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Kaiser-Schmarrn aus der Schneeschüssel

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Von: Stephan Brünjes

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Obertauern
Obertauern ist die österreichische Skiregion auf dem Radstädter Tauernpass. © Tvb Obertauern

Sie nennen sich die „Schneeforscher“, eine Promi-Gruppe um den Fußball-Kaiser Franz Beckenbauer und die Fußball-Legende Uwe Seeler...

Die Schneeforscher-Insidertipps

Herrmann Koch ist der Skilehrer der Schneeforscher. Seine ganz persönlichen Obertauern-Tipps:

Energiequellen: Es gibt einen Energiepunkt nahe der Bergstation vom Hundskogellift (Sechsersessellift). Hier nimmt der Körper Energie auf und stärkt dadurch das Immunsystem.

Einkehren: In der Hochalm ist ein Himbeerli-Drink ein Muss für jeden Besucher. An der Zehnerkarbahn-Bergstation, etwas unterhalb, liegt die Gamsmilchbar. Eine der urigsten Hütten in Obertauern mit nur drei Tischen und einem Kachelofen in der Mitte ist die Achenrain-Hütte.

Abfahren: Eine Abfahrt an der Snowbike-Weltrekordstrecke ins Tal ist mehr als ein Genuss.

Wer gerne ins Gelände fährt: Die Gnadenalmabfahrt mit sieben Kilometern verläuft zunächst im alpinen freien Gelände und zum Schluss im leicht bewaldeten Bereich über natürliche Buckel bis zur Straße hin. Die Untertauernabfahrt mit 10 Kilometern ist spektakulärer im ersten Teil mit einer sehr steilen Rinne, eine kleine Erholung folgt im schütter bewaldeten Terrain, weiter geht’s an Hohlwegen in den schmucken kleinen Ort Untertauern für Ausdauersportler. Die Krönung bleibt die kleine oder große Kesselspitze. Auffahrt mit dem Gamsleiten-2-Zweiersessellift, danach ein Aufstieg über eine steile Flanke. Nur für trittsichere und geübte Wintersportler geeignet und eigentlich ratsam nur mit Skiführer/Skilehrer. Die Belohnung ist eine grandiose Abfahrt über vier Kilometer bis hin zur Schaidberg-Talstation im freien Gelände bei Pulver- oder im Frühjahr bei Firnschnee.

Seit 30 Jahren kommen sie immer zum Saisonauftakt nach Obertauern, in die Skiregion, die wegen ihrer perfekten Witterungsbedingungen auch die Schneeschüssel genannt wird. Autor Stephan Brünjes hat sie begleitet. „Hier bin ich noch nie runtergefahren, hier fahr ich nicht“, verkündet Uwe Seeler widerspenstig am Seekareck beim atemberaubenden Blick ins Tal. „Doch, Uwe, hier sind wir gestern dreimal runter, es war bloß neblig“, versucht Skilehrer Hermann Koch den Kult-Mittelstürmer zu überzeugen. Ex-Nationalspieler Max Lorenz fällt ihm ins Wort: „Das ist ja euer Trick – ihr versteckt die Berge hinter Wolken, damit wir nicht sehen, wie steil sie sind.“ Die Schneeforscher treffen sich jedes Jahr zum Auftakt der Skisaison im österreichischen Obertauern – immer mit etwa 15 Mann: Franz Beckenbauer ist ebenso dabei wie Zehnkampf-Olympiasieger Willi Holdorf, Ex-Bundestrainer Erich Ribbeck, die Kicker Seeler, Luggi Müller und Max Lorenz sowie der ehemalige Eisschnelllauf-Trainer Herbert Höfl als Erfinder der Schneeforscher. Höfl hatte Ende der 70er Jahre mit Obertauerns damaligem Bürgermeister Dieter Kindl gewettet, dass es ihm gelingt, ein paar Promis in den 1700 Meter hoch gelegenen Wintersportort zu lotsen. Es ist ihm gelungen. Und bei einem Obstler hatte Erich Ribbeck einigen Après-Skifahrern in der Hochalm bierernst die Bedeutung der Schneeforscher erklärt: „Wir untersuchen die Flocken, den Sulz- und Pulverschnee und geben diese Infos ans meteorologische Institut Salzburg weiter. Dass die Schneeforscher nicht längst umgezogen sind, in Kaiser Franz’ langjährige Wahlheimat Kitzbühel oder andere mondäne Alpenorte, das liegt an der Ruhe, die sie hier in Obertauern haben, sagt Uwe Seeler. Und an Obertauerns einmaliger Lage als Schneeschüssel Österreichs. Mittendrin in dieser Schüssel liegen die Hotels und Pensionen an der Passstraße, langgestreckt wie ein Apfelstrudel, umgeben von schneebedeckten Bergen. Sie sind einmalige 360-Grad-Kulisse und Fundament der sogenannten Tauernrunde. Einen halben Tag dauert’s, den ganzen Ort einmal zu umfahren. Und die Schlussabfahrt endet nachmittags fast überall als Schussabfahrt im Skikeller. „In Obertauern trägt man Ski immer an den Füßen, nie auf der Schulter“, verkünden die Hoteliers selbstbewusst. Diesen Satz haben die Schneeforscher einst etwas zu wörtlich genommen. „Bei einer unserer jährlichen Sitzungen haben wir uns zu vorgerückter Stunde die Brettln angeschnallt und sind in der Diskothek Taverne eine Flurstiege hinuntergeschliddert“, erzählt Uwe Seeler. Verletzte gab’s zum Glück nicht.

