Der letzte Salut

Bewegender Abschied von Altkanzler Helmut Schmidt

+
Der Tod von Helmut Schmidt berührt die Menschen: Als sein Leichnam gestern aus seinem Haus abgeholt wurde, standen Polizisten Spalier.

Hamburg - Altkanzler Helmut Schmidt ist am Dienstag im Alter von 96 Jahren friedlich und sanft für immer eingeschlafen. Einen Tag später ist die Trauer in Hamburg besonders groß.

Blumen, Kerzen, Fotos, Karten und eine Menthol-Zigarette mit einem schlichten „Tschüß und Danke“ legten die Trauernden vor Schmidts Haus nieder.

Es war eine bewegende, ja rührende Geste, mit der sich gestern ein Polizist von Altkanzler Helmut Schmidt verabschiedete: Als der Leichenwagen gestern den schlichten Holzsarg aus dem Anwesen des Verstorbenen in Hamburg-Langenhorn abholte, salutierte der Beamte ganz spontan. Mit ihm hatten Dutzende Trauernde die Szene verfolgt, traurig und schweigend sahen sie dem Wagen hinterher. Hier und da flossen Tränen. Vor Schmidts Haus hatten die Menschen Unmengen Blumen und Kerzen abgelegt. „Tschüss!“, „Grüß Loki“ stand auf den letzten Grüßen, jemand hatte eine durchnässte Menthol-Zigarette hinzugefügt.

Wie groß die Trauer um diesen einzigartigen Staatsmann ist, zeigte sich gestern auch am Hamburger Michel. Die Menschen standen stundenlang Schlange, um sich in das Kondolenzbuch der Hansestadt einzutragen. Die Bürgerschaft gedachte zu Beginn ihrer Plenarsitzung mit einer Schweigeminute ihres ehemaligen Innensenators. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Stadt Helmut Schmidt mit einem besonderen Ort ehrt. Das kann eine Straße sein, ein Platz oder eine Brücke. Im Internet mehren sich aber bereits Stimmen, die fordern, den Hamburger Flughafen nach dem Altkanzler zu benennen.

Wie und wann Helmut Schmidt zur letzten Ruhe gebettet wird, ist noch nicht in allen Einzelheiten klar. Klar ist aber, dass es einen Staatsakt geben wird, der in zwei oder drei Wochen stattfinden wird. Das bedeutet, dass zum großen Abschied Staatsoberhäupter aus aller Welt erwartet werden, die Zeremonie vom Bundesinnenministerium geplant wird und der Bund die Kosten trägt. Normalerweise würde so ein Staatsakt in Berlin stattfinden – doch Helmut Schmidt, dem solche offiziellen Akte eigentlich zuwider waren, hatte sich gewünscht, man würde ihm in seiner Heimatstadt Lebewohl sagen. Nun soll die zentrale Trauerfeier wohl im Hamburger Michel stattfinden, im Rathaus sollen anschließend geladene Gäste empfangen werden. Das hatte die Zeitung Die Welt bereits in Erfahrung gebracht. Übrigens fand ein Staatstrauerakt bislang nur ein einziges Mal in Hamburg statt: als Ex-Finanzminister Karl Schiller 1994 starb.

Zur letzten Ruhe wollte Helmut Schmidt dann aber doch im kleinsten, im privaten Kreise gebettet werden. Auf dem Friedhof Ohlsdorf wird er im Grab seiner Familie neben Mutter Ludovika († 78, gestorben 1968) und Vater Gustav († 92, gestorben 1980) beigesetzt. Und er wird vereint sein mit seiner großen Liebe Hannelore „Loki“ Schmidt, die ihm 2010 vorausgegangen war.

Verbunden bleibt das Paar weit über seinen Tod hinaus: Helmut Schmidt, der unter anderem mit Büchern und Vorträgen ein Vermögen zusammentrug, wollte laut Bild den größten Teil seines Erbes, darunter auch sein Haus in Hamburg-Langenhorn spenden – an die Helmut-und-Loki-Schmidt-Stiftung. Sie soll das Andenken an die beiden bewahren und Projekte aus Forschung und Umweltschutz fördern. Letzteres ein Thema, das Loki besonders am Herzen lag.

