Interview auf dem Festgelände

„Wiesn-Chef“ Schmid: Wegen des Bierpreises bleiben immer mehr Menschen fern

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Für Bürgermeister und Wirtschaftsreferent Josef Schmid ist es die letzte Wiesn als Wiesn-Chef.

Bürgermeister Josef Schmid ist heuer das letzte Mal Wiesn-Chef – die tz traf ihn auf dem Festgelände für ein Interview. Unter anderem Thema: Die Biepreisdebatte.

Es ist seine letzte Wiesn als Wiesn-Chef. Bürgermeister und Wirtschaftsreferent Josef Schmid wird mit einiger Sicherheit im Oktober in den Landtag gewählt. Unsere Zeitung ist mit ihm über das Oktoberfestgelände spaziert. Dabei verriet Schmid, warum die Bierpreisdebatte noch nicht vom Tisch ist und warum er Toni Roiderer nichts nachträgt.

Treffpunkt ist der Wiesneingang neben dem Denkmal des Attentats. Auch beim Aufbau des Oktoberfests werden die Zugänge kontrolliert, selbst Schmid muss seinen Ausweis vorzeigen.

Warum wird auch der Aufbau bewacht?

Josef Schmid: Es ist ganz wichtig, dass die Arbeiten ohne Unfälle erfolgen. Es gibt aber Menschen, die aus Neugier aufs Gelände wollen. Die Aufbauzeit soll so kurz wie möglich sein, damit die Beeinträchtigungen für die Anwohner nicht unnötig lange dauern. Auch daher ist ein störungsfreier Ablauf nötig.

Sicherheit war das bestimmende Thema Ihrer Amtszeit.

Schmid: Das kann man so sagen. Auf der einen Seite haben wir eine verschärfte abstrakte Gefährdungslage. Auf der anderen Seite werden die Herausforderungen an Veranstalter immer größer, was die Bewältigung der Besuchermassen anbelangt. Anfangs wurde mein Vorschlag mit dem neuen Zaun ja noch infrage gestellt. Dann hieß es, wir brauchen ihn unbedingt. Mir persönlich war immer wichtig, dass wir alles tun, was wir können, um die Sicherheit der Besucherinnen und Besucher zu gewährleisten.

Hat Sie diese ganze Debatte um das Thema Sicherheit nicht frustriert?

Schmid: Ich hätte nicht damit gerechnet, dass die parteipolitischen Spiele gegen mich im Vordergrund stehen würden. Dass man dem Schmid den Erfolg nicht gönnen will: Okay. Aber beim Thema Sicherheit auf dem größten Volksfest der Welt hört es auf.

Wir nähern uns dem Hofbräu-Zelt.

Haben Sie besondere Erinnerungen an die Zelte?

Schmid: Als Wiesn-Chef darf ich am letzten Abend auf die Bühne gehen und beim Kehraus in der Schottenhamel-Festhalle dirigieren. Das ist ein tolles Gefühl, genauso ist es mit dem Platzkonzert am Fuße der Bavaria. Da herrscht schon eine sehr schöne Stimmung.

Wie war die Wiesn in Ihrer Kindheit?

Schmid: Wenn ich früher mit meinem Vater allein unterwegs war, haben wir uns zu irgendwelchen ausländischen Gästen gesetzt, Italienern oder Amerikanern. Wir haben uns dann mit ihnen unterhalten: wo sie herkommen, wie sie die Wiesn finden. Wir haben das Fest immer als Chance genutzt, fremde Menschen kennenzulernen. Das war toll für mich, dieser weltoffene Charakter.

Wann ging Ihre Familie auf die Wiesn?

Schmid: Am ersten Wiesnsamstag lief immer dasselbe Ritual bei uns ab: Wenn wir die Metzgerei zugesperrt hatten, sind wir nachmittags reingefahren, so gegen 14.30 oder 15 Uhr. Als erstes sind wir – angefangen beim Hippodrom – in jedes Zelt gegangen und haben uns die tollen Dekorationen angesehen. Danach sind wir etwas essen gegangen. Immer in einem Festzelt mit Augustiner, das war das Lieblingsbier meines Vaters (lacht).

Wir erreichen das Hacker-Zelt von Toni Roiderer, dem ehemaligen Sprecher der Wiesnwirte und Widersacher Schmids bei der Debatte um die Bierpreisbremse.

