Interview mit dem Extrembergsteiger

Messner will weiterwandern – auch im Jenseits

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„Glück kann man nicht erhaschen – es passiert uns“: Reinhold Messner, 72 Jahre, geboren in Brixen, aufgewachsen mit acht Geschwistern.

Reinhold Messner kann nicht stillhalten: Der Südtiroler ist 72 Jahre alt, hat alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske bestiegen, darunter als erster Mensch im Alleingang den höchsten Berg der Welt, den Mount Everest.

Bozen – Er hat die Antarktis und die Wüste Gobi jeweils der Länge nach durchquert. Jetzt startet sein sechstes und letztes „Messner Mountain Museum“ (MMM) auf dem Kronplatz in Südtirol in seine erste richtige Saison. Das Finale seines Projekts, das vor 21 Jahren begann. Und Messner ist schon wieder auf Achse. Ein Gespräch mit dem Abenteurer und Grenzgänger, der glaubt, dass er nach seinem Tod weiter unterwegs sein wird.

Herr Messner, mit der Eröffnung des „MMM Corones“ haben Sie Ihr Museumsprojekt abgeschlossen. Sie können sich zur Ruhe setzen...

Reinhold Messner: Nein. Ich fange jetzt an als Filmemacher. Einen haben wir fast fertig. Ich will wahre Begebenheiten erzählen, denn das Leben bietet nunmal die besten Geschichten. Wir drehen nicht in Studios, sondern an Originalschauplätzen, in der Wildnis. Der Film spielt in Afrika; die alten Herren, die die Geschichte vor vielen vielen Jahren durchgemacht haben, sind noch am Leben. Im Film kommen sie selbst zu Wort. Als Filmemacher werde ich nie über mich selbst etwas drehen, sondern immer nur über andere.

Sie sind der bekannteste Bergsteiger der Welt. Wie kam es dazu, dass Sie so hoch hinaus wollten?

Messner: In jungen Jahren war ich schon ein begeisterter, nein: besessener Felskletterer. Durch die Tragödie am Nanga Parbat (Anmerkung der Redaktion: 1970, als Reinholds Bruder Günther bei einer gemeinsamen Tour ums Leben kam), gelangte ich an den Punkt, mich zu entscheiden: ein bürgerliches Leben führen oder höhenbergsteigen. Ich war physisch und psychisch demoliert zurückgekommen – und hatte mich dennoch bald für das Leben eines Abenteurers entschieden. Entgegen des Rates meiner Eltern und meiner Brüder. Aber sie haben mich gelassen. Auch meine beiden Frauen (Messner ist zum zweiten Mal verheiratet) haben mich nie zurückgehalten. Trotz der Gefahren. Mir war immer bewusst: Wenn ich das tue, muss ich damit rechnen, dass ich umkomme.

Was war Ihr Antrieb?

Messner: Neugier. Ich wollte wissen, was Körper und Geist zu schaffen vermögen. Und ich wollte Neues kennenlernen. Nach dem Höhenbergsteigen habe ich die Antarktis durchquert, später Grönland. Ich habe mir immer wieder weh getan, aber ich wollte nicht aufgeben und aufhören. Also habe ich angefangen, mehr kulturelle Arbeit zu machen. Ich habe begonnen, heilige Berge zu besteigen. Die sind nicht so schwierig. Mit 60 habe ich die Wüste Gobi durchquert, aber schon gemerkt: „Das kannst Du nicht mehr.“

Sollte jeder Mensch einmal in seinem Leben zu Fuß auf einen Berg gestiegen oder gewandert sein?

Messner: Ja. Das richtige Verhältnis Mensch – Berg entsteht nur durch das zu Fuß hinaufgehen oder -klettern. Wenn ich mit einer Seilbahn hinauffahre, habe ich nur eine Postkartenvorstellung vom Berg. Wenn ich hinaufgestiegen bin, dann weiß ich in jeder Faser, wie der Berg aufgebaut ist.

Was macht das mit einem Menschen, wenn er auf einem Gipfel steht?

Messner: Oben stehen ist nicht so wichtig, es ist nicht der Schlüssel zum Glück. Das ganze Tun ist Glück. Bin ich oben, ist es ein Schlüssel- und Wendepunkt. Auf dem Gipfel kommt gleich das Gefühl: Gehen wir wieder runter. Weil wir zum Beispiel Angst vor einem Gewitter haben, weil wir zurück im Nest, in Sicherheit sein wollen. Das war am Mount Everest nicht anders. Sicherheit zu haben, gehört zu unserer Kultur. Es kostet einige Überwindung, auszubrechen und in die Wildnis zu gehen. Bergsteigen ist Schrecken und Faszination zugleich. Der Alpinismus ist eine kulturelle Erscheinung, keine rein sportliche. Sondern eine Auseinandersetzung Mensch – Natur.

Wo findet der Mensch im Alltag sein Glück?

