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Gefährlicher Transport: Kann Wasserstoff aus Australien eine Alternative für Öl und Gas sein?

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Robert Habeck (Die Grünen) möchte die Entwicklung von mit Solarenergie produziertem Wasserstoff vorantreiben.
Robert Habeck (Die Grünen) möchte die Entwicklung von mit Solarenergie produziertem Wasserstoff vorantreiben. © Bernd von Jutrczenka//dpa/Ina Fassbender/afp (Montage)

Der Deal zwischen Australien und Deutschland liegt bei einer Entfernung von 16.000 Kilometern nicht wirklich „nahe“. Doch die Distanz ist nicht das größte Problem.

Brisbane – Der Stoff ist so alt wie das Meer, das Abkommen noch recht grün hinter den Ohren. Umweltfreundlicher Wasserstoff aus Australien soll Deutschlands Abhängigkeit von russischem Öl und Gas im eskalierten Ukraine-Konflikt verringern und gilt als wichtiger Baustein für das Erreichen der Klimaziele. Zuletzt gaben auch die EU-Wettbewerbshüter grünes Licht für die milliardenschwere Wasserstoff-Förderung zur Unterstützung der Energiewende.

Erste Ergebnisse der Machbarkeitsstudie „HySupply” im Auftrag beider Länder liegen nun vor. „Zusammengefasst lässt sich bislang festhalten, dass die geografische Distanz zwischen Australien und Deutschland nicht gegen den Aufbau einer Lieferkette für grünen Wasserstoff spricht”, sagt Dr. Gabriele Rose, Geschäftsführerin der Deutsch-Australischen Industrie- und Handelskammer (AHK) in Sydney Merkur.de von IPPEN.MEDIA. Andere Faktoren als die direkten Transportkosten sind laut der Studie sehr viel entscheidender für den Preis und damit für die Marktreife von grünem Wasserstoff für Deutschland. Wasserstoff als Alternative müsse in industriellem Maßstab global verfügbar werden und das zu einem Preis, der mit fossilen Brennstoffen konkurrieren kann.

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Die Herstellung von Wasserstoff ist nichts Neues – er wird seit Langem in der Düngemittelproduktion und der Öl-Raffination verwendet. Wasser wird mittels Elektrolyse in Wasserstoff und Sauerstoff aufgespalten. Bislang war aber die primäre Energiequelle für die Herstellung meist Erdgas, ein fossiler Brennstoff mit hohen CO2-Emissionen. Der Wasserstoff gilt als „grün”, wenn der Strom zur Aufspaltung aus erneuerbaren Energien wie Wind oder Sonne gewonnen wurde.

Hier kommt Australien und sein schier endloses Potenzial an Wind- und Sonnenenergie als Grundlage für billige Energie ins Spiel. Und die Zusammenarbeit mit Deutschland soll der Schlüssel sein, um die neue Technologie zur Marktreife zu bringen.

Australien-Korrespondentin Katharina Loesche

Die Technologie ist vorhanden – es sind die Kosten der erneuerbaren Energien, die die Industrie derzeit zurückhalten. Hier kommt Australien und sein schier endloses Potenzial an Wind- und Sonnenenergie als Grundlage für billige Energie ins Spiel. Und die Zusammenarbeit mit Deutschland soll der Schlüssel sein, um die neue Technologie zur Marktreife zu bringen.

Australien benötigt offiziellen Berechnungen zufolge rund 880 Gigawatt (GW) an neu gebauten Solaranlagen, um vergleichsweise so viel Energie in Form von Wasserstoff zu exportieren wie derzeit in Form von Flüssiggas (LNG). Die Solarzellen würden eine Fläche von rund 10.400 Quadratkilometern abdecken. Das entspricht etwa der Fläche des Libanons oder drei Mal der Fläche Mallorcas. „In australischen Maßstäben ist das etwa die Hälfte der Größe unserer größten Rinderfarm”, erklärt Dr. Alan Finkel, führender Berater der australischen Regierung für emissionsarme Technologien. Australien sei es gewohnt, in überdimensionalen Maßstäben zu denken. Die imposanten Eisenerz-Minen in der abgelegenen Pilbara-Region und die weltweit größte schwimmende Offshore-LNG-Anlage vor der Westküste sind nur zwei Beispiele für die Dimensionen, in denen der riesige Kontinent agieren kann.