Herr Roiderer und Sie werden keine Freunde mehr ...

Schmid: Das will ich so nicht sagen. Eine Freundschaft funktioniert eher selten, wenn man in Funktionen miteinander zu tun hat. Und jeder muss dann auch seine Funktion entsprechend ausüben. Das habe ich mit dem Vorschlag der Bierpreisbremse getan. Was an der einen oder anderen Stelle schwierig war, war die Art der Äußerungen. Daher sehe ich das ohne Emotion. Toni Roiderer ist ein Mann, der für markige Worte bekannt ist, daher trage ich ihm nichts nach.

Angekommen an der Schottenhamel-Festhalle.

Ärgert Sie es, dass Sie hier nicht haben anzapfen können?

Schmid: Nein. Wenn man an dem festhalten würde, was in der Vergangenheit war, dann wäre man fehl am Platz. Ich bin in einem fairen demokratischen Wettbewerb gegen Dieter Reiter angetreten – und er ist Oberbürgermeister geworden. Ich wurde Wiesn-Chef. Und als solcher bin ich 16 Tage lang der Festleiter. Das ist ein toller Aspekt, noch schöner, als nur einmal anzuzapfen.

Die tz traf Josef Schmid auf dem Festgelände für ein Interview.

Haben Sie ein Lieblingsbier?

Schmid: Im Gegensatz zu meinem Vater nicht. Ich muss sagen, ich habe es jetzt wieder bei der Oktoberfestbiervorstellung gemerkt: Die schmecken alle gut. Unterschiedlich, aber gut. Ich kann nicht sagen, welches mir da besser schmeckt.

Ist die Ablehnung der Bierpreisbremse Ihre größte Niederlage?

Schmid: Nein. Das Entscheidende ist doch, was die Menschen denken. Und die Zustimmung für die Bierpreisbremse in der Bevölkerung war enorm. Dass eine Stadtratsmehrheit dagegen gestimmt hat, nur weil man mir den Erfolg nicht gönnen wollte, ist bedauerlich. Aber das Thema wird die Stadt sicher weiter begleiten.

Sie meinen, die Bierpreisbremse wird nächstes Jahr wieder Thema?

Schmid: Es gibt immer mehr Menschen, die wegen der Preise nicht mehr kommen. Die Firmen bleiben, das wird sich so schnell nicht ändern. Aber ich kenne viele Familien, die sagen, wir gehen da nicht mehr hin, weil es zu teuer wird. Wenn es nicht zu einem Einlenken kommt – ja, dann wird das Thema Bierpreisbremse von selbst wieder kommen.

Weiter geht es Richtung Schützenfestzelt und Winzerer Fändl.

Das hier war meine erste große Herausforderung als Wiesn-Chef. Das Schützenfestzelt lag zu nahe am Winzerer Fändl, der Rettungsweg war zu schmal. Das war nicht einfach, wir mussten dem Schützenfestzelt sogar den Biergarten verkleinern. Dafür gab es aber eine Aufstockung, sodass am Ende mehr Plätze drin waren. Das würde heute nicht mehr gehen: Der Stadtrat hat zuletzt entschieden, dass Platzmehrungen nicht mehr stattfinden sollen.

Würden Sie eigentlich alles noch mal genauso machen, also Bürgermeister und Wirtschaftsreferent werden?

Schmid: Definitiv. In der Konstellation würde ich das noch mal genauso machen. Als Bürgermeister bist du ja nur in der Delegation des OB tätig. Zusammen mit dem Amt des Wirtschaftsreferenten kann man viel bewirken – als Wirtschaftsbürgermeister.

Das Amt besteht ja nicht nur aus Wiesn...

Schmid: (lacht) Dazu kann ich eine Anekdote erzählen. Als ich am 8. Juli 2014 Wirtschaftsreferent wurde, war ich sehr stolz. Das ist ein tolles Referat mit vielen spannenden Aufgaben und Fachbereichen: Europa, die Wirtschaftsförderung, die Digitalisierung, aber auch die Schaffung ausreichender Gewerbeflächen, Beschäftigungspolitik, der ganze Tourismus und das Beteiligungsmanagement der Unternehmen, beispielsweise der Stadtwerke. Ich denke mir also: Wow, städtischer Wirtschaftsreferent. Und als ich aus dem Sitzungssaal gehe und jemand auf mich zukommt, bin ich mich mir sicher: Der will jetzt gratulieren. Und was macht er? Bleibt vor mir stehen und fragt, ob ich jetzt einen Wiesntisch für ihn hätte ...