„Ein ganz Großer ist gegangen“

Gauck, Merkel und Steinmeier trugen sich ins Kondolenzbuch ein.

Man merkte es ihnen an: Der Gang zum Kondolenzbuch im Bundeskanzleramt in Berlin fiel Kanzlerin Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck und Außenminister Frank-WalterSteinmeier nicht leicht. Unter einem Ölbild des Altkanzlers trugen sie sich gestern in das schwarze Buch ein.

Merkel schrieb: „In tiefer Trauer und Respekt vor einem großen Staatsmann“. Gauck trug sich mit folgenden Worten ein: „Dank dem Staatsmann, der seinem, unserem Land mit Weitsicht, Entschlossenheit und der Leidenschaft zur Vernunft diente. Dank dem Bürger, der uns vorlebte, dass Verantwortung der Lebensatem der Demokratie ist.“ Und Steinmeier formulierte: „Deutschland hat einen Politiker und Menschen verloren, zu dem die Leute aufgeschaut haben, dessen Rat und Klugheit sie geschätzt haben. Ein ganz Großer ist gegangen.“

Das Kondolenzbuch liegt noch bis nächsten Mittwoch im Kanzleramt aus. Auch im Willy-Brandt-Haus der SPD in Berlin können sich Trauernde in ein schwarzes Buch eintragen. Wo Sie sich in München eintragen können, lesen Sie rechts.

Wer in München oder Bayern persönlich Abschied von Helmut Schmidt nehmen möchte, kann das tun: In den Geschäftsstellen der Bayern-SPD liegen ab dem heutigen Donnerstag Kondolenzbücher aus. In der Landeshauptstadt befindet sie sich am Oberanger 38.

Die Polit-Prominenz trauert

Jimmy Carter, Ex-US-Präsident (1977 – 1981): „Ich habe einen Freund verloren und die Welt einen scharfsinnigen Anführer.“ Während seiner Präsidentschaft zu Schmidts Zeiten sei man sich nicht in allen Fragen einig gewesen – eine höfliche Umschreibung für ein mehr als angespanntes Verhältnis. Die gemeinsame Vision von Europa habe sie aber verbunden. Der inzwischen 91-jährige Carter: „Als wir beide das Amt verlassen hatten, genossen wir es, uns über viele Themen zu beraten und wurden gute Kollegen.“

✽ ✽ ✽

Hans Dietrich Genscher war unter Helmut Schmidts Regierung u. a. Vizekanzler. Im Deutschlandradio sagte er über den Verstorbenen: „Ruhe und Festigkeit aber auch Selbstvertrauen, das war etwas, was ihn auszeichnete und was auch seine große Ausstrahlung ausmachte, die weit über die Amtszeit hinausgegangen ist. Er war seit 1982 nicht mehr im Amt, aber wo er sich bewegte, bewegte er wie ein regierender Fürst.“

✽ ✽ ✽

Italiens Ex- Premier Romano Prodi: „Er war ein erleuchteter Kanzler Deutschlands, immer aufmerksam bei den komplexen internationalen Problemen und mit einer außerordentlichen Sensibilität im Umgang mit den Themen der Sozialpolitik ausgestattet.“

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesen

AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
AfD-Politiker wünscht sich islamistische Anschläge in Deutschland
SPD-Parteizentrale evakuiert - Polizei gibt Entwarnung
SPD-Parteizentrale evakuiert - Polizei gibt Entwarnung
Serdar Somuncu gegen den IS: „Was muss das für ein elender Gott sein“
Serdar Somuncu gegen den IS: „Was muss das für ein elender Gott sein“
Besuch von Konzert: Guardiola bangte um Frau und Kinder
Besuch von Konzert: Guardiola bangte um Frau und Kinder

Kommentare