tz beantwortet die wichtigsten Fragen

Ägypten: Schlagen die Islamisten zurück?

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Mit einer Burka voll verschleierte Frauen vor Soldaten in Ägyptens Hauptstadt Kairo.

München - Ägypten erlebt seine zweite Revolution binnen zwei Jahren! Was bedeutet der Militärputsch für Ägypten? Und wie gefährlich ist es für Touristen, jetzt an den Nil zu reisen? Die tz beantwortet die wichtigsten Fragen.

Werden die Militärs die Macht wieder abgeben, die sie nun an sich gerissen haben?

Ägyptische Politikwissenschaftler glauben den Beteuerungen der Militärführung, dass die Armee nicht unmittelbar die Macht übernehmen wolle, sondern nur für einen geordneten Übergang sorgen will. Da die Armee große Teile der ägyptischen Wirtschaft kontrolliert, will sie vor allem stabile Zustände – die sind gut fürs Geschäft.

Werden die Muslimbrüder mit Gewalt zurückschlagen?

Auch wenn die Armee am Donnerstag die Führer der Muslimbrüder, Saad al-Katatni und Raschad Bajumi festnahm, 300 weitere führende Muslimbrüder zur Fahndung ausschrieb und deren TV-Sender abschaltete: Ein hartes Vorgehen allein reicht nicht, um einen Bürgerkrieg oder islamistischen Terror wie im Irak zu verhindern. Stephan Roll, Ägypten-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin, meinte, der Weg zu einem politisch stabilen Ägypten könne nur gemeinsam mit der Muslimbruderschaft gelingen. Entscheidend sei, die Muslimbrüder und ihre Anhängerschaft dazu zu bringen, sich nicht vom politischen Prozess abzuwenden.

Ägypten: Tote bei Straßenkämpfen

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Was bedeutet der Putsch gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Mursi für dessen Wähler?

Viele von ihnen werden nun in ihren ohnehin bestehenden Zweifeln an der Demokratie bestätigt. Das könnte Extremisten in der Meinung bestärken, dass ihr Traum eines islamischen Staates nur mit Gewalt zu verwirklichen sei.

Warum halten die Mursi-Gegner den Sturz für legitim?

Weil Mursi die Demokratie nach seiner Machtübernahme weitgehend ausgehebelt hatte. Er hatte alle Schlüsselpositionen mit Muslimbrüdern besetzt und die neue Verfassung unter Missachtung der koptischen Christen und säkularen Ägypter durchgepeitscht. Das Verfassungsgericht machte er mundtot und erklärte sich selbst für juristisch unangreifbar. Gewählt werden durfte nur am Geburtsort – ein Nachteil für säkulare Ägypter, die zum Beispiel in der Tourismusindustrie arbeiten und sich die Reise in die Heimat zum Wählen nicht leisten können.

Wie reagiert die Wirtschaft?

Mit einem Kursfeuerwerk an der Kairoer Börse! Der ägyptische Aktienindex EGX 30 sprang um 7,4 Prozent hoch. Das ist der größte Kursanstieg seit dem 25. Juni 2012, dem ersten Handelstag, nachdem Mursi ins höchste Staatsamt gewählt worden war. Der Niedergang der ägyptischen Wirtschaft, auch wegen der Feindschaft der Islamisten gegenüber dem für das Land so wichtigen Tourismus, waren Hauptursachen der Anti-Mursi-Proteste.

Demonstranten fordern Rücktritt von Ägyptens Präsident Mursi

Demonstranten fordern Rücktritt von Ägyptens Präsident Mursi

Und wie reagieren die USA?

Präsident Obama will die milliardenschwere US-Hilfe für Ägypten auf den Prüfstand stellen. Als Putsch bezeichnete er das Geschehen in Ägypten nicht. Nach US-Recht muss die Regierung ihre Hilfen für ein Land aussetzen, in dem ein gewählter Führer durch einen Militärputsch abgesetzt wird.

Wie gefährlich ist Ägypten jetzt für Urlauber?

Von Tagesausflügen und Trips nach Kairo und Alexandria rät das Auswärtige Amt in Berlin ab. Deutsche, die bereits dort sind, sollten sich gut überlegen, ob sie bleiben wollen. Ein Transitaufenthalt am Hauptstadtflughafen sei aber unbedenklich. „Der Flughafen funktioniert normal und ist gut gesichert“, teilt die Behörde in ihren Reisehinweisen für Ägypten mit. Reisen in die Urlaubsgebiete am Roten Meer , die Touristenzentren in Oberägypten wie Luxor oder Assuan sowie Nilkreuzfahrten sind laut Auswärtigem Amt nicht gefährlich.

Was bedeutet der Machtwechsel für den Münchner Autor Hamed Abdel Samad?

„Auch Assem Abdel-Maged, der den Mordaufruf gegen mich machte, wurde verhaftet. Jetzt holen wir unser Ägypten zurück!“, schrieb der mit einer Fatwa belegte Islamisten-Kritiker aus München am Donnerstag auf seiner Facebook-Seite.

tz

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