Wanderstiefel selbst gemacht

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Geeske Schröder beim Besohlen ihres Schuhs mit Produktionsleiter Alois Jauk.

Frauen lieben es, Schuhe zu kaufen. Geeske Schröder (41) hasst es. Ihr Problem: Schuhgröße 44. Besonders schlimm wird es für die 1,76 Meter große Planeggerin beim Thema Wanderstiefel:

„Damentrekkingschuhe in dieser Größe gibt es nicht, in den Herrenmodellen mit ihren breiten Leisten schwimme ich weg…“ Also ging sie bislang mit Turnschuhen zum Wandern.

Dann aber hat Geeske Schröder in der tz vom Schuhbau- Workshop bei Meindl gelesen und sich sogleich beworben. Die Traditionsfirma ermöglichte es neun Wanderfreunden, ihren eigenen Stiefel zu bauen – eine einmalige Gelegenheit im Rahmen der Gore-Tex-Experience-Tour.

Geeske Schröder wurde auserwählt und erschien mit acht Kollegen im Meindl-Stammwerk in Kirchanschöring am Waginger See, wo pro Tag 1300 Paar Schuhe gefertigt werden. Der Trekking-Klassiker von Meindl heißt Island. Mehr als eine Million Paar dieses Schuhs wurden schon verkauft, aktueller empfohlener Verkaufspreis: 239,90 Euro. Im Laufe der 21 Produktionsjahre blieb der Island vom Prinzip her immer ein solider Lederstiefel, wurde im Detail jedoch stetig verbessert. Geeske Schröder ist überrascht, wie viele Details in so einem Stiefel stecken.

Die Nähte gleichen eher einer Gebirgssilhouette

Um die 200 Einzelteile warten in der Meindl- Fabrik darauf, von ihr zusammengenäht, -geklebt oder -gezwickt zu werden. Fast ebenso viele Arbeitsschritte sind nötig. Zuerst flacht Geeske Schröder die Lederteile an den Rändern ab, um sie leichter zusammennähen zu können – „schärfen“ nennen das die Schuhmacher. Es folgen das „Zackeln“ (Zusammennähen desGore-Tex-Innenfutters),das „Stempeln“ (Positionsmarkierungen für Haken, Ösen, Nähte…), das Aufkleben von Polsterschäumen auf die Innenseiten des Schaftleders und so fort.

Beim „Zackeln“ muss jeder Nadelstich sitzen. Rosemarie Jäger hilft.

Geeske Schröder, als Innenarchitektin handwerklich durchaus begabt, ächzt: „Mannomann. Gar nicht so einfach, all die Maschinen zu bedienen.“ Daheim flickt Geeske Schröder die Klamotten ihrer drei Kinder, doch sie hat noch nie Leder genäht. Gerade Stiche gehen ja noch, aber die Kurven! Bei manchem ihrer Workshop- Kollegen gleichen die Nähte eher einer Gebirgssilhouette als parallelen Bahnen. Nun noch die Vorder- und Fernsenkappe einkleben, die Nähte des Innenfutters versiegeln… Ein ganzer Arbeitstag vergeht, bis die Schäfte fertig werden – auch dank der Mithilfe und Anleitung der Meindl-Mitarbeiter.

Meindl fertigt seit 300 Jahren Schuhe. „So ein Trekkingmodell wie der Island ist ein gigantischer Komplex“, erklärt der gelernte Schuhmacher Lukas Meindl (45), der mit seinem Bruder Lars (42), die Geschäfte des Familienunternehmens führt, und verweist auf die umfangreiche Handarbeit: Allein in der Montage in Kirchanschöring sind 120 Mitarbeiter damit beschäftigt, aus den Schäften und Sohlen vollständige Schuhe zu machen.

200 Einzelteile und viele Arbeitsschritte

Geeske Schröder im Gespräch mit Firmenchef Lukas Meindl

Am zweiten Tag gegen 8 Uhr treten die neun Hobby-Schuhmacher in der Montagehalle an. Geeske Schröder sucht sich den schmalsten Leisten aus, den es in Größe 44 gibt. Darauf wird die sogenannte Brandsohle befestigt und in einer Maschine gezwickt, das heißt: mit dem Schaft verbunden. Nach zig weiteren Arbeitsschritten sind ihre Schuhe wasserdicht, haben eine Vibram-Sohle und als Stoßschutz einen Gummigürtel, in den ein Laser ihren Spitznamen „Nissa“ geprägt hat. Schließlich fädelt Geeske Schröder die Schnürsenkel in ihren Island, rubbelt ein paar Kleberreste ab und tritt vor die Qualitätskontrolleurin.

Die Dame dreht und wendet die Stiefel – und nickt Geeske Schröder anerkennend zu. Sofort schlüpft die tz-Leserin in ihre selbst gebauten Stiefel und kann es kaum fassen: „Ich hab’ nochniezuvorSchuhegetragen, die zugleich stabil und bequem sind.“

Ingo Wilhelm

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