"Alternative für Deutschland"

D-Mark-Rückkehr: Was steckt hinter der Partei?

Berlin - "Alternative für Deutschland" regt eine Rückkehr zur D-Mark an. Die tz sprach mit der Expertin Prof. Ursula Münch über die Protestpartei.

Alternative für Deutschland? Noch vor wenigen Monaten wusste kaum jemand etwas mit diesem Begriff anzufangen. Jetzt bekennt fast jeder vierte Wähler, dass er sich vorstellen könnte, der euroskeptischen Partei, die sich mit diesem Namen versehen hat, seine Stimme zu geben! Das ergab eine Studie von Infratest dimap, die von der Welt am Sonntag in Auftrag gegeben wurde. Sieben Prozent antworteten mit „Ja, sicher“ und 17 Prozent mit „Ja, vielleicht“, wobei das Potenzial in Ostdeutschland größer ist als im Westen. In den Medien wird die rasant wachsende Bewegung, die seit September 2012 aktiv ist, als „Anti-­Euro-Partei“ beschrieben: Sie fordert „die geordnete Auflösung des Euro-Währungsgebietes“ und die Rückkehr zur D-Mark.

Nach der Gründung verschiedener Landesverbände steht am 14. April die Konstituierung des Bundesverbandes an. Die Partei besteht hauptsächlich aus Ökonomie-Professoren. Der bekannteste Name im Mitgliedsregister ist wohl Hans-Olaf Henkel, Ex-Chef des Bundesverbandes der Industrie (BDI) – er hatte sich für einen „Nord-Euro“ stark gemacht. Davon ist nicht mehr die Rede. Parteigründer Bernd Lucke plädiert hingegen für „Parallelwährungen“ in Krisenländern.

Die tz sprach mit der Parteien­expertin Prof. Ursula Münch über die AfD.

Ist die Alternative für Deutschland tatsächlich eine? Hat die AfD wirklich ein Potenzial von 24 Prozent?

Prof. Ursula Münch: Parteienexpertin und Direktorin der Akademie für Politische Bildung Tutzing: Diese Aussage ist mit größter Vorsicht zu genießen. Allerdings zeigt die Erhebung, dass die Wählerflexibilität deutlich zugenommen hat.

Für welche Wählergruppen könnte die AfD attraktiv sein?

Münch: Von der Programmatik her scheint sie eine große Gruppe anzusprechen. Es gibt aber einen Widerspruch: Einerseits sehen wir eine inzwischen weit verbreitete Skepsis gegenüber dem Euro, aber gleichzeitig ein großes Vertrauen in die Bundeskanzlerin. Eine Wechselstimmung ist nicht spürbar, und den ganz großen Verdruss, dass einen diese Eurokrise im eigenen Geldbeutel oder durch den Verlust des Arbeitsplatzes trifft, sehe ich auch nicht.

Die AfD hat ganz drastische Vorschläge parat: zurück zur D-Mark oder Parallel-Währungen in Krisenländern. Macht das nicht eher Angst?

Münch: Es deckt sich zunächst aber mit dem Bauch-Gefühl vieler Menschen. Der allergrößte Teil der Bundesdeutschen versteht die Eurorettung nicht, versteht die Ursachen der Krise nicht. Wenn die Diagnosen unverständlich sind, müssen die Rezepte dagegen nicht verständlicher sein.

Kann die AfD 5 Prozent bei der Bundestagswahl erreichen?

Münch: Ich wage zu bezweifeln, dass eine relevante Zahl von Wählern eine Professorenpartei wählt – die AfD besteht ja hauptsächlich aus alten, zugegebenermaßen klugen, Männern. Und: Es ist wieder mal eine Partei, die zunächst nur einen Programmpunkt hat.

Das soll geändert werden.

Münch: Dann wird genau das passieren, was man bei den Piraten gesehen hat und was man bei Parteigründungen immer beobachten kann: Sobald man sich auf verschiedenen Feldern programmatisch positioniert, kommt Streit und Uneinigkeit.

Die Piraten sind wieder im Sinkflug. Hat die AfD ein besseres Timing, relativ früh in einem Superwahljahr?

Münch: So gut ist das Timing nicht. Es wird nämlich schwierig sein, in der Kürze der Zeit genügend fähige und präsentable Kandidaten aufzustellen. Das wird nicht ganz einfach, die AfD kann ja nicht nur Professoren aufstellen, da würde der Partei schnell das Elitäre anhaften. Schon einmal hat sich ein kluger Mann – Professor Paul Kirchhof – in der deutschen Medienlandschaft politisch nicht halten können. Was der AfD auf jeden Fall noch fehlt, ist ein Kopf, der die Leute nicht professoral, sondern emotional mitnimmt.

Für welche anderen Parteien kann die AfD gefährlich werden?

Münch: Für die Unionsparteien und vor allem für die FDP ist es tatsächlich eine Bedrohung, auch wenn die AfD nur wenige Prozentpunkte einfährt. Ich sehe die AfD eher im Mitte-Rechts-Lager, aber bei diesem einen Programmpunkt haben sie auch bei der SPD ein Abschöpfungspotenzial, sogar bei den Linken. Die Freien Wähler haben auf Bundesebene ohnehin keinen Erfolg – aber in Bayern können sie nur hoffen, dass die AfD bei den Landtagswahlen tatsächlich nicht antreten wird. Wäre das der Fall, könnten durchaus auch den FW Prozentpunkte abhanden kommen – immerhin kann die AfD mit wirtschaftspolitischem Sachverstand punkten.

Wie erklärt man das Phänomen AfD?

Münch: Tatsächlich hat wieder ein diffuses Gefühl in der Bevölkerung innerhalb kurzer Zeit zu einer Parteigründung geführt. Das zeigt: Da ist ein Vakuum im Angebot der Parteien, eine Diskrepanz zwischen dem, was die Parteiführungen bieten an Programmatik und dem, was die Bürger mit ihrem Bauch-, aber auch ihrem Kopfgefühl nachfragen. Eine euroskeptische Partei hatten wir noch nicht. Bei den Piraten hieß das Schlagwort Transparenz. Die Piraten haben sich aber den Herausforderungen des Politikbetriebs nicht gestellt, sondern selbst zerfleischt. Aber auch diese Zustandsbeschreibung ist nicht in Stein gemeißelt.

Interview: Barbara Wimmer

Stichwort

Prof. Bernd Lucke ist Mitgründer der Alternative für Deutschland. Der 50-jährige Professor für Makroökonomie von der Uni Hamburg kandidierte bei der Landtagswahl in Niedersachsen als Vertreter der damaligen „Wahlalternative 2013“ auf der gemeinsamen Liste mit den Freien Wählern. Kurz darauf folgte die Geburt der eigenen Partei AfD. 1200 Interessierte kamen am 11. März zur ersten öffentlichen Versammlung in Oberursel. Heute hat die AfD 7000 Mitglieder – ein enormes Wachstum in kürzester Zeit, zu dem auch frühere Freie Wähler beigetragen haben. Ob die neue Partei zur Landtagswahl in Bayern antritt, scheint noch nicht klar zu sein. Für eine Beteiligung an der Bundestagswahl müssen in jedem Bundesland, in dem sie kandidiert, 2000 Unterschriften gesammelt werden.

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