Bitte keine Stützräder!

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Mit Hilfe von zwei Erwachsenen lernen Kinder spielend leicht das Radfahren: Die eine schiebt leicht an, der andere lässt das Kind auf sich zufahren. Ist die Oberfläche ganz leicht abschüssig, erleichtert das dem Kind zusätzlich das Rollen.

Er ist leidenschaft­licher Radler, Autor zahlreicher Fachbücher rund ums Fahrrad – und Vater von zwei Buben (8 und 9 Jahre alt). Nun hat Gunnar Fehlau (37) sein gesammeltes Wissen in...

Fahrradexperte Gunnar Fehlau

..."Das Familien-Fahrrad-Buch"  (Delius Klasing Verlag, 14,90 €) gepackt. Der Göttinger schlägt darin den Bogen von Radl-Tipps für Schwangere über die ersten Fahrversuche der Kinder bis hin zu Radsport-Ambitionen der Kids. Im tz-Interview verrät Gunner Fehlau ­seine wichtigsten Ratschläge zum Fahrradfahren mit Kleinkindern und gibt Kauftipps für den Familienfuhrpark.

Herr Fehlau, viele werdende Eltern glauben, dass sie in absehbarer Zeit nicht mehr aufs Fahrrad kommen. Ist das zwangsläufig der Fall?

Gunnar Fehlau: Im Prinzip kann man schon Babys ins Fahrradfahren integrieren. Mit einem Kinderanhänger kann man loslegen, sobald das Baby im Maxi-Cosy mitgenommen wird, also nach sechs bis acht Wochen. Es gibt spezielle Liegematten, die man im Hänger befestigt. Außerdem kann man einen Hänger ja auch als Kinderwagen-Ersatz verwenden.

Worauf muss man beim Kauf eines Hängers achten?

Fehlau: Am Anfang steht die Frage nach Ein- oder Zweisitzer, die ich eigentlich immer mit Zweisitzer beantworten würde. Man hat ja stets viel Gepäck wie die Wickeltasche dabei. Eventuell kommt auch ein Kind nach oder man nimmt mal das Nachbarkind mit. Das einzige Argument für einen Einsitzer ist der geringere Platzbedarf im Hausflur oder in der Garage. 

Und von der Qualität her?

Fehlau: Es gibt im Prinzip zwei Sorten Kinderanhänger: die Funktions-opotimierten und die preisoptimierten. Bei ersteren dominieren zwei Marken die Vergleichstests, nämlich Chariot und Burley, die ohne Zubehör bei 550 Euro anfangen. Ein Argument für diese teureren Modelle: Es gibt sie auch gefedert, was ich in Städten mit viel Kopfsteinplaster und auf unbefestigten Wegen unverzichtbar finde. Und ihr hoher Wiederverkaufswert relativiert den Preis: Wir haben für unseren Hänger nach fünf Jahren die Hälfte des Neupreises bekommen!

Ist ein Kindersitz eine Alternative zum Hänger?

Fehlau: Fahrdynamisch ist ein Kindersitz eine Katastrophe. Nicht zu vergessen die große Fallhöhe: Wenn das Rad umfällt, schlägt das Kind seitlich mit dem Kopf auf den Boden. Alle Crashtests sprechen für Kinderanhänger, auch weil die äußerst kippstabil sind.

In Ihrem Buch nennen Sie als nächste Evolutionsstufe der Kindermobilität vierrädrige Rutscher. Wann werden Kinder dann auf zwei Rädern mobil?

Fehlau: Die zweirädrige Mobilität beginnt mit dem Laufrad. Je früher ein Kind da draufsteigt, desto besser, denn dann sind Fahrgeschwindigkeit und Fallhöhe noch gering. Auf dem Laufrad lernen Kinder das Balancieren und den Umgang mit Grenzsituationen wie dem Wegrutschen. Zum Fahrradfahren muss das Kind dann nur noch das Pedalieren und Bremsen lernen – wobei Kinder unter drei Jahren mit Bremsen überfordert sind.

Wie erkennen Eltern, ob ihr Kind reif fürs Laufrad ist?

Fehlau: Ob Laufrad, Fahrrad oder was auch immer – wichtig ist bei der Reifefrage vor allem, dass Eltern das Kind und sich selbst nicht unter Druck setzen. Wenn man einem Zweijährigen ein Laufrad hinlegt, wird er das ganz spielerisch für sich erkunden.

Woran merkt man, dass das Kind reif für ein Fahrrad ist?

Fehlau: Wenn es das Laufradfahren total verinnerlicht hat, kann man ihm ein Fahrrad offerieren. Man sieht dann schon, ob es sofort neugierig darauf ist oder erst einmal einen Bogen darum macht. Die individuelle Reife hängt auch von äußeren Faktoren ab, etwa ob ein älteres Geschwister ihm das Fahrradfahren vormacht.

Worauf sollte man beim ersten Kinderradl Wert legen?

Fehlau: Auf keinen Fall zu groß kaufen, denn das macht allen Anfang unnötig schwer! Das Rad sollte Luftbereifung haben, Rücktrittbremse, aber keinen ablenkenden Schnickschnack wie Korb oder Federung. Als Kinderspielrad muss es keine Beleuchtung haben, aber alle Ecken und Kanten, vor allem die Griff­enden, müssen einen Aufprallschutz haben!

Stützräder?

Fehlau: Bloß nicht! Mit Stützrädern lernen die Kinder das alles entscheidende Balancieren nicht.

Wo und wie bringt man Kindern das Radfahren bei?

Fehlaus neues Buch

Fehlau: Ich finde Supermarktparkplätze ideal – natürlich nur sonntags. Große Asphaltflächen, auf denen das Kind auch mal einen Schlenker machen kann ohne schwerwiegende Folgen. Am besten, zwei Erwachsene helfen: Einer schiebt leicht an, der andere steht ein Stück weit davor und lässt das Kind auf sich zufahren. Ein Fahrradhelm sollte bei Kindern jeden Alters eine Selbstverständlichkeit sein. Aber natürlich wird der Tag kommen, an dem Kinder mit einem aufgeschlagenen Knie heimkommen. Da sollten Eltern nicht überängstlich sein. Wer sein Kind vor allem beschützen möchte, raubt ihm Erlebnisse und die Möglichkeit, aus Erfahrung zu lernen. Mir ist lieber, sie holen sich als Fünfjährige Schürfwunden, als dass sie mit 18 zum Hauptdarsteller eines Unfallberichts werden.

I.W.

 

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