Das ist herausgekommen

Wiesn-Experiment: Die tz zeltet im Bierzelt

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tz-Reporter Florian Fussek (Bild) und Fotograf Markus Götzfried campierten mit einem kleinen Zelt auf der Empore des großen Schottenhamel-Zelts.

München - Die tz hat in einem einmaligen Experiment den Test gemacht und im Schottenhamel übernachtet. Das ist dabei herausgekommen.

Tausende von Menschen verwandeln die Wiesn-Zelte täglich in ein Tollhaus. Doch was passiert eigentlich nach halb elf abends, wenn die Musik aus ist und die Menschen bierselig nach Hause gehen? Die tz hat in einem einmaligen Experiment den Test gemacht und im Schottenhamel übernachtet. Wir sind gekommen, als alle anderen nach Hause mussten. tz-Reporter Florian Fussek und Fotograf Markus Götzfried campierten mit einem kleinen Zelt auf der Empore des großen Zelts und stellten fest: So richtig ruhig ist es dort nie. Ein Wiesn-Zelt schläft nicht. Bühne frei für eine der verrücktesten Oktoberfest-Reportagen aller Zeiten!

23:20 Uhr - Die letzte Maß

Als alle Gäste aus dem Zelt sind, fängt mein Experiment an. Der Schankkellner bringt mir eine frische Mass. „Als Gute-Nacht-Gruß“, sagt er und geht. Jetzt bin ich allein, nur der Putztrupp ist noch hier. Die 20 Männer und Frauen sind seit 23 Uhr im Zelt und machen für Tausende Wiesn-Besucher sauber. Eine Putzfrau erzählt, dass sie einmal 50 Euro gefunden hat. „Das ist aber sehr selten“, sagt sie. Der Rekord ihres Kollegen: 6000 Franken! „Sie lagen zusammengeknüllt unter einem Tisch.“

23:45 Uhr

Es wird kalt. Ich baue mein Zelt auf. Ringsherum klirrt und knirscht es. Denn der Putztrupp fegt die kaputten Masskrüge am Boden zusammen.

0.13 Uhr

Eine Putzfrau findet einen Hendlgutschein. Der Wert: 10 Euro. Ich frage mich, ob sie ihn behalten darf. Meine Ausbeute ist mager, außer Wimperntusche finde ich nichts. Etwa vier Stunden braucht das Reinigungsteam, dann ist das Zelt wieder sauber. Sie arbeiten 16 Tage, jede Nacht. Ein anderer Putzmann erzählt, dass er vier ausgezogene Strumpfhosen gefunden hat. War’s den Damen zu heiß, oder ...?

0.30 Uhr

Ich gehe raus auf den Balkon. Kaum zu glauben: Draußen auf dem Festplatz sind immer noch Wiesn-Besucher. Sie trotten nach Hause.

0.55 Uhr

Zurück im Zelt. Der meiste Müll ist weg, viele Tische sind sauber. Das ging flott! Auch der Bierdunst ist mittlerweile verschwunden.

1.06 Uhr

Durch das Fenster sehe ich draußen ein Pärchen. Sie machen heftig rum, es geht zur Sache. Ich denke: Die haben es wohl nicht mehr nach Hause geschafft.

1.20 Uhr

Jetzt ist endgültig kein Gast mehr auf dem Festgelände. Aber im Zelt ist es immer noch laut. Gerade wird der Boden mit dem Wasserschlauch abgespritzt. Langsam werde ich richtig müde.

1.49 Uhr

Das leere Riesenrad dreht seine letzten Runden.

1.45 Uhr

Es funkelt durch die Nacht: Der Leuchtbildschirm des Power Tower verkündet immer noch den 4:0-Sieg des FC Bayern gegen Paderborn. Vor dem Zelt fährt ein Bierwagen vorbei. Die kaputten Masskrüge knirschen auf der Straße.

2.05 Uhr

Ein Putzmann besucht mich. „Ich arbeite hier zum ersten Mal, an der Uni sind Semesterferien“, sagt er. „Ich habe es mir schlimmer vorgestellt.“

2.30 Uhr - Das Licht bleibt an

Ich krieche in mein Zelt und versuche zu schlafen. Leider schwierig. Denn das Festzelt ist immer noch hell erleuchtet und es ist sehr laut. Das Prasseln des Wasserschlauchs geht mir langsam auf die Nerven!

3 Uhr

Es scheppert laut, ich schrecke aus dem Schlaf. Ich will aufstehen und nachschauen. Draußen ist das Licht mittlerweile gedimmt. Aber es ist zu kalt! Also ziehe ich den Reißverschluss wieder zu und schlafe weiter. „Das saubere Besteck wurde angeliefert“, erklärt mir später der Security-Mann.