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„Da die Kosten für Solar- und Windenergie in den letzten zehn Jahren weltweit um 82 Prozent beziehungsweise 39 Prozent gesunken sind, liegen die Kosten für die Erzeugung von sauberem Wasserstoff heute nur noch um den Faktor drei oder vier unter den Kosten, die erforderlich sind, um mit fossilen Brennstoffen konkurrieren zu können”, sagt Finkel. Er gehe davon aus, dass sich die Lücke schnell schließen wird. Auch die Behörde für wissenschaftliche und industrielle Forschung (CSIRO) prognostiziert bis 2040 durch den technischen Fortschritt einen Rückgang der Kosten für Elektrolyse-Geräte um 83 Prozent. „Hier kann die deutsche Wasserstoff-Technologie zum Einsatz kommen und dabei helfen, die Produktionskosten schnell zu reduzieren”, erklärt Rose von der AHK Sydney.

Bislang will der deutsche Energiekonzern E.ON mit seinem australischen Partner Fortescue Future Industries (FFI) grünen Wasserstoff im großen Stil nach Deutschland bringen, auch die Versorger RWE und Uniper drücken bei dem Thema aufs Tempo. ThyssenKrupp treibt die Entwicklung von Elektrolyse-Anlagen weltweit voran, Siemens Energy und MAN sind in Projekte in Australien eingebunden. „Im Bereich Wasserstoff ist die deutsch-australische Zusammenarbeit eine echte Win-Win-Situation“, sagt Rose. „Australien ist ein zuverlässiger demokratischer Partner mit Jahrzehnten an Erfahrung als Energie-Exportland, und es besteht die Möglichkeit, gleich beim Aufbau der Wasserstoffwirtschaft den Handel mit Europa zu etablieren.” Rechnet man die durch die Bergbauindustrie vorhandene Logistik hinzu, ist Australien mit seinen Häfen für den Export von fossilen Brennstoffen wie Kohle und Flüssiggas (LNG) gut aufgestellt.

Deutschland und Australien als Energiepartner: Schiffslogistik unter Druck

Deutschland und Australien trennen allerdings mehrere Ozeane. „Wir können nicht einfach eine lange Pipeline unter dem Meer bauen. Wir brauchen Schiffe,” sagt Finkel. Die Herausforderung: Wegen seiner extrem geringen Dichte nimmt Wasserstoff in gasförmigem Zustand ein großes Volumen ein. Für den Schiffstransport muss man es daher unter hohen Druck setzen oder es wegen seines Siedepunktes von -252,9 °C stark herunterkühlen. Das ist nicht ohne Risiken. „Wenn Wasserstoff mit der richtigen Menge Sauerstoff reagiert, wird eine gewaltige Energiemenge freigesetzt, die eine Explosion verursacht. Darüber hinaus hat Wasserstoff eine relativ niedrige Verbrennungstemperatur und ist daher leicht entzündlich. Da Wasserstoff außerdem farb- und geruchlos ist, lässt sich ein Leck in einem System nur schwer erkennen. Selbst eine Wasserstoffflamme ist fast unsichtbar und daher schwer zu löschen”, erklärt die Kryo-Firma Demaco.

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Anfang des Jahres schickte Australien erstmals ein mit Flüssigwasserstoff beladenes Schiff Richtung Japan. Ein Meilenstein für den Transport des vielversprechenden Energieträgers, auch wenn die „Suiso Frontier“ mit Diesel angetrieben und der Wasserstoff mit australischer Braunkohle produziert wurde. „Der Wettlauf um die Produktion und den Transport von grünem Wasserstoff im großen Maßstab hat Fahrt aufgenommen”, bescheinigte im März auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grünen). Weitere drei Monate später liegen bei der südkoreanischen Werft Daewoo Shipbuilding & Marine Engineering (DSME) bereits Aufträge für 18 Wasserstoff-Transporter vor. Schätzungen der größten Schiffbauer-Industrie der Welt zufolge könnte die Zahl ab 2040 auf 200 Schiffe mit größerem Fassungsvermögen ansteigen.

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Die Weichen sind gestellt, damit Australien für Deutschland ein „grünes Powerhouse” wird. Experten gehen davon aus, dass der Aufbau einer komplett neuen Wasserstoff-Industrie wesentlich länger dauern wird, als viele der Projektbefürworter es erwarten. Auch wird sie sich wahrscheinlich als weitaus komplexer erweisen als der massive Ausbau des australischen LNG-Sektors in den letzten zehn Jahren, der Australien an die Spitze der weltweit größeren LNG-Produzenten katapultierte. Damit Wasserstoff also eine echte Alternative zu Australiens Kohle- oder LNG-Exporten wird, darf das große Ganze, das „Big Picture“, nicht aus den Augen gelassen werden. Aber der Australier ist es ja gewohnt, in anderen Größenordnungen zu denken. (Katharina Loesche)

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