30 Jahre Mauerfall

Das Bollwerk der Trennung

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11. November 1989: Ost-Berliner Grenzposten brechen die Mauer auf, um einen neuen Grenzübergang zu schaffen. Für manchen der jungen Burschen ist es der erste Blick in die Freiheit.

28 Jahre stand die Berliner Mauer, deren Fall sich im November zum 30. Mal jährt. In einer Nacht- und Nebelaktion hatten die SED-Machthaber West-Berlin am 13. August 1961 abgeriegelt, um damit Fluchtmöglichkeiten im Keim zu ersticken.

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!“ Als Walter Ulbricht diese Worte bei einer Pressekonferenz im Juni 1961 sagte, stand er unter einem enormen Druck. Denn dem noch jungen Regime liefen die Leute weg – vor allem Akademiker und Facharbeiter. Ulbricht wollte diese dramatische Fluchtbewegung stoppen. Am frühen Morgen des 13. August 1961 rückten – für die Berliner auf beiden Seiten völlig überraschend – mehr als 10 000 Volks- und Grenzpolizisten sowie Kampfgruppenmitglieder mit Betonpfählen sowie Stacheldraht an, errichteten aus Asphaltstücken Barrikaden und rissen die Straßen mit Presslufthämmern auf, um West-Berlin einzumauern. Fünf Tage später zogen Bautrupps erste Mauerelemente hoch.

Berlin war nach dem Zweiten Weltkrieg in vier Besatzungszonen geteilt worden. Mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland und der Deutschen Demokratischen Republik im Jahr 1949 entstand eine kuriose Situation: Berlin lag mitten in der DDR, mit Ost-Berlin als Hauptstadt. Der westliche Teil gehörte zur Bundesrepublik. West-Berlin war der Stachel im Fleisch der DDR.

Der „antifaschistische Schutzwall“ sei gegen die „feindlichen Elemente“ aus dem Westen und ihre „Diversionsakte“ gerichtet, begründete das DDR-Regime den Mauerbau. Der Aufbau des Sozialismus werde im ersten deutschen Arbeiter- und Bauernstaat durch Spione systematisch behindert. Auch gelte es, einen kriegerischen Überfall der Westdeutschen zu verhindern und Menschenhandel zu unterbinden, wie es im Propaganda-Sprech hieß.

In Wahrheit galt die Mauer der eigenen Bevölkerung. Seit 1949 hatten etwa 2,7 Millionen Ostdeutsche – davon 1,6 Millionen über West-Berlin – in einer wohl ziemlich einzigartigen Abstimmung mit den Füßen ihren Staat verlassen, um sich in der Bundesrepublik ein neues Leben in größerer Freiheit und mit mehr Wohlstand als im wirtschaftlich rückständigen Osten aufzubauen.

Damit war über Nacht Schluss. Tragische Szenen spielten sich in den ersten Tagen nach dem Coup der Regierung in Ost-Berlin ab. Einige Menschen konnten sich noch in den Westen retten, etwa der DDR-Grenzer Conrad Schumann mit einem beherzten Sprung über den Stacheldrahtverhau. Anderen blieb nur ein trauriger Gruß über die Sperren hinüber zu plötzlich unerreichbaren Familienmitgliedern. Der Regierende Bürgermeister und spätere Bundeskanzler Willy Brandt (SPD) fand klare Worte für seine Landsleute im Osten: „Wir wissen, welcher Hass, welche Bitterkeit, welche Verzweiflung heute und in diesen Tagen in Ihren Herzen wohnt. Wir wissen, dass nur die Panzer Sie zurückhalten, ihrer Empörung freien Lauf zu lassen.“

In Erinnerung geblieben sind aus den ersten Mauertagen Bilder von Menschen, deren Hausfassade die Grenzlinie war und die sich noch aus dem Fenster abseilen konnten. Aber das gelang nicht allen: Am 22. August, dem Vortag ihres 59. Geburtstags, kam Ida Siekmann bei diesem Versuch ums Leben. Wenig später wurden die Grenzhäuser zwangsgeräumt. Und schon zwei Tage darauf sprachen die Waffen: Der erste Tote war Günter Litfin, ein sogenannter Grenzgänger, der bis dahin als Schneider in West-Berlin gearbeitet hatte und erschossen wurde, als er durch ein Kanalgewässer schwimmend schon fast das rettende Ufer erreicht hatte.

