Bitte vergessen Sie mich nicht, Frau Merkel!

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Aden Salaad beim Baden im Flüchtlingslager Dadaab: Der Zweijährige ist eines von rund 385 000 unterernährten Kindern, die nach Kenia geflohen sind

Nairobi - Bundeskanzlerin Angela Merkel ist zu ihrer dritten Afrika-Reise aufgebrochen. Im dicht gedrängten Reiseplan geht es in erster Linie um die Anbahnung von Geschäften.

Eigentlich sollte es bei Angela Merkels dritter Afrika-Reise um ein ganz anderes Bild des Schwarzen Kontinents gehen: Nicht wieder Hunger und Elend sollten diese Reise der Kanzlerin nach Kenia, Nigeria und Angola beherrschen, sondern die aufstrebende Wirtschaftsmacht Afrikas sollte gefeiert werden – die deutsche Wirtschaftsdelegation, die Merkel begleitet, hofft auf gute Geschäfte. Und auch um Öl und Gas für die deutsche Energiewende geht es. Aber die alten Probleme Afrikas holen Merkel auf dieser Reise doch wieder ein! Gerade am Tag ihrer Ankunft am Montag in Kenia schlugen die Vereinten Nationen Alarm: Am Horn von Afrika sei die „schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt“ im Gange – und das Drama spielt sich auch in Kenia, dem ersten Reiseziel der Kanzlerin ab. Denn rund 380 000 Menschen sind aus dem dürregeplagten Somalia ins Nachbarland Kenia geflohen.

„Noch nie habe ich in einem Flüchtlingscamp Menschen in einem so verzweifelten Zustand gesehen“, sagte UNHCR-Chef Antonio Guterres nach einem Besuch eines Lagers in Dadaab in Kenia.

Doch Merkel hat nicht vor, das Elend in den kenianischen Flüchtlingscamps zu besuchen – trotz der dramatischen aktuellen Entwicklung, wie ein Sprecher des Kanzleramts der tz bestätigte. Im dicht gedrängten Reiseplan geht es in erster Linie um die Anbahnung von Geschäften.

So hoffen deutsche Energieunternehmen auf Aufträge, um das marode Stromnetz Angolas auszubauen. Deutschland bezieht derzeit 18 Prozent seiner Rohölimporte aus Afrika – das könnte weit mehr werden.

Aber China und Indien waren eben schneller als die Deutschen: Betrug das Handelsvolumen zwischen China und Afrika 1995 noch rund drei Milliarden Euro, lag es 2010 schon bei mehr als 110 Milliarden.

Die Chinesen bauen in ganz Afrika Straßen, Fußballstadien und Präsidentenpaläste. Und sie stellen – anders als die Europäer – keine lästigen Fragen nach Menschenrechten oder Korruption. Rund eine Million Chinesen leben inzwischen in Afrika: Unternehmer, Bauarbeiter, Ingenieure …

Den Chinesen ist die dramatische Diskrepanz zwischen Luxus und Elend egal: Luanda, Angolas Hauptstadt, hat einerseits die höchsten Büromietpreise weltweit. Vertreter der Öl-Konzerne aus aller Welt und die angolanische Oberschicht leben in Saus und Braus. Andererseits fristen dort 37 Prozent der Bevölkerung ein Leben unter der absoluten Armutsgrenze. Nur 42 Prozent der Angolaner haben Zugang zu Trinkwasser, Tausende sterben jährlich an Malaria oder Cholera.

Dieses Ungleichgewicht anzusprechen, ist schlecht fürs Geschäft – deshalb steckt Merkel bei dieser Reise in einer Zwickmühle.

Klaus Rimpel

Die Bundesregierung: Merkel und ihre Minister

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385.000 Kinder leiden an Mangelernährung

Hungersnot in Afrika – ein sich in immer kürzeren Abständen wiederholender Albtraum, der regelmäßig das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen auf den Plan ruft. Auch jetzt gehört Unicef dank seiner guten logistischen Vernetzung zu den ersten Organisationen, die in den Flüchtlingslagern am Horn von Afrika eintreffen. Zehn Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien, Dschibuti und Kenia seien von der Dürre- und Nahrungsmittelknappheit bedroht, warnt Christian Schneider, Geschäftsführer von Unicef Deutschland, „vor allem die Bevölkerung in ländlichen Gebieten.“ Die Bewohner fliehen vor den rissigen Böden und den explodierenden Preisen, die Zeltunterkünfte am Rande der Notstandsgebiete sind überfüllt. „Schon jetzt leiden allein in Kenia 385 000 Kinder unter Mangelernährung“, schlägt die Münchner Unicef-Sprecherin Claudia Graus Alarm. 65 000 von ihnen seien in akuter Gefahr. Bei den hungernden Kindern geht es nicht nur um die dringend benötigte Verpflegung – sie sind auch besonders anfällig für Krankheiten wie Masern, Durchfall oder Lungenentzündung. Angesichts der hygienischen Zustände sorgt sich Unicef vor allem um die Babys. Für die größeren Kinder wird, z. B. durch die „Schule aus der Kiste“ verzweifelt versucht, ein wenig Normalität zu schaffen.

Die jetzt von der anhaltenden Trockenheit heimgesuchten Landstriche hätten sich gerade halbwegs von der Dürrekatastrophe des Jahres 2006 erholt, schildert Claudia Graus den aussichtslos scheinenden Kampf der Menschen gegen die Natur im Nordosten Afrikas. „Jetzt mussten die Bauern ihr Vieh wieder verkaufen – ihre Lebensgrundlage“. Die Nahrungsmittelknappheit lässt die Preise in die Höhe schießen: „Die Leute können sich jetzt gar nichts mehr leisten.“ Zwei Faktoren seien es vor allem, die die Situation am Horn von Afrika langfristig noch zum Negativen verändern könnte: Zum einen machen die Auswirkungen des Klimawandels die Bewirtschaftung des Bodens in diesen Gebieten immer schwieriger, zum anderen sind wegen des rasanten Bevölkerungswachstums von jeder Missernte und anhaltenden Dürre mehr Menschen betroffen.

Umso wichtiger ist Unterstützung von außen. Dazu könne langfristig auch die wirtschaftliche Entwicklung des Kontinents beitragen, die Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer Afrikareise fördern will, so Unicef-Chef Schneider. Er drängt aber auch auf Akut-Hilfe und appelliert an die Regierungschefin, Deutschland an der „gemeinsamen Kraftanstrengung zu beteiligen, um die humanitäre Krise am Horn von Afrika zu bekämpfen.“

Unicef hat ein Nothilfeprogramm für die betroffenen Länder und Regionen gestartet: Gemeinsam mit seinen Partnerorganisationen unterstützt das Kinderhilfswerk etwa in Kenia die Versorgung der jungen Generation mit therapeuischer Nahrung in allen 26 Distrikten im Norden und Nordosten des Landes. Für Ende Juli wird eine Impfkampagne gegen Masern und Kinderlähmung vorbereitet. Außerdem stellt Unicef die therapeutische Zusatznahrung für das Flüchtlingslager Dadaab und die umliegenden Gemeinden bereit und unterstützt dort die Versorgung mit Trinkwasser – zum Beispiel durch den Bau neuer Brunnen und die Installation von Wasserpumpen.

Das Unicef-Spendenkonto der tz: Stichwort: „Nothilfe Horn von Afrika“, Kontonummer bei der Dresdner Bank 303040400, BLZ 700 800 00.

BW.

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