4.20 Uhr

Die Putzleute sind fertig. Um 23 Uhr kommen sie wieder. Bei dem Gedanken finde ich es gar nicht so schlimm, im Zelt auf der Wiesn zu schlafen. Ist ja nur für eine Nacht!

4.30 Uhr - Eiskalt durch die Nacht

Ich stehe wieder auf und treffe Nachtwächter Peter. Seit 13 Jahren arbeitet er bereits als Security auf der Wiesn, seit drei Jahren im Schottenhamel. Er drückt mir einen Becher Spezi in die Hand. Kaffee wäre mir lieber. „Den gibt’s erst, wenn die Küche aufmacht“, sagt er. Ich bereue es, dass ich nur eine kurze Lederhose anhabe. Meine Knie zittern. Es ist so kalt, dass ich meinen Atem sehe.

5 Uhr - Das ist der Hammer

Es wird gehämmert im Schottenhamel. Handwerker Janosch (48) macht mit seinen Kollegen die Bänke wieder fest. Die tanzenden Besucher schaffen es jeden Abend aufs Neue, sie zu lockern.

5.30 Uhr

In der Küche geht’s schon rund. Gerade wird der Kartoffelsalat angeliefert. Küchendirektor Peter Kinner ist schon seit 5 Uhr da. Er bereitet vor, dass später alles reibungslos verläuft. Den ganzen Morgen werden verschiedene Schmankerl angeliefert. „Jeden Tag kommen 5 bis 10 Tonnen“, sagt Kinner.

5.40 Uhr - Die Zähne wieder sauber

Körperpflege muss sein: Ich putze Zähne. Auf dem Klo! Kaum zu glauben: Es stinkt nicht mehr so. Kein Vergleich zum Biesel-Duft, der tagsüber hier wabert.

6 Uhr - Küchenhilfe

Ich mache mich nützlich und helfe in der Küche! Knapp 900 Brotzeitbrettl müssen jetzt vorbereitet werden. Von jedem immer fünf. Fünf Schnittlauchbrote, fünf Würstel, fünf Salzstangen in den Obatzda stecken und so weiter. Dazu gibt’s laute Musik aus den Boxen. Plötzlich bin ich gar nicht mehr müde.

6.30 Uhr - Die Sonne geht auf

Was für ein Genuss: Der erste Kaffee, auf dem Balkon des Schottenhamel-Zelts. Und dazu draußen ein herrlicher Sonnenaufgang. Ein Traum…

7.19 Uhr

Jetzt ist die Sonne da! Ich hole mir noch einen Kaffee und genieße die intensiven Strahlen. Mir ist zwar immer noch lausig kalt – der Kaffee und die Sonne vertreiben aber langsam die Schwere aus meinen Gliedern.

8.45 Uhr - Ankunft der Feierbiester

Die ersten Besucher drängen vor das Zelt. Ich stehe auf dem Balkon und beobachte sie. Wenn die wüssten, dass ich hier die Nacht verbracht habe.

9 Uhr - Hendl rein: Angrillt wird

Die ersten Hendl werden in den Grill gehängt. Ich darf Capo Hannes Stopfer (26) dabei helfen. Bei dem Anblick bekomme ich langsam richtig Hunger! Die Küche macht aber erst um 10 Uhr auf. Ich stibitze mir a bisserl Radi. Merkt keiner. Übrigens: Es gibt eine spezielle Maschine, deren einzige Funktion es ist, die Radi in hauchdünne Kringel zu schneiden.

9.45 Uhr

Ich baue mein Zelt ab und verstaue meinen Schlafsack. Währenddessen polieren die Bedienungen ihre Tische. Alles muss vorbereitet werden – um 10 Uhr dürfen die Gäste rein. Die Stimmung ist sehr entspannt.

10.12 Uhr - Geschafft

Geschafft! Vor mir steht endlich mein Frühstück. Zwei Weißwürste, eine Breze und dazu eine frisch gezapfte Mass. So eine Brotzeit lässt die Strapazen der letzten Nacht vergessen.

10.45 Uhr

Bepackt verlasse ich das Zelt. Die Wiesn-Besucher schauen mich mit großen Augen an. Die halten mich wohl für verrückt! Mir wurscht, was die denken. Ich will nur noch in mein Bett!

Ein Dank an die Wirte

 „Meint ihr das ernst?!“ Die Festwirte Michael F. und Christian Schottenhamel haben uns erst für verrückt erklärt, als wir mit der „Zelt im Zelt“-Geschichte ankamen. Letztendlich aber haben sie sich bereit erklärt, dem tz-Reporter ein Obdach zu geben. Herzlichen Dank dafür! Die Wirte betonen aber: „Das war eine einmalige Ausnahme. Nicht, dass da jetzt künftig Wiesn-Gäste hier übernachten wollen!“

Von Florian Fussek

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