Ägypten-Korrespondent im tz-Interview

"Schlimmer als in unseren schlimmsten Befürchtungen"

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Rauch bei der Räumung eines Camps

Kairo - Ägypten erlebt die finstersten Tage seiner jüngsten Geschichte. Die tz hat mit ORF-Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary über die Lage im Land gesprochen.

Die Polizei hat zwei Protestcamps der Muslimbrüder in Kairo mit brutaler Gewalt geräumt. In den Moscheen und Polizeistationen liegen Dutzende Leichen – mindestens 520 sind bei den Kämpfen im ganzen Land gestorben. Zugleich rüsten sich die Sicherheitskräfte gegen neue Massenproteste.

Die Militärregierung hatte am Mittwoch den Notstand ausgerufen und eine nächtliche Ausgangssperre verhängt. Vize-Präsident und Friedensnobelpreisträger Mohammed ElBaradei ist aus Protest gegen das brutale Vorgehen von seinem Amt zurückgetreten. Die tz hat mit ORF-Nahost-Korrespondent Karim El-Gawhary über die Lage im Land gesprochen:

Wie sind Ihre Eindrücke von den Ereignissen in Ägypten?

Karim El-Gawhary, ORF-Korrespondent in Kairo und Autor („Tagebuch der arabischen Revolution“): Das war ein brutaler Tag, viel schlimmer als in unseren schlimmsten Befürchtungen. Solche Aktionen der ägyptischen Polizei bekommen immer ihre Eigendynamik. Das Gesundheitsministerium zählt 460 Tote, die Muslimbrüder sprechen von über 2000 Toten – die Wahrheit in dem Propagandakrieg wird dazwischen liegen.

Haben Sie so etwas in Ägypten schon erlebt?

El-Gawhary: Nein, das ist eine neue Dimension und eine politische Katastrophe: Man hat ein Problem von der Straße geräumt und sich dadurch 100 neue Probleme geschaffen. Jetzt ist es noch mal schwieriger geworden, die Gräben in diesem ohnehin schon polarisierten Land wieder zuzuschütten.

Welche Positionen prallen da aufeinander?

El-Gawhary: Im Kern der Auseinandersetzung steht die Frage der Legitimität. Die Muslimbrüder sehen Mursi als den legitim gewählten Präsidenten, die andere Seite sagt, sie sei mit so vielen Millionen Menschen auf die Straße gegangen und habe Mursi mit Hilfe des Militärs auf legitime Art und Weise entfernt. Da ist ein Mittelweg schwierig.

Welche Möglichkeiten sehen Sie da überhaupt noch?

El-Gawhary: Es scheint keine Alternative zu einigen Tagen mit weiteren Eskalationen zu geben. Dann besteht Hoffnung auf politische Initiativen – aber das wird schwierig. Wir haben mit dem einen Jahr Mursi gelernt, dass dieses Land nicht allein von den Muslimbrüdern regiert werden kann. Jetzt stecken wir in der zweiten Lektion. Die lautet: Das Land kann auch nicht ganz ohne die Muslimbrüder regiert werden. Das ist leider Gottes eine sehr blutige Lektion.

Wo sind die Demonstranten, die gegen Mubarak demonstriert haben und für ein neues Ägypten standen?

El-Gawhary: Die finden wir auf allen Seiten. Bei den Liberalen, die sich direkt hinter den Putsch gestellt haben. Sie haben gehofft, dass dadurch ihr politischer Gegner ausgeschaltet wird – egal mit welchen Mitteln. Und sie befinden sich auch unter den Pro-Mursi-Demons-tranten, gerade die jungen Muslimbrüder waren Teil des Aufstands gegen Mubarak. Damals standen sie gemeinsam auf dem Tahrir-Platz, heute bekämpfen sie sich. Und dann gibt es noch eine kleine Alternative, die sich „Der Dritte Platz“ nennt. Die wollen weder die Muslimbrüder noch die Militärs.

Droht ein Bürgerkrieg?

El-Gawhary: Das ist ein sehr großes Wort. Die Dinge können aber für eine Weile außer Kontrolle geraten und wir werden eine Radikalisierung gerade der jüngeren Muslimbrüder erleben. Deren Erfahrungen mit der Demokratie: ein Militärputsch und die brutale Räumung ihres Protestcamps. Das wird sich mittel- und langfristig noch als sehr großes Problem erweisen.

Wie ist die Stimmung in Kairo auf der Straße?

El-Gawhary: Relativ ruhig, die Menschen machen sich Sorgen und bleiben lieber zu Hause. Während wir sprechen, fangen die Mittagsgebete an, das ist traditionell auch der Beginn der Beerdigungen. Wir haben Hunderte Leute, die beerdigt werden müssen – da kann noch mal einiges emotional hochkochen. Und wir haben die Muslimbrüder, die ihre Anhänger aufgerufen haben, auf die Straße zu gehen.

Interview: Marc Kniepkamp

Das müssen Ägypten-Touristen wissen

Das Auswärtige Amt rät derzeit dringend von Reisen in große Teile des Landes ab. Das gilt auch für die Touristenzentren in Oberägypten (Luxor und Assuan) sowie für Nilkreuzfahrten. Nicht betroffen sind die Urlaubsregionen am Roten Meer auf der Festlandseite Ägyptens und auf dem Sinai im Küstenstreifen zwischen Scharm el Scheich und Nuweiba. Allerdings ist bei Zusammenstößen in Hurghada nach Angaben aus Sicherheitskreisen ein Mensch ums Leben gekommen. Laut Reiserechtler Paul Degott können Touristen einen für die kommenden zwei Wochen geplanten Urlaub derzeit kostenlos absagen. „In so einer Situation kann man niemandem mehr zumuten, dass er noch in Ägypten Urlaub macht“, sagt Degott. Sagen Touristen jetzt eine für den Winter oder Herbst geplante Ägyptenreise ab, müssen sie aber mit Stornierungskosten rechnen.

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