Ihre erste Aussage im NSU-Prozess

Zschäpe: 249 Tage – und dann nichts als feige Ausreden!

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Beate Zschäpe (40) will am Oberlandesgericht nun auch Fragen der Richter beantworten.

München - Beate Zschäpe bestreitet, dass sie an den Taten beteiligt gewesen war. Dennoch packte sie über ihr Leben und die angeklagten Taten aus. Lesen Sie hier Zschäpes Aussage.

Es waren 90 Minuten, die ihr Leben verändern sollten: Um 9.52 Uhr verlas Verteidiger Mathias Grasel (31) am Mittwoch am Oberlandesgericht die Erklärung für Beate Zschäpe (40). 249 Verhandlungstage lang wartete ganz Deutschland auf die Wahrheit über die zehn Morde, die dem Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zur Last gelegt werden. Am Ende gab es aber nur feige Ausreden: Zschäpe bestreitet, dass sie an den Taten beteiligt gewesen war. Dennoch packte sie über ihr Leben und die angeklagten Taten aus. Lesen Sie Zschäpes Aussage – von ihrer Kindheit bis zur Verhaftung.

Beate Zschäpe: Kalte Kindheit

Ihren Vater lernte Zschäpe nie kennen, die Mutter ließ sich früh scheiden, um sie kümmerte sich oft die Großmutter. „Als meine Mutter Alkoholikerin wurde, gab es viele Streitigkeiten, sie ließ den Haushalt schleifen.“ Zur Wende wurde sie Mutter. „Sie gab mir kein Geld, deshalb musste ich im Freundeskreis Diebeszähle begehen. So habe ich den Respekt vor ihr verloren“, sagt Zschäpe. 1991 lernt sie Uwe Mundlos kennen, auf dem Spielplatz zur Schnecke in Jena. „Wir grölten nationalsozialistische Lieder.“ Später werden sie ein Paar.

Beate Zschäpe: Komplizen/Beziehungen

Zschäpes Schicksal entschied sich an ihren 19. Geburtstag: Noch mit Mundlos zusammen, lernte sie Uwe Böhnhardt kennen, den sie ihr Leben lang liebte. „Er trug immer Springerstiefel und Bomberjacke“, sagt Zschäpe. Mit ihm veränderte sich auch ihr Freundeskreis hin zum Rechtsextremen. „Wir gingen zu Stammtischen und Konzerten, machten schlechten Erfahrungen mit der Polizei.“ 1995 stellte das Trio schon Bombenattrappen her, danach trennte sich Böhnhardt von Zschäpe. „Eine schmerzvolle Erfahrung“, sagt sie.

Beate Zschäpe: Der Weg in den Terror

Nach einer Hausdurchsuchung bei Uwe Böhnhardt ging Zschäpe mit ihm und Mundlos in den Untergrund. „Beide wollten Geld mit Raubüberfällen machen“, sagt sie. „Ich hatte Angst davor. Aber noch mehr, mich der Polizei zu stellen.“ Bei den Taten sei sie nicht dabei gewesen – weder bei der Planung, noch bei der Durchführung. „Ich erfuhr erst nachher, dass sie eine scharfe Pistole statt Pfefferspray und benutzt hatten. Sie sahen in mir eher eine Belastung als eine Hilfe und hielten mich deshalb aus der Sache raus.“ So sei es angeblich immer abgelaufen. „Wir haben unser Leben verkackt“, sollen Mundlos und Böhnhardt als Motiv genannt haben und wollten auswandern, Zschäpe aber nicht. Sie suchte Hilfe bei Anwalt Hans Günter Eisenecker – der habe ihr aber gesagt, dass sie mit bis zu zehn Jahren Gefängnis rechnen müsse. „Da wusste ich: Es gibt für mich keinen Weg zurück ins bürgerliche Leben.“

Beate Zschäpe: Die Morde

Habil Kilic wurde in seinem Perlacher Gemüseladen erschossen.

Enver Simsek war am 9. September 2000 das erste NSU-Opfer. „Ich wusste von nichts und hatte keinerlei Vorbereitungshandlungen mitbekommen“, behauptet Zschäpe. „Wir haben nicht den ganzen Tag miteinander verbracht und ich hatte nie eine Pistole in der Wohnung gesehen.“ Später sei sie geschockt gewesen. „Ich konnte nicht fassen, was sie getan hatten.“ Auf ihre Frage, warum Mundlos und Böhnhardt einen Menschen getötet hätten, „kamen nur vage Argumente.“ Wieder wollte sie sich angeblich der Polizei stellen, „weil ich das inakzeptabel fand. Aber ich hatte Angst, weil ich jetzt auch in einen Mord verwickelt war. Sie zeigten mir die Waffe, die sie verwendet hatten und übten Druck aus. Da wusste ich, dass es zu spät war, um auszusteigen.“

