Bundestagswahl: Grüne und SPD gewinnen hinzu

Münchner Wähler bereiten CSU historische Schlappe, Grüne jetzt stärkste Kraft an der Isar

Münchens CSU-Chef Georg Eisenreich
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Münchens CSU-Chef Georg Eisenreich: „Die Union hat einen Wahlkampf voller Fehler und verpasster Chancen geführt.“

Die Münchner CSU muss bei der Bundestagswahl eine historische Schlappe hinnehmen. Stärkste Kraft werden vermutlich die Grünen. Die SPD erholt sich von ihrem Tief.

Der Kampf um die vier Direktmandate ist bis in den Wahl-Abend hinein spannend.

Kurz nach 19 Uhr trudelten am Sonntag die ersten Ergebnisse aus den Münchner* Wahlbezirken ein. Und schon da war zweierlei ersichtlich: Der Kampf um die vier Direktmandate würde wie erwartet zu einem spannenden Wimpernschlagfinale werden, und die CSU muss ein historisches Desaster verkraften. Schon das Zweitstimmen-Ergebnis von 30,0 Prozent im Jahr 2017 bedeutete einen Tiefstand. Nach Auszählung von etwa der Hälfte der 926 Münchner Wahlbezirke lag die CSU bei 22,9 Prozent. Münchens CSU-Chef Georg Eisenreich redet daher auch nicht lange um den heißen Brei herum: „Die Union hat einen Wahlkampf voller Fehler und verpasster Chancen geführt. Es gab eine Aufholjagd, die zu spät begonnen hat“, sagt er am Sonntag in einer ersten Reaktion. Man sei unter den Möglichkeiten geblieben. er hoffe dennoch, dass es eine von der Union geführte Bundesregierung geben werde.

München: Stärkste Kraft in der Landeshauptstadt sind nun die Grünen

Stärkste Kraft in der Landeshauptstadt sind nun die Grünen. Sie steigern ihren Stimmenanteil von 17,2 auf rund 24 bis 25 Prozent. Die SPD erholt sich von ihrem Tief der vergangenen Bundestagswahl (16,2 Prozent) und kam – Stand Sonntag 20.15 Uhr – auf rund 20 Prozent. Der Stimmenanteil der FDP sinkt bis dahin leicht von 14,2 auf etwa 13 Prozent. Klare Einbußen müssen AfD und Linke hinnehmen, die 2017 noch auf 8,4 beziehungsweise 8,3 Prozent kommen. Die Linke lieht nach 50 Prozent der ausgezählten Wahlbezirke bei knapp fünf Prozent, die AfD bei rund sechs Prozent. Die Freien Wähler spielen mit etwa 2,5 Prozent keine Rolle. Im Osten dürfte das Direktmandat an Wolfgang Stefinger von der CSU gehen.

Bei der SPD, die sich im Paulaner am Nockherberg trifft, brandet nach den Prognosen von ARD und ZDF Jubel auf. Einige Parteianhänger haben SPD-Fahnen dabei. Fantastisch sei das Ergebnis, gar von einem Wunder ist die Rede – und die CSU sei abgewatscht worden, heißt es. Münchens OB Dieter Reiter, der nicht bei der Wahlparty, sondern zuhause weilt, erklärt: „Der Regierungsauftrag geht an Olaf Scholz. Es ist ein überragender Abend für die Sozialdemokratie.“ Ich bin auch froh, dass die AfD bundesweit verloren hat, auch das ist ein starkes Zeichen für Deutschland. Mit einem Kanzler Scholz verbinde er große Hoffnungen für alle Projekte, die von der Union bislang blockiert wurden: „besserer Mieterschutz, sozialer Wohnungsbau und Investitionen in den ÖPNV.“ Er sei auch froh, dass die AfD bundesweit verloren habe, auch das sei ein starkes Zeichen für Deutschland.

Bundestagswahl in München: Ausgelassene Stimmung bei der Grünen

Bei den Grünen im Muffatwerk herrscht ebenfalls ausgelassene Stimmung, allerdings wohl eher wegen des Wahlsieges bei den Abgeordnetenwahlen in Berlin. Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Dieter Janecek, Direktkandidat im Wahlkreis West/Mitte, reagiert hingegen eher zurückhaltend: „Wir hätten uns mehr gewünscht, aber abwarten“, sagt er. Landeschefin Claudia zeigt sich kämpferisch. Das Wahlergebnis sei ein Mandat, „Verantwortung zu übernehmen“.

