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Designierter CDU-Chef Merz: Abschied vom „konservativen Knochen“

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Von: Mike Schier, Christian Deutschländer

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CDU-Politiker Friedrich Merz
Friedrich Merz wird neuer Parteichef der CDU. © Michael Kappeler/dpa

Im dritten Anlauf, kurz vor dem Ziel: Am Samstag (22. Januar) wird Friedrich Merz offiziell zum CDU-Vorsitzenden gewählt. Und versucht seine Kanten zu feilen.

München/Berlin – Das allerletzte Geständnis, das man von Friedrich Merz erwarten würde, ist das, ein Genosse zu sein. Aber es stimmt, und er erzählt es auf Nachfrage gern. Merz ist Genosse der Klosterbrauerei Reutberg, er hält Genossenschaftsanteile von 600 Euro. „Statt einer Dividende gibt es da einmal im Jahr eine zünftige Brotzeit mit zwei Mass Bier“, sagt er.

Genosse Friedrich! Das ist eine der erstaunlichsten Geschichten, die in diesen Tagen über den 66-Jährigen auftauchen. Kurz vor dem Antritt als Vorsitzender der CDU will Merz das öffentliche Bild von sich erheblich verbreitern, Rivalitäten glätten, Konflikte herunterdimmen. Er spricht das offen aus, jüngst im Interview mit der Süddeutschen Zeitung: „Es hat nie gestimmt, dass ich dieser konservative Knochen von vorgestern bin.“

CDU: Friedrich Merz will als Parteichef die breite Masse der Union ansprechen

Merz weiß zweierlei: Es gibt unter den konservativen Wählern im Land eine tiefe Sehnsucht nach Rückbesinnung, gewachsen in 16 Jahren Merkel. Aber: Selbst in der Union gilt das nur für einen Teil der Mitglieder. Als neuer Chef muss der Sauerländer beweisen, dass er für alle Strömungen da ist, konservative, liberale, für die aus der christlichen Soziallehre und für die schwarzen Sonderlinge aus Bayern auch.

Merz feilt deshalb seit wenigen Wochen gezielt an seinem Image und an seiner Rolle. Stichwort konservativ: Die Union sei die „Volkspartei der Mitte“, betont er. Sein Familienbild korrigierte er öffentlich, ist jetzt offen für Adoptionen in Homo-Ehen: „Manche homosexuellen Paare sind vermutlich bessere Eltern als manche heterosexuellen“, sagte er.

Dagegen zeigt er wenig Neigung, sein wirtschaftspolitisches Profil zu wandeln, das seit dem berühmten Leipziger Parteitag 2003 (der mit der Kopfpauschale) als neoliberal gilt. In der CDU hadern viele mit der „Sozialdemokratisierung“ unter Merkel. Mindestlohn, Rente mit 63. Unter Merz wird es andere Schwerpunkte geben – eher die Rente mit 69. Wo die FDP in der Ampel nun Kompromisse machen muss, kann Merz die reinere Lehre vertreten, solange der Sozialflügel nicht Sturm läuft. Und die Zusammenführung der Flügel dürfte alles andere als leicht werden: Laut Spiegel hatte Merz als Zeichen der Versöhnung für Samstagabend alle noch lebenden CDU-Vorsitzenden zu einem Essen eingeladen. Doch Angela Merkel und Annegret Kramp-Karrenbauer sagten ab.

Designierter CDU-Chef Friedrich Merz ist bemüht, neue Wege zu gehen

Stichwort Umwelt: Er redet nun häufiger von einer ökologischen Erneuerung der Marktwirtschaft, vom Respekt vor dem Lebewesen Tier, von Versöhnung. Für den Spiegel ließ er sich sogar demonstrativ im waldgrünen Anzug mit grasgrüner Krawatte fotografieren. Sein Weg allerdings ist ein anderer als der der echten Grünen. Merz zum Beispiel ist offen für die Kernenergie.

Stichwort Frauen: Als großer Frauenförderer wurde Merz nie wahrgenommen. Er ist gegen eine Quote für die Partei. Nun bemüht er sich aber, mehr Frauen in seine Mannschaft zu lotsen. Er holt die schleswig-holsteinische Kultusministerin Karin Prien in die CDU-Spitze, wahrlich nicht kantig-konservativ, dazu bleiben Julia Klöckner und Silvia Breher an Bord. Er bat sogar die männerlastige JU, eine junge Frau in die Parteiführung zu entsenden. Der Weg ist allerdings mühsam. Mit der baden-württembergischen Abgeordneten Christina Stumpp (34) stellte er zwar eine stellvertretende Generalsekretärin für die CDU in Aussicht. Dann aber bemerkte die Parteizentrale, dass es dieses Amt gar nicht gibt, und dass die Satzung erst geändert werden kann, wenn man wieder in Präsenz tagt.

Stichwort Bayern: Neu erfinden muss sich Merz für die Bayern nicht. Aber er bemüht sich darum, nicht als Sauerländer Fremdling wahrgenommen zu werden: Er verbringt viel Zeit im Freistaat, in die gemeinsame Videokonferenz der Unions-Spitzen wählte er sich aus dem Ferienhaus am Tegernsee ein. Die Reutberg-Episode zählt dazu, auch das Treffen mit Markus Söder am nahen Kirchsee: Die Fotoserie bei Eiseskälte und starkem Wind absolvierte er im dünnen Janker.

Friedrich Merz und die CSU – eine wechselvolle Geschichte

Mit der CSU verbindet Merz eine wechselvolle Geschichte. Horst Seehofer, einst als Sozialpolitiker sein Gegenspieler, überraschte in kleinem Kreis 2016, als er – auf dem Höhepunkt der Flüchtlingsdebatte – Merz als Kanzler-Alternative zur in Ungnade gefallenen Angela Merkel ins Spiel brachte. Damals schien Merz meilenweit weg vom Kanzleramt. Er stand beim Investmentgiganten BlackRock unter Vertrag. Ein potenzieller Stolperstein, der Seehofer später von der Merz-Idee abrücken ließ.

Mit Markus Söder, persönlich bisher alles andere als ein enger Freund, bemüht sich Merz nun um ein neues Verhältnis. Er gelobt, es werde einen fairen Umgang miteinander geben, und Söder sagt plakativ: „2021 darf sich nicht wiederholen.“ (cd/mik) Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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