Sogar für Experten erschreckend

Das alles weiß Google über Sie

München - Die Bewerbung um den neuen Job oder Tipps zur Beziehungskrise: Google speichert alle Suchanfragen eines jeden Nutzers. Die tz verrät, was Google, Amazon und Co. alles über uns wissen.

Wann war das noch mal, als Sie sich zum ersten Mal um einen neuen Job beworben haben? 2009 oder 2010? Wann wurden Sie geblitzt, und hatten Angst um Ihren Führerschein? War das 2012? Sie erinnern sich nicht mehr. Doch Google erinnert sich. Der Suchriese speichert jede einzelne Anfrage jedes einzelnen Nutzers.

Wenn Sie bei Google angemeldet sind, können Sie unter www.google.de/history eine gespenstische Reise in Ihre eigene Vergangenheit unternehmen – und herausfinden, dass es genau fünf Jahre her ist, dass Sie sich zum ersten Mal Sorgen um Ihren Blutdruck gemacht haben. Das ist ganz einfach, denn natürlich können Sie auch Ihr eigenes Leben, Ihre eigene Vergangenheit mit der Google-Suchmaschine durchstöbern. Und dabei dürften Sie sich mächtig erschrecken.

Niemand kennt Sie besser als Google

Die tz verrät, was Google, Amazon & Co. wirklich über uns wissen, und wie Sie sich schützen.

Was weiß Google über mich? Wenn Sie die Suchmaschine fleißig nutzen – so gut wie alles. Niemand kennt Sie besser als Google. Nicht Ihre Frau, nicht Ihr Mann, nicht Ihre Kinder. Sexuelle Vorlieben, der Verdacht, dass Ihr Partner Sie betrügt – der Suchmaschine vertrauen Sie alles an. Und wenn Sie denken, dass Ihre Eingaben im Nichts verpuffen, haben Sie sich getäuscht.

Seit 2012 wandern alle Daten, die Google mit seinen über 70 Diensten einsammelt – Suchmaschine, E-Mail-Dienst G-Mail, Video-Seite YouTube, Maps-Landkarten, Android-Handys und viele mehr – in einen gemeinsamen riesigen Speicher ohne Verfallsdatum. Experten gehen von Datensätzen im Quadrillionen-Bereich aus.

Kein Wunder, dass Google-Aufsichtsratschef Eric Schmidt über den gläsernen Internetnutzer schwärmt: „Wir wissen mehr oder weniger, woran Sie denken.“ Und auch kein Wunder, dass laut Umfrage 54 Prozent der Deutschen Google für bedrohlich halten.

Wie finde ich heraus, was Google über mich weiß? 

Voraussetzung für das große Sammeln ist: Sie sind bei einem der vielen Google-Dienste angemeldet, was die meisten Internetsurfer im Lauf der Jahre irgendwann tun. Bei Tablets und Smartphones mit Android ist die Anmeldung ohnehin verpflichtend. Als registrierter Nutzer landet alles, was Sie im Google-Universum tun, in Ihrem Profil unter google.com/dashboard. Hier, im Google-Gedächtnis, können Sie Ihr komplettes Profil sehen und unter „Datentools“ auch herunterladen. Auch unter google.de/history finden Sie Ihre bisherigen Suchanfragen.

Und wenn ich nicht bei Google angemeldet bin? 

Dann speichert der Konzern dennoch jede Suche und jede Seite, die Sie aufrufen. Das geschieht über Cookies – winzig kleine Textdateien, die auf Ihren Rechner geschrieben werden. Diese Daten hebt Google „nur“ 18 Monate auf, danach werden sie gelöscht oder anonymisiert – wobei nicht alle Experten von der Wirksamkeit der Maßnahme überzeugt sind. Sie schaffen sich dennoch mehr Privatsphäre, wenn Sie ohne Google-Anmeldung (oder gleich bei einem Konkurrenten) suchen. Über IP-Adresse und Browser-Daten lässt sich Ihre Identität im Zweifel aber trotzdem ermitteln. Und wenn Behörden die Daten von Google-Nutzern anfragen, reagiert der Suchkonzern in aller Regel kooperativ.

Ist nur Google so neugierig? 

Natürlich nicht. Ob Amazon, Facebook, WhatsApp, Apple & Co. – sie alle horten riesige Datenmengen, von denen niemand weiß, was damit passiert. Doch viele Nachrichten klingen beunruhigend. Beispielsweise Amazon ist groß im Geschäft mit Datenspeichern, und baut gerade eine riesige Serverfarm für die Daten ausgerechnet der CIA auf. Der SMS-Ersatz WhatsApp, den fast jeder zweite Deutsche nutzt, wurde im Februar für 14 Milliarden Euro von Datenkrake Facebook geschluckt. Google, das als der größte Datensammler in der Geschichte der Menschheit gilt, ist trotzdem ein Sonderfall. Denn kein anderes Unternehmen ist in so vielen Bereichen präsent und hat damit so einen kompletten Überblick über unser Leben.

