Autorin Amelie Fried im tz-Interview

70 Jahre Auschwitz-Befreiung: "Ein herausragendes Datum"

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Amelie Fried.

München - Am Dienstag vor 70 Jahren wurde das KZ Auschwitz befreit. Autorin Amelie Fried erklärt im tz-Interview, warum wir die Erinnerung auf keinen Fall verblassen darf.

Frau Fried, heute jährt sich zum 70. Mal die Befreiung des KZ Auschwitz. Mit welchen Gefühlen erleben Sie diesen Tag?

Amelie Fried (56): Für mich ist das ein herausragendes Datum. Und ich bin froh, dass Gedenkfeiern stattfinden und dass in der Politik und in unserer Gesellschaft immer noch die Meinung vorherrscht, dass es wichtig ist, dieses Tages zu gedenken. Man muss aber aufpassen, dass dieses Gedenken nicht in Routine erstarrt und nur noch das Abfeiern irgendeiner Pflicht ist, sondern dass es immer wieder mit neuen Inhalten und neuen Gedanken gefüllt wird.

58 Prozent der Deutschen sind nach einer aktuellen Umfrage der Bertelsmann-Stiftung aber der Meinung, man solle einen Schlussstrich unter den Holocaust ziehen…

Fried: Man kann keinen Schlussstrich unter die eigene Geschichte ziehen. Die Nazi-Diktatur und der Holocaust werden immer zu Deutschland und den Deutschen gehören.

Warum ist es so wichtig, nach wie vor über Auschwitz und über den Holocaust zu reden?

Fried: Weil er ein wesentlicher Teil unserer Geschichte ist, der auch für unsere heutige Identität eine Rolle spielt. Alles, was wir heute sind, eine funktionierende Demokratie mit Meinungsfreiheit und einem hohen Bewusstsein für Diskriminierung, das sind wir auch, weil dieser anderer Teil unserer Geschichte stattgefunden hat. Durch die vielen Jahre der kritischen Aufarbeitung ist ein Bewusstsein entstanden, etwas sehr Kostbares zu haben: unsere heutige Zivilgesellschaft.

Wie erreichen wir mit diesem Thema die junge Generation?

Fried: Ich habe dafür kein Patentrezept. Es nutzt auf jeden Fall nichts, Jugendlichen mit der Moralkeule zu kommen und ihnen irgendwelche Schuldgefühle zu machen. Man muss ihr Interesse wecken. Und das kann man nur, wenn man selbst Interesse hat.

Das heißt?

Fried: Gedenkarbeit funktioniert ganz stark über Personalisierung. Wer einmal Max Mannheimer (Auschwitz-Überlebender aus München, siehe linke Seite, Anm. d. Red.) erlebt hat, der bekommt einen völlig anderen Zugang zu dieser Thematik als wenn er im Geschichtsunterricht nur abstrakte Zahlen und Fakten lernt. Wir müssen also fragen, fragen, fragen, solange wir noch fragen können, solange die Zeitzeugen noch leben.

Auschwitz und der Ort Oswiecim: Todeslager und Stadtleben

Auschwitz und der Ort Oswiecim: Todeslager und Stadtleben

Sie haben selbst Familienangehörige in Auschwitz verloren!

Fried: Mein Großonkel und meine Großtante wurden in Auschwitz ermordet. Es sind mindestens zehn Mitglieder der Familie von den Nazis ermordet oder in den Tod getrieben worden. Ich hatte einen Großonkel in Nürnberg, der sich der Deportation entzogen hat, indem er sich mit Haushaltsreiniger das Leben nahm.

Erzählen Sie uns etwas von Ihrem Großonkel und Ihrer Großtante…

Fried: Sie haben erst in der Innenstadt gelebt und sind dann in das „Judenhaus“ in der Frundsbergstraße gezwungen worden. Aus dem Lager in Berg am Laim wurden sie schließlich deportiert.

Es gab einen Transport direkt von München nach Auschwitz, am 13. März 1943. Er umfasste 219 Männer, Frauen und Kinder!

Fried: Auf diesem Transport waren mein Großonkel und meine Großtante.

Wissen Sie etwas über diesen Transport oder die Zeit Ihrer Familienangehörigen in Auschwitz?

Fried: Es gibt eine einzige Quelle, die ich gefunden habe. Mein Großonkel wurde ungefähr ein Jahr, nachdem er in Auschwitz-Birkenau angekommen ist, wegen Brotdiebstahls bestraft, wie es in den Akten heißt. Das heißt, er hat dort gehungert, sonst hätte er nicht gestohlen. Ansonsten habe ich keine weiteren Informationen über den Transport oder die Zeit dort. Aber beide haben das Lager nicht überlebt.

Wie halten Sie denn die Erinnerung an Ihre ermordeten Familienmitglieder wach?

Fried: Ich habe ihre Geschichte vor ein paar Jahren aufgeschrieben (Schuhhaus Pallas – Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte, Heyne-Verlag, 199 Seiten; Anm. d. Red.). Und ich habe für meine drei Verwandten in Nürnberg, ein anderer Großonkel, eine andere Großtante und eine Tante, Stolpersteine verlegen lassen vor deren letzten Wohnort. Es ist ein Trost zu wissen, dass ihre Namen in das Stadtbild zurückgekehrt sind. Das wünsche ich mir auch für meine Vorfahren in München.

Sie engagieren sich seit Jahren für diese Stolpersteine, deren Verlegung in München bislang ja nicht gestattet ist. Was macht für Sie dieses Projekt aus?

Fried: Sie sind eine Form des Gedenkens, die das individuelle Schicksal würdigt. Wenn man in seiner eigenen Stadt, möglicherweise in seiner eigenen Straße und vor seinem eigenen Wohnhaus über diese Steine buchstäblich stolpert, wird sofort das Interesse geweckt, ganz oft bei Kindern und Jugendlichen. Die stellen dann sofort Fragen. Man kann sich dem nicht entziehen.

Spüren Sie 70 Jahre nach Auschwitz und Kriegs­ende wieder Antisemitismus in Deutschland?

Fried: Ich fürchte, Antisemitismus wird wieder salonfähiger. Unter dem Deckmantel der Israel-Kritik gibt es auch eine Menge Antisemitismus. Während des Gaza-Krieges beispielsweise haben mir viele jüdische Freunde gesagt, dass sie es satt haben, sich für die israelische Regierung entschuldigen zu müssen. Und es gibt natürlich auch einen islamischen Antisemitismus.

Was sind die Folgen?

Fried: Auch unter meinen jüdischen Freunden überlegen sich manche, ob sie in Deutschland, in Europa langfristig sicher sind. Dass wir wieder an diesem Punkt sind, das finde ich entsetzlich, das macht mich sehr traurig. Dennoch ist klar: Die ganz große Mehrheit unserer Gesellschaft ist nicht antisemitisch und ist nicht ausländerfeindlich. Das sind anständige Demokraten. Ich habe großes Vertrauen in die große Mehrheit meiner Mitmenschen.

Peter Schiebel

Am Dienstag wird im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz der Opfer des Holocaust gedacht.

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