Er wird wahrscheinlich Nachfolger von Theresa May

Hier kommt Boris: Wer ist dieser Blondschopf, der den Brexit jetzt durchsetzen will?

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„So bizarr, dass man davon wie hypnotisiert ist“: Boris Johnson liebt den außergewöhnlichen Auftritt. Sei es beim Eisessen, in der Wurstfabrik oder beim Besuch einer Farm, als er sich spontan entscheidet, ein Schaf zu scheren. 

Die einen halten ihn für einen Clown, die anderen für ziemlich gerissen. Boris Johnson wird wohl der nächste britische Premierminister, der den Brexit vollenden soll. Kommt es dazu, ist vieles denkbar - nur Langeweile nicht.

München – Als Boris Johnson im Juni von seinem Hobby erzählte, wussten die Briten mal wieder nicht recht, was sie davon halten sollten. Er baue zur Entspannung gerne Modell-Busse aus alten Weinkisten und richte sie für „glückliche Reisende“ ein, hatte Johnson im Radio behauptet. Ein Politikprofessor urteilte, das sei „so bizarr, dass man davon wie hypnotisiert ist“. Und der Autor Simon Blackwell schrieb auf Twitter, Johnson meine im Klartext: „Ich kann jeden unglaublichen Mist erzählen und trotzdem Premierminister werden.“

Das ist wohl immer die entscheidende Frage bei Boris Johnson, der tatsächlich der wahrscheinliche nächste britischen Premierminister ist: Macht er einen Witz, blufft er, oder sagt er einfach nur die Wahrheit?

Sein Vater ist bis heute bekennender Pro-Europäer

Der Mann, der die Briten nun endgültig aus der EU führen will, ist ein Kind der britischen Oberschicht. Sein Urgroßvater war der letzte Innenminister des Osmanischen Reichs. Sein Vater saß für die Konservativen im Europaparlament und ist bis heute bekennender Pro-Europäer. Boris Johnson besuchte das Elite-Internat Eton, studierte in Oxford gemeinsam mit dem späteren Premier David Cameron und wurde danach Journalist.

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Als solcher wurde er zunächst von der renommierten „Times“ entlassen, weil er ein Zitat verfälscht hatte. Später berichtete er als Korrespondent für den „Daily Telegraph“ aus Brüssel. Anschließend war er Herausgeber der konservativen Wochenzeitung „The Spectator“.

Wie die Geschichte des Journalisten ist auch die des Politikers Boris Johnson geprägt von Fehltritten und Erfolgen:

2001 wurde er erstmals ins Parlament gewählt.

Über Hillary Clinton hat er geschrieben: „Sie hat blond gefärbte Haare, einen Schmollmund und einen stahlblauen Blick, wie eine sadistische Krankenschwester in einer psychiatrischen Klinik.“

2008 trat Johnson als Londoner Bürgermeister-Kandidat an – und gewann überraschend.

Auf die Frage, ob er je Drogen genommen habe, hat er geantwortet: „Man hat mich einmal Kokain probieren lassen, aber während des Schnupfens musste ich niesen. Kann sein, dass es auch nur Puderzucker war.“

2012 wurde er im Bürgermeister-Amt bestätigt.

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„Wenn Sie die Konservativen wählen, bekommt Ihre Frau größere Brüste und Sie haben bessere Chancen auf einen BMW M3“, hat er Wählern einmal versprochen.

2015 zog er wieder ins Unterhaus ein.

Weil er keinen Spruch auslässt, halten manche Johnson für einen Clown. „Er ist in Wahrheit eine komplexere Persönlichkeit, als es manchmal den Anschein hat“, sagte jüngst hingegen sein Brexit-Gegenspieler, Großbritanniens Finanzminister Philip Hammond.

Die EU verglich Boris Johnson mit der Nazi-Diktatur

Seine große politische Stunde sah der Blondschopf, den die Briten nur Boris nennen, 2016 vor dem Brexit-Referendum gekommen. Johnson schwang sich zum Gesicht der Leave-Kampagne auf. Er überschritt Grenzen. Die EU verglich er mit der Nazi-Diktatur. Sie strebe einen europäischen Superstaat an, „Napoleon, Hitler, diverse Leute haben das versucht, und es endete tragisch“, befand er. Johnson verdrehte Fakten: Rund 400 Millionen Euro gingen wöchentlich an die EU, behauptete er – ohne zu erwähnen, dass ein erheblicher Teil dieses Geldes wieder zurückfloss. Der Union zu entkommen, das „wäre, wie aus dem Knast auszubrechen“.

Vor Tory-Wahl: Minister will zurücktreten, wenn Boris Johnson Premier wird

Und dann passierte es wirklich. Am 23. Juni 2016 sprachen sich 51,89 Prozent der britischen Wähler für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Europäischen Union aus. Premierminister David Cameron trat zurück, der Weg an die Spitze war frei. Doch Johnson konnte seine Chance damals nicht nutzen, weil es ihm nicht gelang, die nötigen politischen Bündnisse zu schmieden. So kam Theresa May zum Zug. Die eigentliche EU-Befürworterin holte ihren Rivalen als Außenminister in ihr Kabinett. Für Johnson begannen zwei schwierige Jahre. Im Juli 2018 trat er zurück.

Seit klar ist, dass May, die den Brexit-Vertrag mit der EU ausgehandelt hat, das Feld räumt, ist Johnson mit voller Kraft zurück. Und wie es aussieht, wird ihn die Queen am Mittwoch mit der Regierungsbildung beauftragen.

Es wird erwartet, dass er dann im Sommer durch europäische Hauptstädte touren könnte, um Teile der bisher eisern zusammenstehenden EU aufzuweichen, und so bessere Bedingungen für die Briten rauszuholen. Drohen könnte er mit einem No-Deal-Szenario – dem Brexit ohne Abkommen. Johnson müsste dann Europas Regierungschefs davon überzeugen, dass er es diesmal wirklich ernst meint. 

mit dpa und AFP

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