Das Wiesn-Wunder

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Mathieu besucht ein Jahr nach seinem OP-Marathon die Wiesn.

München - Dass Mathieu A. (31) heute im Schottenhamelzelt steht und eine Mass Bier in der Hand hält, grenzt an ein Wunder. Der Kanadier wäre nach einem Wiesn-Besuch vor einem Jahr fast gestorben.

 Killer-Streptokokken hatten seinen Arm befallen und wochenlang seinen Körper bekämpft. „Das war die schlimmste Zeit meines Lebens.“ Es hatte alles so schön angefangen am 19. September 2009. Es ist der erste Wiesn-Tag, Mathieu tanzt auf der Bank im Hofbräuzelt. Überall gut gelaunte Menschen, hübsche Madln, Bier aus Litergläsern – genauso hatte er sich das Oktoberfest vorgestellt.

Mathieu (31) zeigt seinen vieloperierten Arm.

Im Überschwang gerät er ins Straucheln, fällt von der Bank und schrammt sich den Ellenbogen auf. „Nicht so schlimm“, sagen die BRK-Ärzte im Behördenhof. Mathieu fährt mit seinen Freunden ins Holiday Inn-Hotel und fällt ins Bett. Morgen soll’s wieder rausgehen. Als Mathieu aufwacht, ist ihm schwindelig. Wohl der Alkohol vom Vortag, denkt er sich und zieht mit den anderen zur Theresienwiese. Auf dem Weg bekommt er Schüttelfrost, sein Arm pocht – „das waren unglaubliche Schmerzen“. Er geht zurück ins Hotel, fällt in einen tiefen Schlaf.

Am nächsten Morgen wacht er mit stechenden Schmerzen im Unterarm auf. Ab ins Krankenhaus. Im Wartezimmer der Rinecker-Klinik läuft Dr. Peter Sabisch an ihm vorbei – und stutzt. Ein kurzer Blick: sofort Not-OP! Ein Jahr danach sitzt Mathieu im Büro des Gefäßchirurgen und sieht sich zum ersten Mal Fotos von seinem Arm am Computer an: „Oh mein Gott.“

So haben Sie die Wiesn noch nie gesehen

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Die Bilder dokumentieren die Operationen, die er über sich ergehen lassen musste. Genau 15 Mal müssen Sabisch und sein Kollege Stefan Bremer den Unterarm und die Hand „tranchieren – so muss man es leider sagen“. Weil sich in seiner kleinen Wunde am Ellenbogen aggressive Bakterien eingenistet haben, hat sich der ganze Arm infiziert, Mathieus Blut ist vergiftet – eine sogenannte nekrotisierende Fasziitis. Sabisch: „Er hätte innerhalb kürzester Zeit sterben können.“

Deshalb muss der Chirurg immer wieder an Arm und Hand Sehne für Sehne, Muskel für Muskel und Nerv für Nerv freilegen und alles ausspülen. Bis in die Fingerspitzen. „Wir haben den Arm auseinandernehmen müssen wie ein anatomisches Präparat.“ An diese Tage hat der Kanadier keinerlei Erinnerung mehr. Anfangs, so Sabisch, habe Mathieu sich gesorgt, dass er seine Finger verliere. „Ich habe mir nur gedacht, dass ich eher fürchte, dass wir seinen Arm amputieren müssen. Ich hatte ernste Zweifel, ob er das überhaupt überlebt.“

Das Antibiotikum schlägt zunächst nicht an, die Schwellung geht viel zu langsam zurück – zwei Wochen schwebt der Patient in Lebensgefahr. Sabisch: „Ich bin abends heimgefahren und habe gebetet, dass er es schafft.“ Er hat es geschafft: Nach einer schier endlosen Tortur geht die Schwellung zurück, die Bakterien sind bekämpft. Wegen der tiefen Wunden muss Mathieu noch bis zum 19. November in der Rinecker-Klinik bleiben. Seinen Job als Controller in Montreal muss er noch vier weitere Monate ruhen lassen, er muss wieder greifen lernen.

Mathieu weiß, dass er Dr. Peter Sabisch und Dr. Stefan Bremer sein Leben zu verdanken hat.

Als er zurück in der Heimat in die Klinik geht, staunt der Arzt: „Wie haben die deutschen Ärzte denn geschafft, den Arm zu retten? Wir hätten den gleich amputiert …“ Mathieu weiß, was er den Münchner Ärzten Sabisch und Bremer zu verdanken hat. Deshalb hat er seinen Schwur gebrochen. „Als ich nach zwei Monaten im Krankenhaus entlassen wurde, hab ich mir geschworen, nie wieder in diese Stadt zu kommen, in der ich diesen Horrortrip erleben musste. Aber mir wurde erst viel später bewusst, was ich den Münchnern zu verdanken habe.“

Deshalb ist er heuer wieder in der Landeshauptstadt. Und fast zu Tränen gerührt, als er seine Lebensretter zum Dank in die Arme schließt. Während des anschließenden Gesprächs schauen beide immer wieder fasziniert auf Mathieus Hand, die ohne Probleme greift und gestikuliert. Dass alles so gut verläuft, das haben selbst die Spezialisten nicht erwartet. Von der Klinik fährt Mathieu auf die Wiesn.

„Das Oktoberfest kann ja nichts dafür. Ich hatte einfach ein Riesen-Pech. Und wenigstens etwas Gutes hatte die Sache: Ich habe diese Stadt irgendwie lieben gelernt.“ Mathieu denkt sogar darüber nach, sich hier einen Job zu suchen.

Nina Bautz

Der Wiesn-Zelt-Vergleich

Bayern oder Ballermann: Wiesn-Zelte im Vergleich

Stichwort Streptokokken

Streptokokken sind kugelförmige Bakterien, die ständig in unserer Umwelt herumschwirren. Die meisten Arten sind harmlos, einige wenige können gefährliche Krankheiten wie Lungenentzündung, Herzentzündungen und Blutvergiftung auslösen. Die Erreger dringen über kleinste Hautverletzungen in den Körper ein und breiten sich bei einem geschwächten Immunsystem rasend schnell aus. Befallen sie die Haut und Unterhaut, handelt es sich um eine lebensbedrohliche nekrotisierende Fasciitis, bei der in vielen Fällen ganze Gliedmaßen nicht mehr gerettet werden können.

Quelle: Oktoberfest live

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