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Wiesn-Wirte zur Bierpreisbremse: „Wie in der DDR“

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Wirte-Sprecher Roiderer: „Die Politik muss uns schon ein bisserl Luft lassen“.

München - Der Bierpreis ist ein echtes Politikum in München. Weil der Stadtrat in Sachen Bierpreisbremse auf dem Oktoberfest nachlegt, schäumen die Wirte. 

Update vom 6. Juli 2017: Jedes Jahr ist es eine der wichtigsten Fragen zum Oktoberfest: Was kostet die Mass? Wir haben alle Bierpreise in den Festzelten auf dem Oktoberfest 2017 zusammengefasst.

Sauber eigschenkt wird normalerweise nur auf dem Nockherberg beim Derblecken. Heuer muss man allerdings sagen, dass die Realität viel besser ist als die Fiktion. Das liegt nicht nur daran, dass die Bavaria in Gestalt von Luise Kinseher bestenfalls handzahm war, sondern am ganz reellen Streit um die Bierpreisbremse von Münchens zweitem Bürgermeister, Josef „Seppi“ Schmid (CSU). Nach der erwarteten gesalzenen Gegenreaktion der Wirte („Dann werden andere Preise erhöht“), treibt der CSU-Fraktionsvorsitzende Manuel Pretzl den Empörungsschaum im Maßkrug weiter nach oben. Er schleudert den Zeltbaronen ein „Wir lassen uns nicht erpressen!“ entgegen und provoziert damit neuen Ärger. Von einer Kampfansage (Wirtesprecher Toni Roiderer) bis hin zu Verhältnissen wie in der DDR (Stephan Kuffler) reichen die Reaktionen der Wiesnwirte. Die tz dokumentiert den Taifun im Bierglas.

Wir wollen niemand erpressen“, meint Toni Roiderer (Hackerzelt), den wir zwischen zwei Kuranwendungen in Tirol erreicht haben, „wir wollen doch nur Wege aufzeigen für eine gemeinsame Lösung!“ Nach Pretzls Äußerungen in der AZ, wo er sogar den Gästen rät, ihr Hendl außerhalb der Zelte zu verspeisen und nur noch Bier zu trinken, ist der Frieden jedoch in weite Ferne gerückt.

Wirte erbost über Bierpreisbremse

Die Wurzel aller Ärgernisse ist jedoch die Schmidsche Bierpreisbremse, die alle als Eingriff in unser westliches Wirtschaftssystem empfinden. Georg Heide von der Bräurosl schimpft: „Marktwirtschaftlich gesehen ist es spektakulär, dass wir einen festen Einkaufspreis haben, aber von oben gedeckelt werden. Das ist unfair. Dann müssen wir eben an andere Stelle einsparen: Keine Tischdecken mehr, was 35 000 Euro bringen würde. Oder ich fahre nicht mehr beim Wiesnwirte-Einzug mit, das würde 25 000 Euro einsparen.“

Stephan Kuffler (Weinzelt) fühlt sich an sozialistische Verhältnisse erinnert: „Das gab es schon mal in Deutschland, dass Einkaufs- und Verkaufspreis der Produkte reguliert wurden. Das war aber im Osten. Einem Kaufmann so etwas vorzuschreiben, finde ich schon seltsam.“ Ins gleiche Horn stößt Toni Roiderer mit einem Seitenhieb auf die CSU: „Und das kommt auch noch von der Partei, die normalerweise für den Mittelstand da ist. Das ist schon mehr als kurios!“

Der Eingriff in die Marktwirtschaft irritiert auch Christian Winklhofer (Festzelt Tradition), während Wirte-Urgestein Wiggerl Hagn (Löwenbräu) völlig geplättet ist: „So etwas habe ich in 61 Jahren auf der Wiesn noch nicht erlebt. Früher haben Stadt und Wirte zusammen eine Lösung gesucht. Das gibt es jetzt nicht mehr – wir wurden vor den Kopf gestoßen. Die Wirte sind die Prügelknaben. Wir haben trotzdem unsere Ausgaben: Ich kann ja nicht zur Bank gehen und sagen: ‚Gebt’s mir a Geld, i bin a Wiesn-Wirt‘.“

Wirtesprecher Roiderer poltert

Und auch Toni Roiderer poltert: „Die Politik muss uns Unternehmern schon ein bisserl Luft lassen. Neid ist ein schlechter Ratgeber – Leben und leben lassen, das ist unser Motto“. Schließlich bringen wir Wirte eine Top-Leistung und machen tausende Gäste glücklich.“ Dass man dabei mehr Geld verdient, findet der Wirtesprecher gerechtfertigt: „Wenn man in der Bundesliga spielt und sich dort hält, dann darf man schon mehr verdienen als in der Bayernliga! Viele probieren Wiesn, keiner kann es. Das liegt auch daran, dass wir immer wieder entsprechend investieren.“ Wer könne schon zwei Millionen Euro jährlich für den Zeltaufbau und weitere 300 000 bis 400 000 Euro für Bewachungskosten bezahlen. Außerdem gäbe es den ganzen Tag Top-Musik im Zelt.

Wirte-Sprecher Roiderer: „Die Politik muss uns schon ein bisserl Luft lassen“.

Und obwohl der Toni poltert, hätte er einen Gegenvorschlag: „Heuer Bierpreisbremse ja, und im nächsten Jahr reden wir wieder, aber da sind auch die Bewachungskosten geringer, da hat man beim letzten Mal einfach zu spät ausgeschrieben, der Vertrag hat eine Option auf ein zweites Jahr.“

Der Roiderer wäre aber nicht der Roiderer, wenn er ganz zum Schluss das Thema nicht auch mit einem Witz kommentieren würde: „Der Gast sitzt mit seiner Familie im Biergarten, hat seine Tischdecke ausgebreitet, schneidet den Leberkäs auf und schenkt sich ein Bier ein. Da schimpft die Bedienung: ,So geht das fei nicht. Sie müssen beim Wirt schon auch was bestellen.’ Sagt der Gast: ,Bestellen Sie dem Wirt einen schönen Gruß, er kann jetzt mit der Musik anfangen!’“

Lesen Sie hier einen Kommentar von München-Redakteur Sascha Karowski zur Bierpreisbremse.

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