25 Jahre Gleitschirmfliegen in Deutschland

Von wegen Adrenalin-Junkie…

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Der Herbst ist die beste Zeit, um das Gleitschirmfliegen zu lernen“, sagt Till Gottbrath. Der Outdoor-Journalist aus Huben im Priental muss es wissen. Er fliegt seit 25 Jahren...

...unfallfrei, was er für seine größte fliegerische Leistung hält, – und mit nicht nachlassender Begeisterung. „Im Herbst beruhigt sich die Atmosphäre wieder. Die Thermik ist schwach oder sie versiegt völlig.“ Für selbstständige Piloten ist das die Zeit der Hike-&Fly-Touren. „Zu Fuß hochgehen, gemütlich Brotzeit machen – und dann ganz entspannt wieder ins Tal gleiten. Das ist Genuss pur, die sportliche Leistung spielt dabei keine Rolle“, so Till zur tz Draußen.

Ein Variometer und ein GPS-Gerät sind bei jedem Streckenflug...

In den letzten Jahren gab es bei den Gleitschirmen und Gurtzeugen einen Trend zu Leichtausrüstungen. Sogenannte Wendegurtzeuge sind gleichzeitig Rucksack und Gurtzeug. Auch gibt es eine Vielzahl leichter und sehr sicherer Bergsteigerschirme. Wer radikal Gewicht spart, trägt nicht mehr als zehn Kilo auf den Berg und der Rucksack misst auch nicht mehr als ein 60-Liter-Trekking-Rucksack.

„Mit 15 kg habe ich eine Ausrüstung dabei, mit der ich bereits auf Strecke gehen kann“, erklärt Gottbrath weiter. Wenn ein Pilot ‚auf Strecke geht’, sucht er sich einen sogenannten Thermikbart und ‚dreht auf‘. In der aufsteigenden Warmluft kreisend geht es bis zur Wolkenbasis und von dort weiter zum nächsten Bart – bzw. dorthin, wo er diesen Bart erwartet.

...von Till Gottbrath mit dabei.

Wer das geschickt macht, kann enorm weit fliegen. Der Weltrekord für ‚freie Strecke‘ – d. h. mit Rückenwind in nur eine Richtung – liegt bei 500 km, aufgestellt in Südafrika. Die meisten Punkte im ganzjährig laufenden Streckenflug-Wettbewerb gibt es aber für ein möglichst gleichschenkliges Dreieck, denn „da hast du auf jeden Fall auf einem der drei Schenkel Gegenwind“, erklärt Gottbrath, „da der Gleitschirm ein sehr langsames Fluggerät ist, muss man da schon ganz schön kämpfen.“ In den Alpen gilt ein 200-km-Dreieck als Schallmauer, die es zu überbieten gilt.

Unterwegs haben die Streckenflieger – neben dem Variometer, das die Vertikalgeschwindigkeit anzeigt – ein GPS-Gerät dabei. Es zeichnet die genaue Flugstrecke auf. Diese Daten werden ins Internet hochgeladen und dort wird auf Portalen wie XC.DHV.de über ein Jahr hinweg (jeweils von Anfang Oktober bis Ende September) z. B. die Deutsche Meisterschaft im Streckenfliegen ausgetragen.

Es gibt – wie im Automobilsport – unterschiedliche Schirmklassen. Till geht in der Standardklasse an den Start, in der ‚Golf-Klasse‘ wie er scherzhaft sagt: „Als ich 1987 anfing, hatten die Gleitschirme einen Gleitwinkel von 1:3. Die Dinger flogen so schlecht, dass viele Berge gar nicht steil genug waren. Beim Landen bist du eingeschlagen wie eine Bombe. Dann kam die Zeit, in der ich Hochleister flog. Nur damit konnten wir länger in der Luft bleiben. Diese Schirme waren zum Teil wirklich sehr anspruchsvoll und ich bin froh, dass ich diese Zeit mit etwas Glück und Verstand unfallfrei überlebt habe. Heute gibt es bereits anfängertaugliche Schirme mit einem Gleitwinkel von 1:9. Vernünftig betrieben, ist das Gleitschirmfliegen ein sehr sicherer Sport. Und es macht solch einen Spaß!“

Abheben leicht gemacht

Anforderungen: Wer ein paar Schritte laufen kann, kann auch das Gleitschirmfliegen lernen. Wobei man sich mit etwas Fitness in der Ausbildung leichter tut. Der Sport wird häufig als Extremsport dargestellt, aber gerade langjährige Piloten sind meist keine Adrenalin-Junkies, sondern haben viel Respekt vor der Luft.

Ausbildung: Der erste Schritt zum Selbstabheben führt über einen Schnuppertag oder ein Schnupperwochenende (zwischen 80 und 120 Euro). Meist hebt man da schon zum ersten Mal allein ab. Danach weiß man, ob das Fliegen „sein Ding“ ist. Die weitere Ausbildung bis zum selbstständigen Piloten führt über den Grundkurs (300 – 400 Euro) und den Höhenflugkurs (600 – 800 Euro). Dazu kommen noch die Liftkosten sowie meist die Leihgebühr für die Ausrüstung. Tipp: Lassen Sie sich mit der Ausbildung Zeit. Es geht nicht darum, möglichst billig den Schein zu machen, sondern möglichst gut das Fliegen zu lernen. Mehr dazu auf der Website des Verbands: www.dhv.de/web/fliegenlernen/

Ausrüstung: Schirm, Gurtzeug, Rettungsschirm, Helm und feste Schuhe bilden die Grundausrüstung. Gebraucht kann man für 1000 bis 1500 Euro eine komplette Ausrüstung in sehr gutem Zustand bekommen. Wer alles neu kauft, muss mit mindestens 3000 Euro rechnen.

Tandemflug: Ein Tandemflug ist ein grandioses Erlebnis. Mangels Thermik sind im Herbst die Flüge meist kürzer, aber dafür ruhiger und genussvoller. Kosten: 80 bis 150 Euro je nach Flugdauer und Ort. Wer z. B. „Tandem, Chiemgau“ in eine Internet-Suchmaschine eingibt, findet eine Fülle von Anbietern.
Mehr Info: www.dhv.de/web/fliegenlernen/passagierfliegen www.tandemfliegenchiemgau.de

Haben Sie Fragen und Anregungen zu unserer wöchentlichen Draußen-Seite? Unsere Autorin Petra Rapp ist für Sie unter folgender E-Mail-Adresse erreichbar:tzdraussen@googlemail.com

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