tz-Interview

Athen stürzt den IWF ins Chaos: Was ein Experte sagt

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Prof. Timo Wollmershäuser, ifo-Institut.

Athen - Die Tatsache, dass Athen die 1,6-Milliarden-Rate nicht beglich, stürzt den IWF ins Chaos. Ein ifo-Experte erklärt gegenüber der tz die Hintergründe.

Erstmals hat ein Industriestaat seine Schulden beim Internationalen Währungsfonds nicht zurückgezahlt! Die Tatsache, dass Athen die 1,6-Milliarden-Rate nicht beglich, stürzt den IWF ins Chaos. Denn Griechenland schuldet dem Fonds 6,2 Milliarden Dollar bis Ende 2015 plus 26 Milliarden Dollar bis Ende 2025. Das ist laut dem Council of Foreign Relations mehr als viermal so viel wie alle überfälligen Schulden in der Geschichte des IWF zusammengerechnet! Ein ifo-Experte erklärt in der tz die Hintergründe.

Woher hat der IWF eigentlich sein Geld?

Prof. Timo Wollmershäuser, ifo-Institut: Der IWF finanziert seine Hilfsmaßnahmen durch die Einlagen seiner derzeit 188 Mitgliedsländer. Deutschland ist seit 1952 Mitglied des IWF.

Das heißt, letztlich haftet auch hier der deutsche Steuerzahler mit?

Wollmershäuser: Ja, selbstverständlich. Allerdings verteilt sich die Last hier auf viele Staaten und viele Schultern. Der Anteil Deutschlands beträgt etwa sechs Prozent.

Es gibt ja viel Kritik am IWF-Grundprinzip, Kredite an bestimmte Einsparungen zu knüpfen. Wie erfolgreich war die IWF-Strategie in der Vergangenheit?

Wollmershäuser: Es gibt zahlreiche Untersuchungen zu dieser Frage – und letztlich ist es umstritten, ob der IWF in von Pleite bedrohten Staaten wirklich fundamentale Veränderungen herbeiführen konnte. Die IWF-Hilfskredite überbrücken eine Krise – ob ein Land fundamental reformiert wird, hängt an den jeweiligen Regierungen.

Warum ist der IWF bei vielen so verhasst?

Wollmershäuser: Der IWF verkörpert neoliberales Denken, das von Linken abgelehnt wird. Letztlich ist entscheidend, dass die Bevölkerung bei den vom IWF geforderten Reformen mitgenommen wird. Die Griechen haben nun eine Regierung gewählt, die schon im Wahlkampf klargestellt hat: Wir wollen die IWF-Forderungen nicht erfüllen.  Das macht einen Kompromiss so schwierig, weil hier zwei Ideologien aufeinandertreffen.

Angesichts der Armut in Griechenland ist es ja verständlich, dass die Griechen Syriza gewählt haben, oder?

Wollmershäuser: In gewisser Weise ja. Aber man muss auch die Seite der Geldgeber sehen, die ihre Kredite zurück wollen. Zudem stellt sich die Frage: Haben die Hilfsgelder, die nach Griechenland gepumpt werden, wirklich geholfen? Und schon vor der Eurokrise erhielt das Land jährlich etwa zwei Prozent des griechischen Bruttoinlandsprodukts aus den Agrar- und Regionalfonds der EU. Wenn die Strukturen nicht passen, bringen solche Unterstützungen eben wenig.

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