Im Oktober kam es dann zu einer dramatischen Konfrontation am Checkpoint Charlie: 16 Stunden lang standen sich US- und Sowjet-Panzer gegenüber. Es ging um das alliierte Recht der Amerikaner, sich ohne Kontrollen frei in der ganzen Stadt bewegen zu können. Schließlich zog sich die Rote Armee zurück, die Amis stellten aber ihre Beobachtungsfahrten durch den sowjetisch besetzten Teil der Stadt ein. Alle ostdeutschen Proteste gegen die mittlerweile zwei Meter hohe, panzersichere Mauer wurden im Keim erstickt. Bestes Indiz dafür ist eine zynische Äußerung von Stasi-Chef Erich Mielke vom Dezember zu den überfüllten Gefängnissen: „Es ist nicht möglich, die gegenwärtig hohe Zahl von Festnahmen noch länger beizubehalten.“

Besonders tragisch war das auf Fotos dokumentierte, qualvolle Sterben des 18-jährigen Bauarbeiters Peter Fechter am 17. August 1962, der beim Versuch, die Sperranlagen zu überwinden, angeschossen wurde und im Grenzstreifen hilflos verblutete, weil ihm von keiner Seite Hilfe geleistet wurde. Bis zum 9. November 1989 sollte das militärisch bewachte Bollwerk gegen die eigene Bevölkerung geschlossen bleiben. Trotzdem registrierte die West-Berliner Polizei in 28 Jahren 5075 gelungene Fluchtversuche.

Die ganz West-Berlin umschließenden Sperren wurden im Laufe der Zeit zu „beton- und stahlbewehrten Festungen“, wie der Potsdamer Mauer-Experte Hans-Hermann Hertle es formuliert, und hatten eine Länge von 155 Kilometer (siehe Grafik). Schnell wurde der später 15 bis 150 Meter breite Todesstreifen im Schatten der Sperranlagen perfektioniert. Die „Republikflucht“ verhinderten neben der eigentlichen Mauer (bis vier Meter hoch, zehn Zentimeter dick und mit Rohrauflage, um beim Übersteigen den Halt zu erschweren) oder an anderen Stellen ein engmaschiger Metallgitterzaun ein Kfz-Sperrgraben, Alarmdrähte, eine Laufanlage für Kettenhunde, Beobachtungstürme, Erdbunker, taghelles Scheinwerferlicht mit günstigen Sicht- und Lichtverhältnissen für die Grenzer, ein geharkter Kontrollstreifen und ein zweiter Grenzsignalzaun.

Mit der fast vollkommenen Undurchlässigkeit der Grenzanlagen begann die Phase der Fluchttunnel. Dabei kam es in Folge von Verrat zu Erschießungen oder Verhaftungen. Aber es gab auch glückliche Fälle: Durch einen Stollen mit der stattlichen Höhe von 1,75 Meter entkamen vor allem Senioren. Und 57 Menschen schafften es durch den „Tunnel 57“ (siehe Interview links). Buchstäblich keine Grenzen waren der Fantasie bei spektakulären Fluchtaktionen gesetzt – etwa mit einem gestohlenen und in der Mauer stecken gebliebenen Schützenpanzer, zu sechst versteckt in hölzernen Kabelrollen, in einer 18 Tonnen schweren Planierraupe, mit einem einmotorigen Flugzeug unterhalb der Radarkontrollen oder mit einem an einer Hotelrezeption gestohlenen dänischen Pass. Ein Entkommen aus der DDR in einem Bus scheiterte hingegen im Kugelhagel.

Die an der innerdeutschen Grenze ab 1972 installierten Selbstschussanlagen gab es in Berlin nicht. Aber noch bis in die 80er-Jahre wurden die Grenzsoldaten, obwohl es formal einen verpflichtenden Schießbefehl nicht gab, täglich mit der Aufforderung in den Dienst geschickt: „Grenzverletzer sind festzunehmen oder zu vernichten.“ Erst acht Monate vor dem Mauerfall stoppte SED-Chef Honecker diese tödliche Praxis. Die exakte Zahl der Todesopfer an der Berliner Mauer ist unter Forschern umstritten, mindestens starben 136 Bürger an den Sperranlagen. Der letzte war Winfried Freudenberg, der im März 1989 mit einem Ballon tödlich verunglückte.

Noch im Januar 1989 sagte SED-Parteichef Erich Honecker: „Die Mauer wird so lange bleiben, wie die Bedingungen nicht geändert werden, die zu ihrer Errichtung geführt haben. Sie wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben.“ Der 9. November 1989 belehrte ihn dann eines Besseren.

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