Messner: Ich bin davon überzeugt, dass man Glück nicht erhaschen kann, es ist nicht zu finden. Das Glück passiert uns, wenn wir ganz in einer Sache aufgehen. Ich glaube, es gibt nur ein gelungenes Leben im Hier und Jetzt, nicht am Lebensende oder danach. Deshalb: Einfach tun, was man mit Begeisterung tun will. Für mich ist Glück, wenn sich mein Tun mit meinem Plan deckt. Beispiel Klettern: Wenn ich vor einer Wand stehe und überlege, wo könnte ich aufsteigen, und dann losgehe – dann gehe ich voll in der Sache auf. Wie bei einem Künstler, der sich vornimmt ein bestimmtes Bild zu malen, und es dann tut. Kinder wiederum sind am glücklichsten, wenn sie ohne großen Plan Neues und Aufregendes entdecken.

Kindliche Neugier, die Sie sich anscheinend bis heute erhalten haben.

Messner: Ja. Als älterer Herr gehe ich heute alte, unbekannte Wege nach, vor allem bei mir zuhause. Nicht mehr aus der Notwendigkeit, weil mein Körper bewegt werden will – der sagt eher: Lass es sein. Ich gehe aus Neugier. Um zu erfahren, welche Wege es noch gibt außer den Wanderwegen. Alte Pfade, von denen ich nicht weiß, wohin sie führen. Und jeder Weg hat seine eigene Geschichte, der ich nachspüre.

Sind Sie lieber allein oder in Begleitung unterwegs?

Messner: Am liebsten gehe ich allein, in meinem Rhythmus. Nur dann bin ich zufrieden. Es ist nicht wichtig, ob ich schneller als jemand anderer bin, wichtig ist, den eigenen Rhythmus zu finden. Die Berge zwingen uns zum Entschleunigen. Nach etwa einer Stunde, wenn man den eigenen Rhythmus gefunden hat, spürt man sich und seinen Körper ganz bewusst.

Sind Kinder glücklicher als Erwachsene?

Messner: Sie tun sich am leichtesten. Kinder sind immer neugierig, wenn sie Neues und Aufregendes tun, tauchen sie voll ein und sind glücklich. Beim Wandern entdecken sie Dinge am Wegesrand, die Erwachsene übersehen würden. Bei einem Urlaub auf dem Bauernhof sehen Kinder viel mehr als die Eltern. Sie kommen meist aus einer städtischen Umgebung, aber auf dem Bauernhof entwickeln die Kinder mehr Empathie. Für die Tiere, für die Landschaft, für das eigene Tun. Aus diesem Grund halte ich „Urlaub auf dem Bauernhof“ für sehr wichtig.

Sie waren durch Ihre Gipfelbesteigungen oft dem Himmel nahe. An Gott oder eine Religion glauben Sie nicht. Was erwarten Sie für die Zeit nach dem Tod?

Messner: Ich zitiere den Lyriker Friedrich Hölderlin und spreche wie er vom „Göttlichen“, nicht von Gott. Alle Götter und Religionen sind von Menschen erfunden. Das heißt allerdings noch lange nicht, dass es nicht „das Göttliche“ gibt. Jeder Wissenschaftler sagt, dass wir die Welt, so wie sie gemacht ist, niemals begreifen werden können. Es gibt noch so viele Geheimnisse, die wir Menschen niemals entdecken werden. Und das ist auch gut so. Deshalb sage ich: Ich lasse es offen, was nach meinem Tod kommt. Das rein Körperliche verschwindet, das Bewusstsein löst sich auf. Mir würde es völlig reichen, wenn im Jenseitigen die Großartigkeit, die Stille, die Entschleunigung so ist, als würde ich durch eine Wüste wandern. Unendlich. Zeitlos. Allein, im eigenen Rhythmus.

Keine Angst vor dem Tod?

Messner: Nein! Für mich ist der Tod heute weit weg. Als ich bei meinen Abenteuern nahe am Sterben war, war das für mich kein Problem. Es wäre für mich ein „Hineinfallen“ gewesen. Ich bin der Meinung, dass der Mensch am Ende nicht die Erkenntnis hat: Ich sterbe. Sondern er lässt sich in das Sterben fallen. Es gibt keinen Ausweg mehr.

Haben Sie mit dem sechsten Museum Ihre Lebensaufgabe erfüllt?

Messner: Diese Aufgabe ist erfüllt. Aber sie ist nicht wichtiger als meine Zeit als Höhenbergsteiger. Schon früh hatte ich die Vorstellung, meine Sammlung, mein Wissen rund um das Thema „Berg“ museal einzubringen. Mit dem „MMM Corones“ ist nun der letzte Stein des Mosaiks gesetzt.

Auf gemütlichen Holzstühlen haben Reinhold Messner und unser Autor Armin Rösl Platz genommen. Das Handy hat der Bergsteiger beim Gespräch übrigens aus.

Nach dem Gespräch steht Reinhold Messner auf und plaudert noch übers Wandern, Bergsteigen, vor allem aber über die oftmals noch ursprüngliche Schönheit seiner Südtiroler Heimat. „So lange ich gesund und frei bin, möchte ich die Berge und die Natur genießen“, sagt er, hält kurz inne und fügt mit einem Schmunzeln hinzu: „Stillsitzen konnte ich lange nicht. Mittlerweile habe ich es gelernt und nehme mir die Freiheit, mit einem Glaserl Wein auf einer Bank zu sitzen und in die Welt zu schauen.“

Das Interview führte: Armin Rösl

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