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Bräurosl-Beben: Kappelmeister Menzl gibt ehrlichen Einblick - „War für uns erstmal ein Schock“

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Die Kapelle Josef Menzl im neuen Bräurosl-Festzelt.
Die Kapelle Josef Menzl im neuen Bräurosl-Festzelt. © IMAGO / Smith

Im Streit um die Blasmusikkapelle Menzl im Bräusrosl-Zelt geht es auch um Grundsatzfragen. Wie viel ist auf dem Oktoberfest echte bayerische Kultur?

München - Nach zweijähriger Zwangspause ist das Oktoberfest zurück. Auf den ersten Blick scheint alles beim Alten. Doch ein Streit um die Blaskapelle im Bräurosl-Zelt bringt Grundsatzfragen ans Licht. Gibt es einen neuen Trend in Richtung Partymusik und Ballermann statt echter bayerischer Tradition auf der Wiesn?

Kapellmeister Menzel berichtet von „Schock“ über Reaktion des Bräurosl-Publikums

Die Blaskapelle unter Kapellmeister Josef Menzl ist seit Jahrzehnten auf der Wiesn in München und spielt traditionelle bayerische Musik, aber auch Queen, Abba, Beatles und vieles mehr. „Aber die Leute wollen halt ‚Hände zum Himmel‘ und ‚Hölle, Hölle, Hölle‘“, sagt Menzl im Interview mit tz.de und ergänzt: „Ich kann nicht Helene Fischer singen, tut mir leid.“ In der vergangenen Woche buhte das Publikum die Band aus: Ohne Party-Klassiker wie „Layla“ fehle die Stimmung im „Bräusrosl“, so der Vorwurf. Die Zelt-Eigentümer reagierten schnell und verbannten die Band kurzerhand vom Abend ins Nachmittagsprogramm. „Das war für uns erstmal ein Schock“, sagt Kapellmeister Josef Menzl der Sendung Quer des Bayerischen Rundfunk (BR) und berichtet von Pfiffen und Buhrufen. „Das habe ich noch nie erlebt in 30 Jahren. Das ist natürlich schon ein Stich, wenn du sowas mitkriegst.“

Doch es gibt auch viele Fans der Kapelle. Wer nachmittags ins Bräurosl geht, trifft auf gute Stimmung. „Mia brauchen ka Partymusik“, sagte am Dienstag ein Menzl-Fan dem BR und ein anderer ergänzt: „Braucht kein Mensch so a Layla!“ Während bei der Oktoberfest-Mode die traditionelle Tracht weiter im Trend ist, scheint die Tendenz bei der Musik in die gegenteilige Richtung zu laufen. Josef Menzl fasst die Widersprüchlichkeit auf der Wiesn selbst in Worte: „Die wollen alle auf die Wiesn gehen, dann wollen‘s a Tracht anziehen und ein Spanferkel essen, eine Ente, einen Schweinsbraten oder ‚a Hendl‘, aber wollen Musik hören, die gar nicht dazu passt. Das hat mit der bayerischen Tradition nicht viel zu tun“, meint der Kapellmeister zum BR. Mit der neuen Regelung von Partymusik am Abend und traditioneller bayerischer Musik am Nachmittag seien jetzt aber „alle zufrieden“, bekräftigt indes Bräurosl-Chef Peter Reichert.

Bayerisches Brauchtum? Weder Tracht noch Wiesnbier-Anstich sind alte Oktoberfest-Traditionen

Doch nicht alles, was auf der Wiesn nach Tradition aussieht, ist tatsächlich altes Brauchtum. „Traditionen sind immer von Menschen gemacht und sind immer veränderbar“, sagt die Volkskundlerin Sabine Egger von der Ludwig-Maximilian-Universität München dem BR. „Das heißt, das, was ich zur Tradition mache, ist dann auch die nächste Tradition.“ Dass das auch fürs Oktoberfest stimmt, dafür reicht ein Blick in die Vergangenheit. Auf der ersten Wiesn im Jahr 1810 waren die Menschen in Trachten unterwegs - einfach, weil das damals die gängige Kleidung war. Doch die Tradition der Tracht auf dem Oktoberfest hatte nicht seit damals Bestand. In den 1970er-Jahren etwa waren die Menschen in Schlaghosen oder Jeans auf der Wiesn unterwegs, Dirndl und Lederhosen kamen erst später.

Die ehemalige Festleiterin der Wiesn, Gabriele Weishäupl, leitete diese Tradition ein: In einer damals männerdominierten Umgebung entschied sie sich dafür, bei Pressekonferenzen Dirndl zu tragen und startete damals den Trachten-Trend. Denn sie merkte, dass das Dirndl besonders im Ausland gut ankam - das war gutes Marketing für das Oktoberfest. „Diese Bilder gingen ins Land und in die Welt und die Menschen, vor allem die jungen, haben sich danach gerichtet. Die jungen Menschen sahen noch etwas anderes in dem Fest: ein Event, eine Party“, so Weishäupl gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Die Tradition von Dirndl und Lederhosen auf dem Oktoberfest ist damit weniger alt, als die meisten denken. Gleiches gilt übrigens für den Anstich des ersten Wiesn-Fasses, diesen Brauch gibt es erst seit den 1950er Jahren. Der Kapellmeister Menzl und seine Band jedenfalls wollen sich nicht verstellen. „Vielleicht können wir mit unserer Haltung die Leute ein bisschen anstecken, [...] was wir für schöne Traditionen haben.“ Wer weiß, vielleicht schaffen sie es damit, den Partymusik-Trend auf der Wiesn umzukehren. Schließlich sind Traditionen ja menschengemacht.

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