Opposition oder Juniorpartner?

SPD: Süß-saures Ende ohne Feierstimmung

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Geschockt vom CSU-Ergebnis: OB-Kandidat Dieter Reiter.

München - Viele Fragen bei SPD am Wahlabend: Opposition gegen eine denkbar knappe absolute Mehrheit der Union? Opposition gegen ein schwarz-grünes Bündnis? Oder wieder Juniorpartner einer Großen Koalition?

Opposition gegen eine denkbar knappe absolute Mehrheit der Union? Opposition gegen ein schwarz-grünes Bündnis? Oder doch wieder Juniorpartner einer Großen Koalition?

Von Party kann im Willy-Brandt-Haus, der SPD-Zentrale in Berlin, keine Rede sein – obwohl sie im Vergleich zum 23-Prozent-Trauma von 2009 mehr als zweieinhalb Prozent zugelegt hat. „Puh, schwierig“, stöhnt ein altgedienter Genosse, als die erste Prognose von 26 Prozent für die SPD über die Leinwand flimmert. „Süß-sauer“, so formuliert es Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil. Zwar haben es die bisherigen Oppositionsparteien geschafft, dass Schwarz-Gelb abgewählt wurde, doch von dem Ziel, die bisherige Regierung durch eine rot-grüne Koalition abzulösen, ist man weit weg. SPD-Spitzenkandidat Peer Steinbrück gibt zu: „Wir haben nicht das Ergebnis erzielt, das wir wollten.“ Sogar in seinem eigenen Wahlkreis Mettmann liegt er mit 33,3 Prozent weit hinter seiner CDU-Kandidatin Michaela Noll, die 50,6 Prozent holte. Als Nummer eins auf der nordrhein-westfälischen Landesliste der SPD hat Steinbrück ein Bundestagsmandat aber sicher.

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Ob er nun weiterhin Verantwortung übernimmt? „Ich bleibe an Deck der SPD. Ich fühle die Verantwortung nach wie vor.“ Rückendeckung bekommt er von seinen Parteifreunden zumindest am gestrigen Abend: „Du bist ein Pfundskerl“, lobt SPD-Chef Sigmar Gabriel Steinbrück und seinen Wahlkampf. Unklar ist, wie es nun für die Sozialdemokraten in Berlin weitergeht. Steht die SPD für eine Neuauflage der Großen Koalition bereit? Steinbrück: „Der Ball liegt jetzt im Spielfeld von Frau Merkel.“ Einer möglichen rot-rot-grünen Koalition aus SPD, Grünen und Linken erteilt er erneut eine klare Absage: „Das haben wir ausgeschlossen, und das schließe ich auch für die Zukunft aus“, so Steinbrück. „Die Linkspartei ist für uns nicht koalitionsfähig.“

Auch in München kommt im Oberanger-Haus, wo die Bayern-SPD in ihrer Zentrale ihre Wahlparty abhält, nur Stimmung auf, wenn das Wahlergebnis der FDP auf der Leinwand auftaucht. Franz Maget, von 2000 bis 2009 Oppositionsführer im bayerischen Landtag und in den Landtagswahlkämpfen 2003 und 2008 Spitzenkandidat der Bayern-SPD, freut sich: „Schwarz-Gelb ist abgewählt.“ Doch Münchens SPD-Chef Hans-Ulrich Pfaffmann ist weniger euphorisch: „Ich hätte mir mehr gewünscht.“ Eines stimmt ihn allerdings glücklich: „Wir haben wieder zwei Münchner SPD-Bundestagsabgeordnete in Berlin, nachdem wir in der vergangenen Legislaturperiode keinen hatten.“

SPD-Landtagsfraktionschef Markus Rinderspacher versucht, dem Wahlergebnis aus bayerischer Sicht etwas Positives abzugewinnen: „Wir haben uns in Bayern stabilisiert.“ Und: „Wir haben den Abstand zur Bundes-SPD halbiert.“ Immerhin hat die Bayern-SPD voraussichtlich 20 Prozent geholt, 2009 waren es nur 16,8 Prozent. Für den Fall, dass Merkel mit einem Sitz mehr im Bundestag regiert? Rinderspacher: „Ich wünsche ihr viel Spaß, mit Leuten wie Peter Gauweiler oder Wolfgang Bosbach Mehrheiten zu organisieren.“ Zwischenzeitlich trudeln auch die Ergebisse aus Hessen ein. Grund für Applaus, da hier die SPD deutlich zugelegt hat, doch für rot-grün reicht es auch hier nicht.

Jubel und Entsetzen: Die Bundestagswahl 2013

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Dieter Reiter, OB-Kandidat der Münchner SPD, schaut derweil vom Oktoberfest am Oberanger vorbei: „Fast 50 Prozent für die CSU in Bayern, das ist schon heftig“, schüttelt er den Kopf. Aber er lobt seinen Kanzlerkandidaten: „Steinbrück hat einen super Wahlkampf gemacht. Der Stinkefinger hat mich nicht gestört.“

Auch die Parteisoldaten können es noch nicht so ganz fassen, dass es nicht zu mehr gereicht hat: „Ich stand immer an den Infoständen, und früher wurden wir oft als rote Socken beschimpft oder man sagte uns: ,Wir sind katholisch, wir wählen keine SPD.‘ Dieses Mal waren die Leute viel offener“, so eine ältere Dame.

Noch-Stadträtin Claudia Tausend könnte jubeln, da sie jetzt über die Landesliste ein Bundestagsmandat erreicht hat: „Wenn die CDU jetzt aber alleine regiert, kann mich das gar nicht wirklich freuen.“ Sie hat sich für zwei Ausschüsse in Berlin beworben: „Für Stadtentwicklung, Wohnungsbau und Verkehr, das mache ich schon seit 17 Jahren im Stadtrat.“ Auch Florian Post, derzeit Referent der Stadtwerke-Geschäftsführung, kann dank seines Listenplatzes die Koffer für Berlin packen. „Dort will ich mich für die Daseinsvorsorge und die erneuerbaren Energien stark machen.“ Post will in den Finanz- und Steuerausschuss. Vielleicht sogar in einer schwarz-roten Regierung? Post: „Eine große Koalition wünscht sich keiner wirklich.“

Johannes Welte

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