Südwand-Schmankerl

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Sonnenverwöhnte Klettereien für den Goldenen Oktober

37°C im Schatten! Seit der Früh knallt die Sonne auf die senkrechte Wand. Die Zunge klebt am Gaumen, während die schweißnassen Finger von guter Felshaftung nur träumen können.

Erfahrene Kletterer meiden im Hochsommer schattenlose Felswände wie der Teufel das Weihwasser und weichen in kühle Nordwände aus. Spätestens im Oktober kehren sich die Verhältnisse am Bayerischen Alpenrand aber vollständig um. Wer jetzt noch im T-Shirt oder gar „oben ohne“ kraxeln möchte, der muss südexponierte Felswände aufsuchen. Von der Herbstsonne aufgewärmte Klettertouren sind dann genau der richtige Ort, um vor der kalten Jahreszeit noch einmal so richtig Wärme zu tanken. Michael Pröttel stellt zwei der besten Klettergebiete in Münchens Hausbergen für einen goldenen Oktobertag vor.

Genüssliche Routen am Brauneck

Egal ob man aus dem Tal aufsteigt oder den Zustieg mit Seilbahnhilfe verkürzt: Das Nonplusultra sonnenverwöhnter Felsen ist das Kletterzentrum Brauneck. Von der Bergstation der Seilbahn wandert man nahezu eben in einer halben Stunde zur Stie-Alm, die den Kletterer mit grandioser Aussicht aufs Karwendel in Empfang nimmt. Getoppt wird das Gipfelpanorama allerdings vom Ausblick auf die über der Alm aufragenden Felswände: „Kindergarten“,„Märchentraum“, „Siebter Himmel“ –die Namen der für Einsteiger und Plaisir-Kletterer geeigneten Sektoren halten, was sie versprechen.

Hoch über der Jachenau findet man keine brüchigen Alpinrouten mit selbstmörderischen „run outs“ (lange ungesicherte Passagen), sondern trickreiche Reibungs- und griffige Wandkletterei. Natürlich sind die Hakenabstände auch am Braunecknichtmitdenenin einer Kletterhalle zu vergleichen. Wer aber in Hakenhöhe steht und sich etwas streckt, kann meistens die nächste Zwischensicherung einklinken. Der genussreiche Kletterspaß zwischen Loisachund Isartal ist übrigens der „IG Klettern München & Südbayern“ zu verdanken, die mittlerweile 230 Routen erschloss.

Nicht zu vergessen den „Steffe“ von der Stie-Alm, der das Projekt nach Kräften unterstützte – ein Grund mehr, auf der urigen Alm einzukehren. Ein besonderes Schmankerl auf dem Rückweg zur Seilbahn sind die kurzen Touren am Gamskopf. Wer den letzten Kletterzug geschafft hat, darf auf dem kleinen Felsgipfel die Steinbock- Skulptur umarmen.

ANFAHRT: Zug: Mit der BOB nach Lenggries, mit Bus zur Seilbahntalstation. Auto: Über die A8 bis Ausfahrt Holzkirchen und über Bad Tölz nach Lenggries.
ZUSTIEG: max. 45 Min. von der Bergstation

SÜDSEITIGE SEKTOREN: Märchentraum: 9 Routen zwischen II und VI-; Kindergarten: 4 Routen IV; French Connection: 6 Routen zwischen V+ und VI; Gamskopf: 5 Routen zwischen IV- und V+.

EINKEHR: Stie-Alm, den ganzen Oktober geöffnet.

KLETTERFÜHRER: Brauneck – Klettern am Lenggrieser Hausberg, IG Klettern München & Südbayern. Zu beziehen über www.kletternmachtspass.de

Ideale Spielwiese für kraxelnde Familien

Der kinderfreundliche Klettergarten Ziegelwies bei Hohenschwangau

Es soll Leute geben, die nicht wegen der Königsschlösser in Richtung Hohenschwangau fahren. Sie setzen sich im Ortsteil Alterschrofen von der Masse ab – und ziehen den mäßig geneigten Naturfels dem senkrechtem Mauerwerk vor. Unweit des Schwansees lockt ein kleiner Klettergarten, der sogar mit dem Kinderwagen zu erreichen ist. Bei der „Ziegelwies“ handelt es sich um einem aufgelassenen Steinbruch – die ideale Spielwiese für kraxelnde Familien! Der ebene Einstiegsbereich birgt auch für Kleinkinder nicht die geringste Absturzgefahr. Die kurzen, südexponierten Routen sind gerade für Anfänger und Kinder für den ersten Felskontakt bestens geeignet. AneinergleichmäßiggeneigtenPlatte können die Eltern Touren im dritten bis fünften Schwierigkeitsgrad einhängen.„Toprope“–alsoüberdie Umlenkung von oben gesichert – kann sich der Kletternachwuchs dann an Griffen, Leisten und Löchern risikolos austoben. Größere Kinder werden hier bestimmt ihren ersten Vorstieg meistern. Lust auf mehr? Dann darf man auf dem Rückweg nach Alterschrofen die „Schwanseeplatten“ nicht links liegen lassen. Die in einen Oberen und einen Unteren Sektor gegliederten Kalkfelsen bieten Reibungsklettereien im Schwierigkeitsspektrum von IV+ bis VI+. Kletter-Cracks schauen oft mit einem milden Lächeln auf die vergleichsweise flachen „Reibungs-Schleicher“ herab – und vergessen dabei, dass sie selbst auf solchen Touren ihre ersten alpinen Gehversuche machten.

Kraxelparadies Ziegelwies – wenn die Kleinen wie hier toprope gesichert sind und keine Steinschlaggefahr besteht, geht das ausnahmsweise auch mal barfuß und ohne Helm.

ANFAHRT: Bahn: Von München mit Umsteigen in Kaufbeuren nach Füssen und mit Bus 9651 nach Schwangau- Alterschrofen. Auto: Auf der A96 bis Ausfahrt Landsberg Nord und weiter auf der B17 nach Füssen. Kurz davor Richtung Hohenschwangau und bei Alterschrofen parken.
ZUSTIEGSZEIT: max. 30 Min.

SÜDSEITGE SEKTOREN: Untere Schwanseeplatten: 13 Routen zwischen V und VI+; Obere Schwanseeplatten: 14 Routen zwischen IV+ und VI+; Ziegelwies: 9 Routen zwischen III- und V+.

KLETTERFÜHRER
: G. Durner/ M. Adelbert Sportklettern Allgäu, Oberland, Tirol, Am Berg Verlag.

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