"Banal, peinlich und oberflächlich"

Häme wegen Online-Spiels der Staatskanzlei

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Blond und blauäugig: Die Bavaria

München - Neues von Medienminister Thomas Kreuzer: Ein Online-Spiel soll junge Leute für Bayern begeistern. Im Internet gibt es Spott und Häme, doch die Staatskanzlei ist begeistert.

Blond und blauäugig – das ist die virtuelle Bavaria. Gewandet ist die liebreizende Patronin in eine weiß-blaue Toga, sie soll jungen Computerspiel-Fans den Kopf verdrehen. „Willst Du mein Held sein?“, fragt sie vertrauensselig. Dann macht sich der Spieler auf die Jagd nach Diamanten. Wer besonders große findet, bekommt als Belohnung Weisheiten der Staatsregierung serviert, etwa dass sie 8209 Lehrerstellen geschaffen hat. Irgendwann taucht ein Löwe auf, an dem der Spieler sich vorbei ins Land der Bayern manövrieren muss, man darf ein Pumpspeicherkraftwerk auf einen Berg setzen, dessen Umrisse an eine WC-Schüssel erinnern – und am Schluss wird die Bayern-Fahne erreicht. Willkommen im Freistaat, willkommen auf der „ewigen Liste der Heldinnen und Helden Bayerns“. Willkommen im Klischee-Paradies.

Ein Video vom Spiel finden Sie hier

Die bayerische Staatskanzlei hat sich die Entwicklung eines regierungsamtlichen Computerspiels einiges kosten lassen – von 100 000 Euro ist die Rede. Die SPD im Landtag verlangt Aufklärung. Staatskanzlei-Sprecher Thomas Glossner will die Zahl nicht bestätigen. „Der Zuschlag erfolgte an den wirtschaftlichsten Anbieter“, sagt er. Natürlich habe alles seine Ordnung. Die Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit, die dem Staatskanzlei- und Medienminister Thomas Kreuzer untersteht, hat das Projekt genehmigt, eine Ausschreibung ist erfolgt, durchgesetzt hat sich der Kölner Spieleentwickler „takomat“, der den Auftrag – wie auch anders - einfach nur "geil" fand.

Ähnlicher Meinung muss der meist eher knochentrocken wirkende Minister Kreuzer gewesen sein. Er besuchte Mitte August extra Europas größte Messe für Computerspiele, die Kölner „gamescom“. Zwischen all den Ballerspielen wie „Counterstrike“ oder „Call of duty“ fand sich auch ein Platzerl für das brave „Aufbruch Bayern online“. Aufbruch Bayern, das ist die Zukunftskampagne der Staatsregierung.

„Für uns ist das Spiel ein neuer Baustein unserer Öffentlichkeitsarbeit“, rechtfertigt Sprecher Glossner. Das Spiel stehe auf den Ständen der Staatsregierung, demnächst etwa auf der Nürnberger Consumenta, zur Verfügung.

Die bayerische Staatskanzlei hat "Aufbruch Bayern" in Auftrag gegeben und erntet dafür den Spott der Internetgemeinde

Die Resonanz sei „sehr gut“. Seltsam nur, dass die meisten Kommentare im Internet Häme verbreiten. „Geht’s noch peinlicher?“, fragt einer, „unglaublich“, urteilt ein anderer. Im Magazin „Vice“ lästerte ein Spiele-Kritiker, „Aufbruch Bayern“ sei das „mit Abstand schlechteste Browsergame“ seit der Erfindung des Computers – rein fachlich betrachtet. Es gebe keine verschiedenen Spiel-Level, die Spielwelt ist stark begrenzt. Kreativität? Fehlanzeige.

„Keiner sagt, das sei die ultimative Offenbarung“, antwortet der Staatskanzlei-Sprecher auf solche Kritik. „Aber wir haben das ja auch nicht für Profi-Spieler gemacht.“

Unter diesem Link können Sie sich selber ein Bild von dem Spiel machen.

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Von Dirk Walter und Patrick Wehner

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