Bestsellerautor Hamed Abdel-Samad

"Mohamed": Abrechnung mit dem Propheten

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Mohamed hat all das getan, was der IS heute im Irak und Syrien macht, sagt der Autor.

München - Gerade mal zwei Wochen auf dem Markt, ist das aktuelle Buch von Hamed Abdel-Samad auf Platz eins der Spiegel-Bestsellerliste. Es hat dem deutsch-ägyptischen Politologen eine Fatwa eingebracht.

In "Mohamed", seinem dritten Buch über den Islam, befasst sich der 43-Jährige mit dem Religionsgründer selbst. Der Prophet wurde etwa 570 in Mekka geboren und ist 632 in Medina gestorben. Im Koran ist nach dem Glauben der Muslime das Wort Gottes niedergelegt, so wie es Mohamed offenbart und von ihm umgesetzt wurde.

Dass Extremisten unter den Muslimen rabiat reagieren können, erfuhr der Autor am eigenen Leib: Nach seinem islamkritischen Vortrag in Kairo sprach eine Gruppe eine Fatwa gegen Abdel-Samad aus, rief also zum Mord an ihm auf.

Zum Widerspruch reizt Abdel-Samad aber auch Islamwissenschaftler. So zitiert der Focus Mouhanad Khorchide, Professor für islamische Religionspädagogik am Centrum für Religiöse Studien (CRS) der Universität Münster: Würden Abdel-Samads Thesen stimmen, würde sich die Mehrheit der Muslime mit der Terrormiliz IS identifizieren. „Das ist aber gerade nicht der Fall.“

Die tz sprach mit Abdel-Samad über Mohamed:

Herr Abdel-Samad, warum war es Ihnen ein Anliegen, mit dem Propheten Mohamed abzurechnen?

Hamed Abdel-Samad.

Hamed Abdel-Samad, Politologe und Autor: Ich schreibe seit Jahren islamkritische Bücher und lege die Schichten der islamischen Diktatur frei. Begonnen habe ich 2010 mit dem Untergang der islamischen Welt, darin habe ich den Zerfallsprozess der islamischen Gesellschaft von heute behandelt. Als ich darauf hinwies, dass Europa eine große Flüchtlingswelle bevorsteht, hat man mich Panikmacher genannt. Im Buch Islamischer Faschismus befasste ich mich 2014 mit dem Islamismus und seinen Wurzeln. Mit Mohamed kommt jetzt das Herzstück: Offenbar haben sich alle damit abgefunden, dass Mohamed unantastbar ist, dass man ihn nicht kritisieren, ihn nicht einmal zeichnen darf. Strenggläubige Muslime und die Islamisten diktieren das. Ich sehe aber nicht ein, dass ich mich daran halten muss. Jede Person, ob lebend oder historisch, kann kritisiert werden, kann kritisch beleuchtet oder auch satirisch durch den Kakao gezogen werden. Was für den Papst, Jesus und die Kanzlerin gilt, muss auch für Mohamed gelten.

Sie finden bei Mohamed vieles, was kritisch zu bemerken ist.

Abdel-Samad: Richtig. Er hat all das getan, was die Terrormiliz IS heute im Irak und in Syrien macht. Eroberungskriege, Versklavung, Frauen als Kriegsbeute, Enthauptung von Gefangenen. So viele Menschen müssen immer noch sterben, weil Mohamed als Vorbild genommen wird.

Man hört oft, der IS interpretiere den Koran falsch, Sie aber sagen: Das stimmt gar nicht.

Abdel-Samad: Der IS setzt um, was in den Texten steht. Es ist aber Unfug zu sagen, der IS habe mit dem Islam nichts zu tun – und es ist gefährlich. Es würde bedeuten, man kann den Islam weiter so lehren wie bisher – in Schulen und in Moscheen. Es gibt Teile des Islam, die eine direkte Legitimation für den Terror sind, und davon muss man sich ablösen. Das kann man nur, indem man eine ehrliche, historisch kritische Betrachtung des Textes und des Propheten startet.

Fürchten Sie nicht, mit Ihrem Buch alle Muslime zu verprellen, wenn Sie ihnen vorwerfen, Anhänger eines Massenmörders, Kinderschänders und kranken Tyrannen zu sein?

Abdel-Samad: Ich will niemanden verprellen. Ich bin Forscher und Schriftsteller und habe das Recht, meine Themen und meine Herangehensweise auszusuchen, wie ich es will. Und die Sprache zu benutzen, die meine ist. Ich behaupte ja nicht, dass jeder Moslem ein Terrorist ist, um Gottes Willen! Die Mehrheit ist friedlich, weil sie entweder die Texte relativiert – oder sie nicht kennt. Aber ja, es mag sein, dass dieses Buch manche Gefühle kränken könnte – aber wir können nicht ewig Geiseln dieser Kränkung sein.

Diese Kränkung hat schon einmal in einer Fatwa gegen Sie resultiert. 

Abdel-Samad: Gerade deshalb sollte die Frage nicht sein, ob ich Angst habe, die Gefühle von Muslimen zu verletzen – davon ist noch keiner gestorben! Aber alle, die den Islam kritisieren, leben mit dieser Gefahr. Gerade deshalb ist so eine Abrechnung längst überfällig.

Wie könnte ein zeitgemäßer Islam aussehen?

Abdel-Samad: Ein Islam, der privat gelebt wird. Man kann beten, fasten, zu Hause seine Rituale verrichten, aber ohne politische Ansprüche, ohne Veränderung der Gesellschaftsordnung und ohne Dschihad, ohne Scharia, ohne Missionierung. Die politische und die juristische Seite sollte weggeworfen und nur die spirituelle Seite des Islam sollte ausgelebt werden, sie kann durchaus vielen Menschen Trost spenden. Ich will ja nicht, dass die Menschen Atheisten werden.

Welche Haltung würden Sie dem deutschen Staat gegenüber den Tausenden muslimischen Flüchtlingen empfehlen, die hier eine neue Heimat suchen? 

Abdel-Samad: Ihnen muss man schon an der Tür sagen, dass hier unsere Regeln befolgt und unsere Werte geachtet werden müssen. Das ist keine Ausgrenzung und kein Rassismus, sondern eine Hilfestellung für diese Menschen. So können sie nicht irgendwann in eine religiöse Verwahrlosung oder in die Hände von Salafisten oder der verschiedenen Islamverbände geraten. Es muss den Neuankömmlingen klipp und klar gemacht werden, wie diese Gesellschaft funktioniert – und dass der, der diese Regeln nicht einhalten will, nicht willkommen ist.

Wie kommt es bei Ihnen an, dass eine rechte Organisation wie die AfD Gefallen an Ihren Büchern findet?

Abdel-Samad: Wo steht es, dass die AfD eine rechte Organisation ist? Das ist eine demokratische politische Partei, mit der ich viele Kontroversen habe. Es ist nicht meine Partei, ich wähle sie nicht. Mir ist aber keine einzige rassistische Aussage von einem Parteivorstand oder einem Funktionär der AfD bekannt. Ich bin für eine freie Diskussionskultur, in der man mit allen redet.

„Mohamed, Eine Abrechnung“, von Hamed Abdel-Samad, Droemer Verlag, 19,90 €

Int.: Barbara Wimmer

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