Als „sensationell“ beschreibt unser Außenreporter die Stimmung bei der FDP im Hofbräukeller, die Rede ist von einem historischen Wahlergebnis. Der Landesvorsitzende und Direktkandidat im Münchner Norden, Daniel Föst, zeigt sich überglücklich: „Wir haben beide Wahlziele erreicht: wieder zweistellig und keine Regierung ohne Beteiligung der FDP möglich – wenn man mal von dem masochistischen Selbstversuch der GroKo absieht.“ Viele Bürger hätten während der Corona-Krise gemerkt: „So wie es ist, kann es nicht bleiben.“ Man werde heute feiern, und ab morgen daran arbeiten, wie sich eine Regierungsbeteiligung der FDP bewerkstelligen lasse. CSU-Generalsekretär Markus Blume wiederum muss sich an aus Sicht der Union kleinen Erfolgen erfreuen: „Entscheidend ist, dass es offensichtlich keine Mehrheit für ein Linksbündnis gibt.“ Eisenreich:“Die Union hat einen Wahlkampf voller Fehler und verpasster Chancen geführt. Es gab eine Aufholjagd, die zu spät begonnen hat. Union ist unter ihren Möglichkeiten geblieben. Ich hoffe, dass es trotzdem eine von der Union geführte Regierung geben wird.“

München: Zeiten, in denen viele Protagonisten im Kreisverwaltungsreferat die Ergebnisse verfolgt haben, sind vorbei

Im Kreisverwaltungsreferat (KVR) haben sich unterdessen nur wenige Politiker eingefunden. „Es herrscht ziemlich tote Hose“, meldet unser Korrespondent. Die Zeiten, in denen dort von vielen Protagonisten der Münchner Kommunalpolitik die ersten Ergebnisse verfolgt wurden, sind vorbei.

Michael Piazolo: Die Stimmung ist gut, wir beobachten die Ergebnisse, die in Bayern für uns ja nicht so schlecht sind. Bundespolitisch hätten wir uns natürlich mehr gewünscht. Aber es ist eben schwer, wenn sich alles nur auf die Großen konzentriert.“ Nicole Gohlke: „Wir haben hier in München einen sehr guten und engagierten Wahlkampf gemacht. Dass wir sehr weit entfernt sind von unserem Wahlkampfziel und jetzt zittern müssen, ist sehr ernüchternd. Wir hoffen, dass wir den heutigen Abend irgendwie überstehen - eine kleine Party gibt es trotzdem.

Bei den Zweitstimmen sanken in München 2017 sowohl CSU (30,0 Prozent) als auch SPD (16,2 Prozent) auf ein historisches Tief.. Die Grünen kamen bei der vergangenen Bundestagswahl auf 17,2 Prozent, die FDP auf 14,2 Prozent. AfD und Linke landeten mit 8,4 beziehungsweise 8,3 Prozent in etwa gleichauf.

Knapp 500 000 Bürger haben Briefwahlunterlagen beantragt

In den vier Stimmbezirken der Landeshauptstadt treten insgesamt 65 Direktkandidaten an: 18 im Stimmbezirk Nord, je 17 im Osten und in West/Mitte sowie 13 im Süden. Mit der Zweitstimme sind 26 Parteien wählbar. Viele Münchner haben unterdessen ihr Kreuzchen bereits gemacht. Knapp 500 000 (497 750) Bürger haben Briefwahlunterlagen beantragt, 365 000 haben diese bis Donnerstag bereits zurückgesendet. Damit dürfte eine – nahezu unglaubliche – Quote von 65 bis 70 Prozent an Briefwählern erreicht werden. 2017 lag dieser Wert bei 42,6 Prozent, was damals schon Rekord bedeutete.

In der Stadt gibt es jeweils 463 Urnenwahl- und 463 Briefwahlbezirke. Pro Wahllokal – sie sind zwischen 8 und 18 Uhr geöffnet – werden acht Wahlhelfer eingesetzt, insgesamt etwa 3700 in ganz München. Mit der Auszählung aller Stimmzettel wird erst nach Schließung der Wahllokale um 18 Uhr begonnen. Erste Trendmeldungen der Münchner Ergebnisse sind laut Kreisverwaltungsreferat (KVR) gegen 19 Uhr zu erwarten. Sie werden im Internet laufend aktualisiert (www.wahlen-muenchen.de).

308 778 Briefwähler. Bei der Kommunalwahl 2020 lag der Anteil der Briefwähler bereits bei 53,6 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag 2017 bei 78,5 Prozent (2013: 71,2 Prozent)

Nord: Loos (32,2), Post (26,0), Wagner (13,1).

Ost: Stefinger (36,8), Tausend (21,3), Bause (15,2).

Süd: Kuffer (33,0), Roloff (23,5), Heilrath (13,8).

West/Mitte: Pilsinger (33,3), Goodwin (23,1), Janecek (16,3).

Auf www.wahlen-muenchen.de veröffentlicht das Wahlamt im Lauf des Wahlsonntags ab etwa 10.15 Uhr stündlich aktualisiert die Wahlbeteiligung in den Wahlräumen. K. VICK, S. KAROWSKI, C. SCHURI, C. ICK-DIETL, D. POHL UND A. DASCHNER UND A. SCHMIDT *tz.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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