Experte im tz-Interview

"TV-Duell kann tatsächlich Meinungen ändern"

+
Für Unentschlossene kann das TV-Duell wahlentscheidend sein.

München - Im tz-Interview spricht Carsten Reinemann, Medienforscher an der LMU München, über das TV-Duell zwischen Merkel und Steinbrück sowie die Auswirkung auf die Wahl.

Angela Merkel ist die Favoritin: Laut ARD-Deutschlandtrend glauben 48 Prozent der Bundesbürger, dass die Kanzlerin das TV-Duell für sich entscheiden wird. Nur 26 Prozent denken, dass ihr Herausforderer Peer Steinbrück besser abschneiden wird. Doch Politik- und Medienwissenschaftler verweisen darauf, dass solch ein TV-Duell durchaus einen Umschwung im Meinungsbild auslösen könnte. Ein guter Auftritt des SPD-Herausforderers macht den Wahlkampf noch einmal spannend! Das tz-Wochenendthema analysiert die Chancen Steinbrücks – und beleuchtet die Bedeutung der Moderatoren wie Stefan Raab bei dem TV-Spektakel.

tz-Interview mit Prof. Carsten Reinemann, Medienforscher an der LMU München

Sie hatten das TV-Duell 2009 zwischen Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier von 70 Test-Personen anschauen lassen. Was war das Ergebnis? Kann so ein TV-Ereignis wirklich die Wahlentscheidung beeinflussen?

Prof. Carsten Reinemann: So ein Duell kann tatsächlich Meinungen ändern – über die Kandidaten, ihre Persönlichkeiten, über ihre Sachkompetenz, vor allem über den Herausforderer, den der Wähler noch nicht so gut kennt wie die Kanzlerin.

Muss der Wähler den SPD-Kandidaten überhaupt noch näher kennenlernen?

Prof. Carsten Reinemann

Reinemann: Man kennt Peer Steinbrück nur auf eine bestimmte Weise – sein Image ist nicht gerade das beste im Moment, bei den persönlichen Werten liegt er weit hinter der Kanzlerin zurück. Deshalb ist das TV-Duell eine Chance für ihn, weil er hier die Möglichkeit hat, sich ungefiltert einem Millionenpublikum zu präsentieren. Denken Sie an den US-Wahlkampf: Obamas Herausforderer Mitt Romney konnte da das von ihm gezeichnete negative Bild deutlich verbessern.

Wie aggressiv darf der Herausforderer Steinbrück auftreten, ohne dadurch unsympathisch zu wirken?

Reinemann: Die SPD hat vor allem ein Mobilisierungsproblem. Viele Wähler, die 1998 und 2002 den Sozialdemokraten ihre Stimme gegeben haben, tun das heute nicht mehr. In so einer Situation ist es für den Herausforderer durchaus eine angemessene Strategie, angriffslustig zu sein, um deutlich zu machen: Wo liegen die Unterschiede? Was würde ich anders machen als die Kanzlerin?

Sind gute Argumente wichtiger – oder gutes Aussehen?

Wahl-O-Mat: Welche Partei passt zu mir?

Reinemann: Das Äußere wird überschätzt, das haben alle unsere Studien gezeigt. Wie die Kandidaten aussehen, wissen wir ja, und die Politiker sind Profis genug, dass ihnen beispielsweise die Gesichtszüge nicht entgleiten. Deshalb ist das gesprochene Wort sehr entscheidend. Dass die Kandidaten da nicht mit Wort­hülsen durchkommen, ist die Aufgabe der Moderatoren. Die Zuschauer lassen sich durchaus auch von Zahlen beeindrucken, selbst wenn sie sich bei näherer Betrachtung als irreführend herausstellen. Auch da sind die Moderatoren gefragt, genau darauf zu schauen, ob die genannten Zahlen so stimmen.

Kann ein Moderator wie Stefan Raab dazu beitragen, mehr junge Leute für die Politik zu interessieren?

Reinemann: Ich kann mir schon vorstellen, dass der eine oder andere sich die Sendung wegen Raab anschaut. Wenn es ihm gelingt, junge Zuschauer anzuziehen, ohne die Sendung ins Klamaukhafte abdriften zu lassen, dann ist das eine gute Sache. Falls er eine Comedy daraus macht, sollte man es beim nächsten Mal lieber lassen.

Was kann Raab im Korsett der Duell-Regeln eigentlich anders machen?

Reinemann: Er kann nur versuchen, die Probleme seiner Kern-Zielgruppe in den Mittelpunkt zu stellen. Aber wegen des strengen Korsetts wird es keine so gravierenden Veränderungen geben, wie es sich mancher vielleicht erhofft.

Müssen die strengen Duell-Regeln weg?

Reinemann: Alle Regeln, die darüber hinaus gehen, dass man am Ende ein halbwegs ausgeglichenes Redezeit-Konto hat, sind ein Problem. Eigentlich ist das Ziel ja eine direkte Konfrontation der Kandidaten. Aber dem schlägt die die hohe Zahl der vier Moderatoren ein Schnippchen. Ein einziger, fachkundiger Moderator könnte die Gesprächsführung viel freier gestalten.

Was ergab Ihre Analyse der bisherigen TV-Duelle: Können die Kontrahenten verständlich sprechen?

Reinemann: Für die Kandidaten ist es eine besonders große Herausforderung, darauf zu achten, dass die sehr unterschiedliche Zuschauerschaft unter einen Hut gebracht wird – denn es schauen ja auch viele Menschen zu, denen die Politik sonst fern steht. Griffige Formulierungen und Statements können hängen bleiben, wie etwa Gerhard Schröders „Professor aus Heidelberg“. Für Leute, die nicht so informiert sind, wird nach so einem Duell die Persönlichkeit eines Kandidaten wichtiger als die Sachkompetenz.

Interview: Klaus Rimpel

Bundestagswahl: Diese Koalitionen sind möglich

Bundestagswahl: Diese Koalitionen sind möglich

auch interessant

Kommentare