Und wenn ich nichts zu verbergen habe? 

Das ist das Lieblingsargument der Datensammler. Aber: Die Daten werden über Jahre gehortet. Und niemand weiß, wer künftig darauf Zugriff hat. Bekommt Ihre Krankenversicherung irgendwann mit, dass Sie nach Symptomen für Zucker oder Depressionen suchen? Wo tauchen Ihre politischen Vorlieben auf, wenn Sie sich für den öffentlichen Dienst bewerben? Dazu kommt die Gefahr von Hackerangriffen. Selbst bestens geschützte Kreditkartendaten werden immer wieder geknackt. Hacker, die in die Serverfarmen von Google oder WhatsApp eindringen – kein schöner Gedanke, wenn alle Ihre Suchanfragen und E-Mails offen durchs Netz schwirren. Oder wenn ein Hacker 150 Dollar dafür verlangt, die Daten nicht online zu stellen. Und es müssen nicht einmal Hacker sein. Ein einziges (womöglich schlechtes) Passwort genügt, um Ihre gesamte Internetgeschichte nachzulesen.

Warum werden wir ständig ausgehorcht?

Schlussendlich hat die Datensammelwut nur einen einzigen Zweck – uns etwas zu verkaufen. Je besser uns Google & Co. kennen, desto genauer können sie Werbung auf uns zuschneiden und desto teurer lässt sich die Reklame verkaufen. Gerade bei Google, das fast alle Dienste kostenlos anbietet, sind Ihre Daten die zentrale Einnahmequelle – ein Riesenunterschied beispielsweise zu Apple, das mit iPhone und iPad Milliarden verdient.

Bei Google dagegen bezahlen Sie nicht mit Geld, sondern mit Ihrer Privatsphäre. Doch auch andere Internetfirmen lassen bei Werbevermarktern wie der US-Firma Acxiom alle Informationen über Sie zu einem detaillierten Profil zusammenfassen. Selbst Ihre mutmaßliche politische Präferenz, Ihre sexuelle Orientierung und Ihre Religion werden dabei ermittelt. Und wenn Sie als Rentner identifiziert sind, sehen Sie im Internet garantiert nie mehr Werbung für Babynahrung.

6 Tipps, wie Google & Co. weniger über Sie erfahren

Surfen Sie ohne Anmeldung mit Google. Wenn Sie auf der Startseite der Suchmaschine rechts oben in blau den Punkt „Anmelden“ sehen, sind Sie ohnehin nicht angemeldet. Gut! Wenn Sie rechts oben Ihr Foto oder ein blaues Männchen sehen, draufklicken und sich abmelden. Noch besser: Benutzen Sie gleich eine andere Suchmaschine, z.B. DuckDuckGo, das maximalen Datenschutz verspricht.

Schalten Sie das Google-Webprotokoll ab. Falls Sie trotz allem bei Google angemeldet bleiben wollen, deaktivieren Sie damit zumindest die Funktion, die Ihre Suchen über Jahre hinweg speichert. Dazu rufen Sie google.de/history auf und melden sich an (falls noch nicht geschehen). Hier können Sie Ihre bisherigen Suchen sehen, löschen und das Webprotokoll abschalten – meist gut versteckt im Zahnrad-Menü oben rechts. Übrigens: Mit der Browser-Erweiterung „Google Toolbar“ liefern Sie Google noch mehr Daten – bitte nicht verwenden!

Deaktivieren Sie Cookies. In den Einstellungen Ihres Browsers, meist im Bereich Datenschutz, können Sie diese Funktion deaktivieren – übrigens auch am Handy und Tablet. Damit lassen sich Ihre Internetaktivitäten deutlich schlechter verfolgen.

Spionieren Sie zurück. Das Zusatzprogramm „Ghostery“ für alle gängigen Browser zeigt Ihnen beim Surfen an, wer gerade Ihre Daten einsammelt. Zumindest teilweise können Sie den Zugriff damit blockieren.

Verteilen Sie Ihre Online-Aktivitäten über mehrere Firmen. Suchmaschine, E-Mail, Kalender, Fotos oder Datenspeicher in der Internetwolke – je mehr Anbieter, desto schwieriger wird’s, ein Gesamtbild zu erstellen.

Schalten Sie Googles personalisierte Werbung ab. Das erledigen Sie unter google.com/ads/preferences. Viele Nutzer können auf dieser Seite übrigens auch sehen, wie Google sie einschätzt – Geschlecht, Alter, Interessen.

Jörg Heinrich

Rubriklistenbild: © dpa (Symbolbild)

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