; Zuckerwaren; Kakaoerzeugnisse; Mehlspeisen; Nudeln; Gewürzmischungen; Essenzen für Nahrungszwecke, ausgenommen ätherische Essenzen und Öle; Aromen, ausgenommen ätherische Öle.

Biere; Mineralwässer; kohlensäurehaltige Wässer; andere alkoholfreie Getränke; Fruchtgetränke; Fruchtsäfte; Sirupe und andere Präparate für die Zubereitung von Getränken.

Alkoholische Getränke, insbesondere Weine, Spirituosen, Liköre, Schaumweine, Champagner.

Tabak; Tabakwaren; Schnupftabak; Kautabak; Raucherartikel, insbesondere Zigarren- und Zigarettenschachteln, -etuis, -kästen, -spitzen, Aschenbecher, Tabakdosen, Feuerzeuge, Streichhölzer.

Unterhaltung; kulturelle Aktivitäten; Partyservice.

Von Philipp Vetter

Quelle: Oktoberfest live

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