Die Lehren aus dem Lawinen-Drama

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DAV-Experte Florian Hellberg zeigt auf den Unglückshang. Ein Lawinen-Opfer konnte sich am 1. Auffindepunkt befreien, seine Begleiterin starb am 2. Auffindepunkt

Ein Gedenkkreuz aus hellem Holz ragt aus dem Schnee heraus. Es markiert die Stelle, an der Michael N. und Martina R. (Namen geändert) am 6. Februar 2010 von einer Lawine erfasst wurden.

Ein Kreuz erinnert an die Münchner Skitourengeherin, die im Februar 2010 in der Lawine gestorben ist.

Während der 42-jährige Skitourengeher sich selbst aus den Schneemassen befreien konnte, kam für seine 38-jährige Begleiterin jede Hilfe zu spät. Nun, fast zwei Jahre später, steht Florian Hellberg mit Blick auf die Unglücksstelle am Berg und erklärt die Verkettung unglücklicher Umstände. Der Sicherheitsexperte des Deutschen Alpenvereins zieht die Lehren aus dem Lawinen-Drama. Denn, so betont Hellberg: „Lawinen gehen jeden Wintersportler an, der sich auch nur einen Meter abseits der gesicherten Pisten bewegt.“ An jenem Februartag waren Michael N. und Martina R. unterwegs zum Taubensteinhaus unweit des Spitzingsees. Der Lawinenlagebericht hatte für Lagen unterhalb von 1600 Metern die Gefahrenstufe zwei von fünf ausgerufen, darüber die Stufe drei (siehe auch unten).

So berichtete die „tz“ am 8. Februar 2010 über das Drama.

„Bei solchen Verhältnissen kann man durchaus Skitouren unternehmen“, erklärt Hellberg, „aber man muss sehr sorgfältig bei der Wahl der Aufstiegs- und Abfahrtsspur sein.“ Michael N. und Martina R. machten auf etwa 1500 Meter Höhe einen verhängnisvollen Fehler. Sie verließen die in vielen Karten eingezeichneten Skitourenrouten und betraten den sogenannten Büchsenhang, über den der Sommerweg zum Taubenstein führt. Nach einigen Metern lösten sie ein Schneebrett aus. Martina R. wurde bis zum Hangfuß mitgerissen und 30 Zentimeter tief verschüttet. Eine halbe Stunde später fanden die Retter sie mittels LVS-Gerät (siehe unten rechts), doch die Wiederbelebungsversuche blieben vergeblich. Florian Hellberg zeigt den Ausdruck eines Schneeprofils, das nach dem Lawinenabgang an der Unglücksstelle gegraben wurde: „In der ein Meter dicken Schneedecke findet sich bei ­etwa 40 Zentimeter eine dünne Schwachschicht.“ Dieser Schwimmschnee hatte sich in den klaren Nächten vor dem Unglückstag an der Oberfläche durch so genannte aufbauende Umwandlung gebildet und war dann von Treibschnee überlagert worden. Dieser Schneedeckenaufbau ist ein Klassiker bei Schneebrett­abgängen, ein tragischer Klassiker.

Nun zitiert Florian Hellberg aus dem Lawinenlagebericht vom 6. Februar 2010: „Eingelagerte Zwischenschichten aus Oberflächenreif und aufgebautem, kaltem Schnee gestalten die Schneedecke in eingewehten Bereichen weiter störanfällig.“ Hier ist also genau von der Schwachschicht und dem Triebschnee die Rede, die dem Münchner Skitourenpaar zum Verhängnis wurden.

Vor dem Unglück hatte im Spitzingsee-Gebiet starker Südwestwind geweht. Der nach Nordosten gerichtete Büchsenhang war also voll beladen mit Triebschnee. Hellberg resümiert: „Bei genauer Lektüre des Lawinenlage­berichts hätte man den Unglückshang als Gefahrenstelle identifizieren können.“ Zumal ein weiterer Gefahrenfaktor hinzukommt: die Hangsteilheit. Die beträgt am Auslösepunkt zwar nur 28 Grad; gemeinhin gilt alles unter 30 Grad als kaum bedenklich. Doch durch ihren Druck auf die Schneedecke lösten Michael N. und Martina R., die ohne Entlastungsabstand aufstiegen, die Triebschneemassen in einer über ihnen gelegenen Steilrinne aus. Und hätten sie ihren geplanten Weg fortgesetzt, wären sie an der Hangkante in extrem steiles Gelände gekommen.

„Ich würde nicht von Fahrlässigkeit der beiden Verunglückten sprechen; hinterher ist man immer schlauer“, resümiert Florian Hellberg. „Aber das Unglück zeigt, wie sorgfältig man die Informationen aus dem Lawinenlager-Bericht im Gelände umsetzen muss. Und das lernt man nur bei einem mehrtägigen Lawinenseminar.“

Solche Kurse bietet zum Beispiel die Alpenvereins-Sektion München/Oberland an: www.alpenverein-muenchen.de.

Lawinenlagebericht

Für alle Regionen der Alpen wird in der Wintersportsaison täglich ein Bericht zur aktuellen Lawinenlage herausgegeben. Einheitlich ist das fünfstufige System von 1 („geringe Gefahr“) bis 5 („sehr große Gefahr“).

Neben der Warnstufe enthält der Lawinenlagebericht (LLB) Informationen zum Schneedeckenaufbau, zu eventuell gefährlichen Windverfrachtungen und zu besonders kritischen Geländebereichen wie „kammnahe Steilhänge“ oder „Rinnen und Mulden“. Mit dem Lesen ist es jedoch nicht getan, man muss die Informationen auch im Gelände anwenden können, was man nur durch spezielle Ausbildung und Erfahrung auf Tour lernt. Auf www.alpenverein.de findet man Links zu allen LLBs des Alpenraums. Der direkte Link zum bayerischen LLB lautet www.lawinenwarndienst-bayern.de, die telefonische Ansage hat die Nummer 089/92 14 12 10.

Die Standard-Ausrüstung im Tiefschnee

Ein Lawinenverschütteten-Suchgerät (auch LVS oder Pieps genannt) zum Orten. Drei- oder Vier-Antennen-Geräte sind Stand der Technik.

Nachdem man mit der Lawinensonde den genauen Verschüttungsort ­ermittelt hat…

…macht man sich mit einer Lawinenschaufel ans Ausgraben. Alle drei Vorgänge bedürfen regelmäßiger Übung!

I.W.

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