Gleich gegenüber der Taverne, auf der Edelweißabfahrt, fanden die Skirennen der Schneeforscher statt. Hermann Koch hat sie organisiert und dokumentiert: 350 Meter lang war die Strecke, gespickt mit 17 Toren. Uwe Seeler ist Sechster geworden, Franz Beckenbauer nur Achter, aber trotzdem ist Skilehrer Koch voll des Lobes: „Der Kaiser fährt so elegant, wie er kickt.“

Obertauern
Promi-Runde: Die Schneeforscher mit Franz Beckenbauer (re.) und Skilehrer Koch (m.) © Brünjes, Tvb Obertauern

Mit ihm, mit Ribbeck und einigen anderen Könnern unter den Schneeforschern ist Hermann Koch gern auf anspruchsvolleren Pisten unterwegs, der Zehnerkar-Abfahrt oder der tiefschwarzen Gamsleiten-2-Piste. Danach kehren die Schneeforscher oft in der Achenrainhütte ein, einem unscheinbaren Holzhäuschen oberhalb des Ortes. Hier stecken die Kicker ihre Köpfe zusammen und nicken manchmal auch weitreichende Entscheidungen für den deutschen Fußball ab.

Ja, man sollte sich nicht irritieren lassen, wenn Franz, Uwe, Erich und die anderen so unbedarft dasitzen. Gut möglich, dass die älteren Herren sich gleich darauf wieder mal zu einem „Kaiser-Schmarrn“ hinreißen lassen wie einst zu ihrem Schwanensee-Ballett mit nacktem Oberkörper.

DIE REISE-INFOS ZU OBERTAUERN

Obertauern
Alpines Schneeloch: Obertauern liegt - umgeben von Zweitausendern - auf mehr als 1700 Metern Höhe. © dpa

REISEZIEL Obertauern ist die österreichische Skiregion auf dem Radstädter Tauernpass. Das Hoteldorf liegt auf 1740 Metern entlang der Passhöhe mit kurzen Wegen zu Liften und Pisten. Obertauern zeichnet sich durch seine Schneesicherheit aus und durch die Tatsache, dass die meisten Quartiere von der Piste aus mit den Skiern direkt angefahren werden können.

ANREISE
mit dem Auto über die Tauernautobahn Salzburg-Villach, bis zur Abzweigung Graz, von dort auf der Bundesstraße bis Radstadt, dann der Beschilderung nach Obertauern folgen. Von München zirka 200 Kilometer.

SKIGEBIET Zirka 100 überwiegend leichte bis mittelschwere Pistenkilometer. Längste Abfahrt ist mit zwei Kilometern und 528 Meter Höhenunterschied die Zehnerkar-Abfahrt, schwerste Abfahrt die Gamsleiten.

WOHNEN Schöne Doppelzimmer mit Halbpension bietet z.B. das Hotel Enzian ab 105 Euro pro Person/Nacht. Eröffnungsangebot vom 25. November bis 18. Dezember: Sieben Nächte in einem neuen Doppelzimmer Zirbe-Komfort mit Gourmetpension, Sechs-Tage-Skipass, Schwimmbad- und Saunanutzung und einer 25-minütigen Entspannungsmassage: 894,50 Euro pro Person. Preise inkl. Schwimmbad-Benutzung und Besuch der Sauna-Landschaft.

Vier besondere Zimmer bietet das Sporthotel Edelweiß mit den Nummern 502, 504, 506 und 507: In diesen Räumen haben die Beat­les während ihres „Help“-Filmdrehs 1965 in Obertauern gewohnt. DZ ab 96 Euro pro Person, Saison-Eröffnungspauschale (25. bis 28. November) inklusive Karten fürs Konzert der Söhne Mannheims ab 420 Euro pro Person. Weitere Wochenpauschalen (z.B. 444 Euro pro Person in einer Frühstückspension inkl. Skipass) unter www.obertauern.com.

KULINARISCH Unbedingt probieren: Gamsmilch, Obertauerns Antwort auf Jagertee und Glühwein. Ihr Erfinder, Walter, der verrückte Kultwirt, stand schon im Guinness-Buch der Rekorde, weil er die gesamte Zehnerkar-Abfahrt rückwärts am schnellsten runtergedüst ist. Den Drink aus Kakaopulver, aufgeschäumter Milch und ziemlich viel Rum serviert er mit der Behauptung: „Gamsmilch macht die Buckelpisten flach...“

WEITERE INFOS Tourismusverband Obertauern, Tel. 00 43/64 56/72 52, Internet: www.obertauern.com.

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