Was haben Sie als Referent erreicht?

Schmid: Wir haben die ganzen Umwälzungen im Tourismus auf den Weg gebracht, die Stärkung der besucherschwachen Monate mit dem Fokus auf die Kultur. Das war ein Meilenstein. Wir haben den dritten Arbeitsmarkt eingeführt als erste Kommune in Deutschland. Erst nach uns hat die Bundesagentur nachgezogen. Die Digitalisierung bringen wir voran, wir haben zum Beispiel die Bewerbung für das Smart-City-Fördergeld gemeinsam mit Lyon und Wien gewonnen – nicht Paris oder Berlin. Wir haben ein neues Gründerzentrum geschaffen zusammen mit Frau Klatten. Ein Zentrum mit dem Anwendungsfeld vor der Haustür. Da bin ich stolz drauf.

Es geht auf die Oide Wiesn. „Lassen Sie uns noch zur Schönheitskönigin gehen. Das ist auch mein Baby“, sagt Schmid.

Inwiefern?

Schmid: Wir haben auf der Oidn die junge ,Volxmusik‘ im Herzkasperlzelt von Beppi Bachmaier, wir haben das Festzelt Tradition mit der klassischen Volksmusik, mit dem Isargau und mit den Goaßlschnoizern. Und wir hatten das Velodrom. Das war schön, aber ohne Konzept und wurde von vielen irgendwann nur als Weißbierausschank genutzt. Da dachten wir uns, es fehlt noch etwas typisch Münchnerisches, nämlich die Gstanzlsänger, wie eine Bally Prell. Da brauchten wir ein Zelt, das die Lücke füllt. Die Schönheitskönigin ist im ersten Jahr sehr gut angekommen.

Das Zelt „Die Schönheitskönigin“ auf der Oidn Wiesn.

Wir haben noch gar nicht über die Fahrgeschäfte gesprochen.

Schmid: Ich bin ein totaler Fan des Riesenrads. Und der Fünfer-Looping ist beim Wiesnbesuch auch Pflicht – das ist das extremste Fahrgeschäft, das ich heutzutage noch fahre. Ich vertrage das Links- und Rechtsschaukeln nicht mehr oder schnelle Überschläge. Und die Schießstände sind mir auch wichtig. Wichtig ist eine Vision für die Wiesn, das werde ich meinem Nachfolger ins Stammbuch schreiben.

Wer ist das noch gleich?

Schmid: (grinst) Ich hatte an Sie gedacht.

Ich erfülle die Voraussetzungen nicht, aber was genau wollen Sie mir ins Stammbuch schreiben?

Schmid: Es gibt Traditionen, wie die Schießstände und Wurfbuden. Da muss man aufpassen, dass die nicht zurückgedrängt werden. Gute Kulinarik, ja. Aber auch eben Fahrgeschäfte und Schausteller. Die gehören zum Volksfest dazu. Ich will keine Wiesn, auf der nur ein Zelt neben dem anderen steht.

Was werden Sie vermissen?

Schmid: Das weiß ich noch gar nicht. Wahrscheinlich kann ich das erst danach sagen. Ich freue mich jetzt jedenfalls auf das, was vor mir liegt.

Als was kommen Sie denn nächstes Jahr auf die Wiesn – der Wirtschaftsminister zapft ja auch irgendwo an?

Schmid: (grinst) und der Finanzminister im Hofbräu ... Ich hingegen werde als Josef Schmid auf die Wiesn kommen, der sie genauso intensiv wahrnehmen wird, wie sonst auch. Mit dem Unterschied: Ich habe dann keine Verantwortung mehr, das eröffnet neue Möglichkeiten.

Zweiter Bürgermeister Josef Schmid zieht mit einiger Wahrscheinlichkeit in den Landtag ein. Doch wer wird neuer Wiesn-Chef? Die kleinen Oktoberfest-Wirte wünschen sich wieder eine Identifikationsfigur.

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