Zschäpe weiter: „Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Menschen zusammenleben, denen ein Menschenleben nichts bedeutet. Erstmals äußerten sie sich ausländerfeindlich.“ Über den Mord an Habil Kilic in München hätten sich Böhnhardt und Mundlos gebrüstet. „Ich war entsetzt. Danach schwiegen wir uns wochenlang an.“ Ende 2005 hätten beide von weiteren Morden berichtet. „Ich war wie betäubt und von den Taten abgestoßen.“

Nach den Polizisten-Morden sei sie „ausgeflippt“: „Sie taten es, weil sie die Pistolen haben wollten und mit den eigenen unzufrieden waren.“ Mundlos und Böhnhardt habe sie versprechen müssen, die gemeinsame Wohnung in Brand zu stecken und Bekenner- DVDs zu verschicken, wenn sie sterben. „Sie wussten, ich kann mein Wort nicht brechen.“

Beate Zschäpe: Kranke Gefühlswelt

„Die beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie. Ich hatte große Angst, sie würden nicht zurückkehren“, sagt Zschäpe über Mundlos und Böhnhardt. „Sie waren meine Familie. Ich hatte Angst vor dem Gefängnis, aber noch mehr davor, dass sie umbringen. Aus diesem emotionalem Dilemma fand ich keinen Ausweg.“ Schließlich habe sie sich ihrem „Schicksal ergeben“. Zschäpe: „Heute muss ich mir eingestehen, dass ich mit zwei Männern zusammengelebt habe, die zuvorkommend, tierlieb und hilfsbereit waren. Aber auch mit unfassbarer Gefühlskälte getötet haben.“

Beate Zschäpe: Das Ende

Der 4.11.2011: Mundlos und Böhnhardt nahmen sich im Wohnmobil das Leben.

„Vier Jahre passierte nichts. Bis 2011“, so Zschäpe. Mundlos und Böhnhardt seien am 4. November losgefahren. „Im Radio hörte ich von einem brennenden Wohnmobil. Ich wusste sofort, dass es die beiden sind. Es war der Tag gekommen, vor dem ich mich gefürchtet hatte.“ Ihr Gedanke: „Ich wollte ihren letzten Willen erfüllen.“ Ihre Nachbarin wollte sie noch warnen, „notfalls mit sanfter Gewalt. Dann schüttete ich das Benzin aus.“ Von weitem habe sie gesehen, wie das Haus unter den Flammen einstürzte. „Das war mir egal, ich wollte die Beweise vernichten und dachte nur noch, jetzt bin ich alleine und völlig verloren.“ Vier Tage lang fuhr Zschäpe mit der Bahn durch Deutschland, danach stellte sie sich der Polizei. Gestern ließ sie erklären: „Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern für die von Böhnhardt und Mundlos begangenen Taten. Ich fühle mich moralisch schuldig, dass ich die Morde und Bombenanschläge nicht verhindern konnte.“

Alle Geschehnisse im Gerichtssaal vom Mittwoch im Ticker zum Nachlesen.

Die Meinung der Zuschauer

Noch vor 6 Uhr morgens standen gestern Hunderte Münchner vor dem Strafjustizzentrum in der Nymphenburger Straße an. Sie alle wollten die Aussage von Beate Zschäpe hören, nur wenige fanden innen aber noch Platz, denn der Andrang war riesig! Ebenso die Enttäuschung über Zschäpes Aussage: Lesen Sie hier die Reaktionen:

Jasmina Agic (23), Studentin aus dem Hasenbergl: Ich dachte von Anfang an, dass Beate Zschäpe alles leugnet. Ihre Aussage war eine große Enttäuschung. Als einzige Überlebende kann sie natürlich sehr einfach behaupten, dass sie es nicht war und auch nichts gewusst hat. Die Erklärung des Verteidigers wirkte auf mich zu konstruiert. So wie ein perfekter Plan.

Andrea Römhildt (22), Studentin aus Moosach: Ich fand die Aussage auch sehr konstruiert. Es ist natürlich die bestmögliche Verteidigung zu behaupten, dass sie unschuldig ist und von nichts wusste. Aber sie hat versucht, jeden einzelnen Punkt zu rechtfertigen – so, als hätte sie nichts gemacht. Meine Hoffnung war, dass die Aussage zur Aufklärung beiträgt. Jetzt stellt sie sich aber selbst als Opfer dar.

Taha Kahyo (62), Diplom-Kaufmann aus Berlin: Ich empfand die Aussage als ziemlich künstlich, auch die Entschuldigung war eher pro forma. Ich nehme Frau Zschäpe die Reue nicht ab, denn vorher hat sie diese auch nie geäußert. Es ist für mich nicht glaubhaft, dass sie nie etwas mitbekommen hat, weil sie mit den beiden Männern zusammengelebt hat. Frau Zschäpe hätte viele Morde verhindern können. Diese Tatsache wird immer stehen bleiben.

Andreas Thieme

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